Faktencheck: US-Atomkraft stärker als je zuvor?

Präsident Donald Trump behauptet, die nukleare Macht seines Landes sei nie grösser gewesen. Wir überprüfen diese Behauptung.

Gibt mit der nuklearen Macht seines Landes an: US-Präsident Donald Trump.

Gibt mit der nuklearen Macht seines Landes an: US-Präsident Donald Trump. Bild: Keystone

Mit seiner ersten Warnung in Richtung des Regimes von Kim Jong-un löste Donald Trump eine Eskalation im Nordkorea-Konflikt aus. Wenn das Land seine Drohungen fortsetze, werde diesen «mit Feuer und Wut begegnet, wie die Welt es so noch nicht gesehen hat», sagte der US-Präsident. Die Reaktion folgte sogleich: Wenige Stunden später kündigte Nordkorea an, dass man einen Raketenangriff auf die US-Insel Guam im Pazifik plane.

Doch bei dieser einen Androhung von Trump blieb es nicht. Nur wenig später doppelte der amerikanische Präsident nach. Auf Twitter gab er mit der nuklearen Macht seines Landes an, die unter seiner Führung zu alter Stärke gefunden haben soll. Diese nachfolgende Warnung liess die Spannungen nur noch weiter ansteigen.

Donald Trump behauptet:

«Meine erste Amtshandlung als Präsident war es, unser Nukleararsenal erneuern und modernisieren zu lassen. Es ist nun viel stärker und mächtiger als je zuvor.»

Der Check:

Trumps erste Amtshandlung als Präsident hatte nichts mit dem US-Atomprogramm zu tun, sondern war eine Verordnung, welche die Abschaffung von Obamacare einleiten sollte. Wie die Website des Weissen Hauses zeigt, folgten darauf noch ein Dutzend andere Verfügungen, bevor Trump in einem Memo über den «Wiederaufbau der US-Streitkräfte» in einem Satz das Pentagon anwies, für ein Atomarsenal zu sorgen, das «modern, robust, flexibel, belastbar, bereit und angemessen» sei. Die Umsetzung dieser Forderung begann gemäss Medienberichten erst im April und dauert noch mindestens bis Ende dieses Jahres. Zudem wird von jedem neuen US-Präsidenten ein solches «Nuclear Posture Review» erwartet.

Fakt ist: Derzeit läuft ein Modernisierungsplan des US-Nukleararsenals. Dieser wurde allerdings schon 2010 von Trumps Vorgänger Barack Obama initiiert und ist auf 30 Jahre ausgelegt. Laut verschiedenen Experten wurden seither noch keine entscheidenden Fortschritte erzielt, geschweige denn im letzten halben Jahr. «Am US-Nukleararsenal hat sich substanziell nichts geändert in den wenigen Monaten unter Trump», sagte Matthew Bunn, ein Spezialist für Atompolitik, gegenüber «Politifact». «Wir haben die gleichen Raketen und Bomber, mit den gleichen Nuklearwaffen, die wir schon vorher hatten.» Auch Atomexperte Jeffrey Lewis kann bei Trumps Aussage nur den Kopf schütteln. «Nirgends kommt dieses Statement der Realität nahe», sagte er der «Washington Post».

Todd Harrison, Verteidigungsexperte am Center for Strategic and International Studies, nahm gegenüber Bloomberg Stellung zu Trumps «Stärker als je zuvor»-Aussage. «An unseren nuklearen Sprengköpfen oder Bomben hat sich nichts verändert, was sie mächtiger machen würde», sagte er. Im Gegenteil würde das US-Arsenal an strategischen Atomwaffen schrumpfen. Denn Anfang 2011 vereinbarten die USA und Russland im «New Start»-Vertrag, die Zahl ihrer einsatzfähigen strategischen Atomwaffen auf je 1550 zu reduzieren.

Das Fazit:

Trumps Behauptung ist schlichtweg falsch. Erstens hatte seine erste Amtshandlung nichts mit dem US-Atomprogramm zu tun. Zweitens wird die Umsetzung des aktuellen nuklearen Modernisierungsplans, der unter Obama angestossen wurde, noch Jahrzehnte dauern. Laut Experten gab es noch keine Fortschritte, welche die Aussage von Trump rechtfertigen würden.

Alle bisherigen Faktenchecks finden Sie in unserer Collection. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.08.2017, 11:38 Uhr

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