Trumps Manöver gegen Comey

Donald Trump will «100 Prozent» unter Eid aussagen, um den Ex-FBI-Chef als Lügner zu entlarven. Seine Partei entschuldigt ihn: Der Präsident sei «neu im Job».

Russland-Affäre nicht ausgestanden: Donald Trump lässt sich zu einer Gegenoffensive hinreissen.

Russland-Affäre nicht ausgestanden: Donald Trump lässt sich zu einer Gegenoffensive hinreissen. Bild: Reuters

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Er brüstet sich gern mit dem Etikett, der härteste «Counterpuncher» überhaupt zu sein, ein aggressiver Gegner, der brutaler als alle anderen zurückschlägt. Weshalb Präsident Trump es seinem Widersacher James Comey nach dessen sensationellen Enthüllungen am Donnerstag so richtig heimzahlen wollte. Er hätte besser schweigen sollen: In einer hitzigen Reaktion auf die Aussagen des von ihm geschassten FBI-Direktors manövrierte sich Trump am Freitag in eine gefährliche Position, als er versprach, «100 Prozent» unter Eid aussagen zu wollen, um Comey als Lügner zu entlarven.

Ex-FBI-Chef James Comey sagt aus: «Das waren Lügen, schlicht und einfach». Video: AFP Dies kollidierte natürlich mit Trumps Befund, Comeys Antworten vor dem Geheimdienstausschuss des Senats hätten ihn, Trump, «rehabilitiert»: Zwar bestätigte der ehemalige FBI-Direktor, dass zumindest bis zu seiner Entlassung am 9. Mai nicht gegen Trump ermittelt worden sei und es bis dahin keine Beweise für eine Zusammenarbeit zwischen Trump-Mitarbeitern und Russland gegeben habe. Comey aber kann nicht zugleich Lügner und Entlastungszeuge für Trump sein. Obendrein warf der Präsident seinen Widersacher Meineid vor – ein Vergehen, das mit bis zu fünf Jahren Gefängnis geahndet werden kann.

Trumps vermeintliche Bereitschaft, sich von Sonderermittler Robert Mueller über seine Begegnungen und Gespräche mit Comey befragen zu lassen, dürfte seinen Anwalt Marc Kasowitz um den Schlaf gebracht haben: Im Verhör versierter Ermittler würde sich der Präsident gewiss verheddern, sein selektiver Zugang zur Wahrheit und seine Übertreibungen setzten ihn ebenso Gefahren aus wie seine impulsiven Reaktionen. Jeder Staatsanwalt in Muellers Team würde sich überdies die Hände reiben, wenn er eine Person, deren Aufmerksamkeitsspanne gegen null tendiert, unter Eid einvernehmen könnte. Zumal Trump, ein Feind des geschriebenen Worts, sich wohl kaum über Tage hinweg auf eine derartige Mangel vorbereiten würde. Falls Kasowitz dem Präsidenten einen solchen Fehltritt gestattete, sollte ihm die Anwaltslizenz entzogen werden. Aber er wird es nicht gestatten, weshalb Trumps 100-Prozent-Show niemals Realität werden wird. Gleiches dürfte für Trumps getwitterte Andeutung gelten, es existierten Tonbandmitschnitte seiner Unterhaltungen mit Comey. Wahrscheinlich sind sie eine Erfindung, eine vielleicht sogar justitiable Drohung des Präsidenten an Comey, gefälligst den Mund zu halten. Der ehemalige FBI-Chef aber hielt ihn nicht, nun will der Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses bis spätestens 23. Juni die Bänder. Erhalten wird er sie wohl kaum: Selbst wenn Trump mitgeschnitten hätte – was er bei Telefonaten in seinem früheren Leben gelegentlich tat – , würde Kasowitz einschreiten.

Von Nixon lernen

Denn nicht nur bewiesen die Aufnahmen wahrscheinlich, dass Comey die Wahrheit sagte und Trump nicht. Mitschnitte könnten überdies den Vorwurf stärken, der Präsident habe sich bei seiner mutmasslichen Einflussnahme auf Comey tatsächlich der Justizbehinderung schuldig gemacht – ein grosser Schritt hin zum «Impeachment», also einer Anklageerhebung. Wenn Trump aufgezeichnet hätte, wäre er gut beraten, das Aufgenommene widerrechtlich zu löschen. Es sei denn, die Aufzeichnungen überführten Comey als Lügner. Andernfalls könnte der Präsident von Richard Nixon lernen: Hätte Nixon seine Watergate-Tonbänder rechtzeitig kriminell entsorgt, wäre eine Anklageerhebung gegen ihn weitaus schwieriger gewesen. Wer bezüglich der Wahrheit die Wahl hat zwischen Donald Trump und James Comey, sollte freilich nicht allzuviel Geld auf den Präsidenten verwetten. Aber wer weiss? Trump ist immer für eine Überraschung gut.

«Neu im Job» Das gilt auch für seine republikanischen Freunde: Sie streuten nach Comeys Aussage, der Präsident sei ein blutiger Anfänger, der nicht wisse, was das Protokoll verlange. Dass Trump laut Comey die Einstellung der FBI-Ermittlungen gegen Ex-Sicherheitsberater Michael Flynn gewünscht oder zumindest darauf gehofft habe: Der Präsident sei eben «neu im Job», er kenne sich noch nicht aus, sagte Sprecher Paul Ryan. Bekanntlich schützt Unwissenheit nicht vor Strafe, aber für Donald Trump brät die Republikanische Partei gern eine Extrawurst. Falls Sonderermittler Mueller jedoch fündig wird oder Trump sich schon davor derart um Kopf und Kragen twittert und redet, dass die Basis zu bröckeln beginnt, wird ihn die Partei wie eine heisse Kartoffel fallen lassen. Bislang hält die republikanische Basis dem Präsidenten die Treue, vor allem evangelikale Christen versammelten sich nach Comeys Auftritt am Donnerstag hinter Trump. Versanden die Ermittlungen Muellers oder erweist sich James Comey als begnadeter Lügner und Showman, wird Donald Trumps Präsidentschaft wieder an Fahrt gewinnen. Zuvor aber wird Trump bis auf weiteres unter jener russischen «Wolke» leben, die James Comey wegzaubern sollte, weil der Präsident sie als unerträglich empfindet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2017, 11:59 Uhr

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