Trumps gefährliches Kalkül

Um das Stigma des Losers abzustreifen, heizt Donald Trump den Konflikt mit Nordkorea weiter an.

Wittert eine Chance, seinen politischen Frustrationen zu entfliehen: Donald Trump.

Wittert eine Chance, seinen politischen Frustrationen zu entfliehen: Donald Trump. Bild: Jonathan Ernst/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Befindlichkeit des amerikanischen Präsidenten zu erraten, ist dieser Tage nicht weiter schwierig: Donald Trump ist unzufrieden, er ist frustriert und oft erzürnt. Im Kongress läuft wenig für ihn, sein grosses Mundwerk ist längst mit der Realität republikanischer Kongressmehrheiten kollidiert, die mit sich uneins sind und den Präsidenten zunehmend als politische Belastung begreifen - siehe die Obamacare-Pleite.

Die Russlandaffäre dreht sich unterdessen weiter, und wer von Trumps Getreuen glaubte, Sonderermittler Robert Mueller könne in Schranken gehalten werden, sieht sich getäuscht: Spätestens seit der frühmorgendlichen Hausdurchsuchung bei Trumps ehemaligem Wahlkampfmanager Paul Manafort ist klar, dass Mueller umfassend und weitflächig ermittelt.

Und natürlich kränkt es Trump, dass ihm das Etikett des unbeliebtesten Präsidenten seit dem Beginn amerikanischer Demoskopie anhängt. Doch je tiefer seine Umfragewerte sinken, desto entschlossener scheint Trump Streit zu suchen: Mit seinem Justizminister Jeff Sessions, mit den Medien, und neuerdings mit dem republikanischen Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell.

Ihm lastet der Präsident das Obamacare-Debakel an, er twittert gegen McConnell, den er doch braucht. Der Senator aus Kentucky geniesst das Vertrauen einer Mehrheit seiner Fraktion, er ist es, der über wichtige Ausschussposten und die legislative Agenda der Kammer entscheidet: Ohne McConnell läuft nicht mehr viel für Trump.

Stigma des Losers abstreifen

Der Präsident wittert jetzt eine Chance, seinen politischen Frustrationen zu entfliehen – indem er sich mit Kim Jong-un anlegt. Geht sein Kalkül auf, könnte Trump das Stigma des Losers abstreifen, das ihm derzeit anhängt. Knickt Pyongyang ein und feuert keine Raketen auf das US-Territorium Guam ab oder erklärt sich nach Trumps martialischen Sprüchen zu Verhandlungen über das nordkoreanische Atom- und Raketenprogram bereit, wird Trump sich feiern: Was drei US-Administrationen vor ihm misslang, nämlich die Kims und ihren Outlaw-Staat zum Rückzug zu bewegen, richtete Donald Trump.

Der Loser stünde plötzlich als Gewinner da, weil er sich als erster US-Präsident auf das Niveau der Kims – Grossvater, Sohn und Enkel – begeben hätte, wo gedroht wird und markige Sprüche mitsamt der Bereitschaft, notfalls über die Klippen zu gehen, an der Tagesordnung sind. Dabei verhält sich Trump im Moment so, wie er sich immer verhalten hat: Er stösst ominöse Drohungen aus, er provoziert, er plustert sich auf.

Wenn der Präsident wie am Donnerstag sagt, Barack Obama sei beim Umgang mit Nordkorea «schwach und ineffektiv» gewesen, will er den Kontrast zum Vorgänger zeigen: Im Gegensatz zu Obama lässt sich Donald Trump nicht einschüchtern. Obamas «rote Linie» in Syrien, die Baschar al-Assad straflos überschritt, wird es bei ihm, Donald Trump, nicht geben: Falls Kim Jong-un auf Guam feuert, wird Trump Vergeltung üben.

Hasardeur in einem gefährlichen Spiel

Oder auch nicht: Trump mag nur wenig Ahnung von den möglichen Folgen eines begrenzten Angriffs auf Pyongyangs militärische Infrastruktur haben, die Ex-Generäle in seinem Sold - Kelly, Mattis und McMaster – wissen hingegen, was dadurch angerichtet werden kann. Zurückweichen aber kann der Präsident kaum mehr: Er ist zum Hasardeur in einem gefährlichen Spiel geworden, weil er die Regeln des koreanischen Konflikts – sie blieben weitgehend unverändert seit dem Waffenstillstand im Sommer 1953 – verändert hat.

Damit ist Donald Trump in einer prekären Falle gelandet: Er hat sich vom rationalen Verhalten der Akteure in Pyongyang abhängig gemacht und riskiert einen Krieg auf der koreanischen Halbinsel. Geht Trumps Kalkül auf, wird er sich brüsten, Nordkorea im Gegensatz zu Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama in die Schranken gewiesen und womöglich wieder an den Verhandlungstisch geholt zu haben. Geht diese Rechnung nicht auf, wird Trump in eine Konfrontation mit schwerwiegenden Konsequenzen rutschen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2017, 16:18 Uhr

Artikel zum Thema

Duell der kleinen Männer

Analyse Donald Trump und Kim Jong-un haben die grösste atomare Krise seit dem Kalten Krieg ausgelöst. Es wird schwierig, sie friedlich beizulegen. Mehr...

Faktencheck: US-Atomkraft stärker als je zuvor?

Präsident Donald Trump behauptet, die nukleare Macht seines Landes sei nie grösser gewesen. Wir überprüfen diese Behauptung. Mehr...

Diese militärischen Möglichkeiten hat Trump

Kim Jong-un lässt sich leicht provozieren. Trotzdem wird in Amerika ein militärischer Einsatz geübt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Die Welt in Bildern

Riesig hohe Surfwellen: Vor der portugisischen Küste befindet sich im Meer der Nazare Canyon eine über 230 Kilometer lange Schlucht mit einer Tiefe von bis zu 5000 Metern, deshalb entstehen hier die beliebten Wellen.
(Bild: Rafael Marchante) Mehr...