Duell der kleinen Männer

Donald Trump und Kim Jong-un haben die grösste atomare Krise seit dem Kalten Krieg ausgelöst. Es wird schwierig, sie friedlich beizulegen.

US-Präsident Donald Trump will Sicherheit für sein Land, sein nordkoreanischer Opponent Kim Jong-un will Sicherheit für sein Regime. Fotos: Reuters

US-Präsident Donald Trump will Sicherheit für sein Land, sein nordkoreanischer Opponent Kim Jong-un will Sicherheit für sein Regime. Fotos: Reuters

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Über Atombomben spricht man nicht öffentlich. Zu gross ist die Gefahr einer rhetorischen Eskalation, die zu einem militärischen Schlagabtausch führen kann. Diese Maxime aus dem Kalten Krieg haben der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un und Donald Trump fahrlässig ignoriert. Zuletzt legte am Freitag der amerikanische Präsident nach, als er twitterte, die Waffen seien «geladen und schussbereit», falls Nordkorea unklug handle.

Mit Provokationen und Drohungen haben die Hitzköpfe innert Tagen eine der gefährlichsten atomaren Konfrontationen seit der Kubakrise 1962 ausgelöst. Auch damals entschieden letztlich zwei Männer über das Schicksal der Welt. John F. Kennedy und der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow fanden buchstäblich erst in letzter Minute einen Ausweg. «Was meinen Mann besonders beunruhigte», schrieb Jackie Kennedy nach der Ermordung des US-Präsidenten an Chruschtschow, «war die Gefahr, dass kleine Männer eher einen Krieg starten könnten als grosse Männer.» Grosse Männer wüssten, wie wichtig Selbstkontrolle und Zurückhaltung seien. «Kleine Männer sind dagegen oft von Stolz und Angst getrieben.»

Ungeachtet ihrer Körpergrösse sind Trump und Kim «kleine Männer»: Der junge Diktator, der die Konfrontation gesucht und vorangetrieben hat, fürchtet um sein Regime und gefällt sich als Herausforderer der Supermacht. Dabei stiess er auf einen neuen Präsidenten, der sich von Emotionen leiten lässt, der eitel, schnell gekränkt und innenpolitisch bereits angeschlagen ist. Ein idealer Gegner also. Gelenkt von Instinkt und Impulsen, liess sich Trump auf ein rhetorisches Duell ein, anstatt überlegt und standfest zu reagieren und dann weiter Golf zu spielen.

«Eine Mauer ist besser als ein Krieg»

Nun wird es schwierig, diese Krise friedlich beizulegen, zumal sich am nuklearen Abgrund die Gefahren mehren: Erstens riskieren beide Seiten, die Kontrolle über die Eskalation zu verlieren. Wie während der Kubakrise, als ohne Feuerbefehl aus dem Kreml ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug abgeschossen wurde. Oder als eine US-Maschine ohne Wissen des Krisenstabs im Weissen Haus tief in den sowjetischen Luftraum eindrang, was Chruschtschow als Vorbereitung für einen Angriff hätte interpretieren können. Glücklicherweise reagierten Washington wie Moskau nicht sofort.

Zweitens könnte sich die Haltung verfestigen, ein Kompromiss sei nicht möglich. Kim will Sicherheit für sein Regime, Trump für sein Land. Hier eine Einigung zu finden, wäre allerdings einfacher als etwa in der Berlinkrise 1961: Die Sowjets wollten die gesamte Stadt der DDR einverleiben, um die Abwanderung von Millionen Ostdeutschen in den Westen zu stoppen. Die USA aber entschieden, West-Berlin nicht aufzugeben. Die Gefahr eines Atomkriegs nahm erst ab, als Kennedy den Bau der Berliner Mauer hinnahm und Chruschtschow dafür die Existenz West-Berlins akzeptierte. «A wall is hell of lot better than a war», sagte der amerikanische Präsident, eine Mauer sei besser als ein Krieg.

Das liesse sich entsprechend von der Anerkennung des Regimes in Pyongyang sagen.Drittens schliesslich steigt die Gefahr von Fehlwahrnehmungen. So wie zu Beginn der 1980er-Jahre, als die Spannungen zwischen Ost und West zunahmen. Der Höhepunkt kam 1983 mit «Able Archer», einem europaweiten Nato-Manöver unter US-Führung, das einen Atomkrieg simulierte. Wegen der realistischen Übungsanlage – selbst Präsident Reagan sollte in einem Atombunker daran teilnehmen – vermuteten die Sowjets, die Übung diene als Deckmantel für einen tatsächlichen Angriff. Der Warschauer Pakt versetzte seine Truppen in der DDR und im Baltikum in Alarmzustand. Es war dann ein sowjetischer Doppelagent, der die Nato darüber informierte, wie beunruhigt Moskau sei. Erst jetzt erkannte man in Washington, welch fatale Gefahr drohte. Die Übung wurde abgebrochen, Ronald Reagan liess sich beim Ausritt auf seiner Ranch filmen und stellte sicher, dass die Medien darüber berichteten, worauf die Sowjets ihre Kriegsvorbereitungen einstellten.

Wie also soll Trump den Start einer weiteren nordkoreanischen Rakete deuten? Als Test oder als Auftakt zum Krieg? Und umgekehrt: Wie muss Pyongyang die Manöver der US-Truppen in Südkorea interpretieren, die Ende Monat geplant sind? Das beste Mittel gegen Krisen ist Kommunikation, wie «Able Archer» gezeigt hat.

Frisuren wichtiger als Strategien

Ob die Regierung Trump Kanäle nach Pyongyang unterhält, ist jedoch zweifelhaft; der Präsident ist kaum an internationalen Kontakten interessiert, sofern sie nicht seinen Geschäftsinteressen dienen. Wichtige diplomatische Vertretungen im Ausland warten immer noch auf neue US-Botschafter – Zuträger von Informationen fehlen nun. Dazu kommt, dass das Verteidigungsministerium über Nordkorea nur wenig weiss. In Pyongyang scheint gleichzeitig jedes Verständnis für Amerikas Sicherheitsbedürfnisse zu fehlen.

Um die Krise friedlich zu lösen, bräuchten beide Seiten Emissäre, die ohne Twitter, ohne Fernsehen und ohne Scheuklappen das Problem wegverhandeln. Persönlichkeiten, die, anders als die beiden Staatschefs, rational agieren und den Kopf nicht nur zum Kämmen brauchen – Trump wie Kim scheinen mehr Zeit für ihre Frisuren als für strategische Fragen aufzuwenden.

In der US-Regierung gibt es mit Aussenminister Rex Tillerson und Pentagon-Boss James Mattis besonnene Stimmen. Zudem arbeiten im Weissen Haus ehemalige Generäle, die Krieg nicht mit einer Realityshow im Fernsehen verwechseln. Kim dagegen scheint von Kopfnickern umgeben, Kritik am Chef ist lebensgefährlich. Den jungen Wilden unter den Diktatoren könnte wohl nur Chinas Staatschef Xi Jingping zur Vernunft bringen, sein letzter Alliierter.

Tillerson, Mattis, Xi – das sind wohl «grosse Männer», die den Vorstellungen Jackie Kennedys entsprochen hätten. «Wenn sie künftig nur die kleinen Männer dazu bringen könnten, sich hinzusetzen und zu reden, bevor sie anfangen zu kämpfen.» Denn nach einem Atomkrieg werden die Überlebenden die Toten beneiden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2017, 21:21 Uhr

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