Der Kanzler, der Geschichte schrieb

Er wurde verspottet und unterschätzt. Doch Helmut Kohl, der am Freitag 87-jährig gestorben ist, erreichte meist seine Ziele. In Erinnerung bleibt er als Kanzler der Einheit und Wegbereiter Europas.

Kanzler der deutschen Wiedervereinigung: Helmut Kohl vor dem Brandenburger Tor in Berlin (2003).

Kanzler der deutschen Wiedervereinigung: Helmut Kohl vor dem Brandenburger Tor in Berlin (2003). Bild: Keystone

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Helmut Kohl ist tot. Deutschland trauert um einen ganz grossen Staatsmann. 16 Jahre war er Kanzler gewesen, 25 Jahre CDU-Chef. Doch seine grösste Leistung lässt sich nicht aus Ämtern ablesen, auch nicht aus Staatsverträgen oder Wahlsiegen. Helmut Kohl hat etwas ganz anderes vollbracht. Er «hat der Welt die Angst vor den Deutschen genommen», wie es einer formuliert, der ihm einst nahestand. Als er abtrat, hinterliess er ein neues, geeintes Deutschland – und ein neues, geeintes Europa.

Zugetraut hätte ihm das niemand. Als er 1982 an die Macht kam, erfand ein Karikaturist sogleich die «Kohl-Birne». Der Kanzler, ein runder, tapsiger Kerl, eine Birne mit Brille eben. Studenten und Sozialdemokraten trugen fortan einen Anstecker mit der Birne drauf. Den Kanzler zu verspotten, wurde Volkssport.

Trauer um Kohl in seiner Heimat: Der Altkanzler ist in seinem Haus in Oggersheim bei Ludwigshafen gestorben. (Video: Tamedia/AFP)

Inzwischen halten ihn sogar seine Gegner für eine herausragende Figur. Gewiss, es war auch ein historischer Zufall, der Kohl zum gefeierten Vater der deutschen Einheit machte. Wäre die Mauer nicht gefallen, hätte er dazu vielleicht nie die Chance gekriegt. Doch es stimmt auch, dass der Kanzler in den entscheidenden Monaten 1989/90 sehr viel richtig gemacht hat. Die Skepsis gegen die deutsche Wiedervereinigung war anfänglich gross. Nicht nur in Moskau, auch in Paris und London. An eine Eingliederung eines neuen Deutschland in die Nato wagte man gar nicht zu denken – zu strikt waren die Sowjets dagegen. Doch Kohl gelang das Unmögliche. Es verging nicht einmal ein Jahr, Deutschland war wiedervereinigt – und festes Mitglied der Nato.

Biederer Charme – und feste Grundüberzeugungen

Wie hatte der Kanzler das geschafft? Das Zauberwort hiess wohl Vertrauen. Kohl hatte den Nadelstreifen ausgezogen und die Strickjacke an. Er verströmte Gemütlichkeit, Harmlosigkeit und doch Verlässlichkeit. Seine Gattin verschickte Pfälzer Schwartenmagen an die Mächtigen der Welt. Die amerikanische First Lady Barbara Bush soll das deftige Stück mit Genuss verschlungen haben.

Das wirkte alles ein bisschen bieder, altbacken, gar nicht glamourös. Kohls Nachfolger Gerhard Schröder trug teure Anzüge, dinierte in edlen Etablissements und paffte Zigarren. Demonstrativ zelebrierte er seine Macht, seinen persönlichen Aufstieg. Was für ein Gegensatz zu Kohl, dem ewigen Provinzler! Der «verpfälzerte» lieber die Welt, wie der «Spiegel» einst spottete, als dass er sich zum Kosmopoliten aufschwang, der er nicht war.

Video – Die Höhepunkte im Leben von Helmut Kohl

Kohl wurde als Kanzler der Einheit verehrt, polarisierte aber auch. (Video: Tamedia/AFP)

Hinter dem Behäbigen, dem Provinziellen verbarg sich bei Helmut Kohl aber ein fester politischer Kompass. Für ihn war die europäische Einigung ein historischer Imperativ – das unterschied ihn von späteren Politikergenerationen. Kohl hatte die Schrecken des Krieges miterlebt. Sein Bruder fiel im Kampf, Kohl selber musste als Kind helfen, Leichen aus zerbombten Häusern zu ziehen. Das Hitler-Regime bot ihn später als Flakhelfer auf.

Diese Erfahrungen haben ihn ein Leben lang geprägt, machten ihn zum wichtigsten Motor der europäischen Einigung. Gegen heftigen Widerstand aus Grossbritannien, aber auch von deutschen Stammtischen, formte Kohl einen neuen Kontinent. Sein letzter Erfolg auf dem Gebiet war die Einheitswährung. «Ohne ihn hätte es den Euro nie gegeben», gestand einst sogar Oskar Lafontaine ein, Kohls grosser linker Widersacher. Und selbst danach mahnte Kohl immer wieder: Europa dürfe nicht bloss gemeinsam wirtschaften, es brauche auch ein gemeinsames politisches Dach.

Ohne Kohls Europa-Begeisterung hätte es wohl auch keine deutsche Einheit gegeben. Denn die Wiedervereinigung Deutschlands und das Zusammenrücken Europas waren für ihn stets «zwei Seiten einer Medaille». Das verhinderte nicht, dass Kohl im Ausland meist mehr geschätzt wurde als daheim. Warum? Wohl deshalb, weil der nette Strickjackenträger aus Germany bei sich zu Hause ein System eingerichtet hatte, das viele als muffig empfanden, als patriarchalisch. Das System Kohl eben.

Nur einen ganz kleinen Kreis von Getreuen liess der Chef an sich heran. Es war schwierig, sein Vertrauen zu gewinnen. Doch die, die zu ihm gehörten, umsorgte er wie ein Vater. «Hat einer mal den Schnupfen, tut Kohl so, als habe er Lungenkrebs», wurde in Bonn gespottet.

Bildstrecke – Die politische Karriere des Kanzlers der deutschen Einheit

Da passt es auch, dass Helmut Kohl in zwei Farben dachte: in Schwarz und Weiss. Wer gegen ihn war, war sein Feind. Journalisten berichten, sie seien von Kohl bereitwillig empfangen worden, hätten mit ihm stundenlang plaudern dürfen – bei schwerem Pfälzer Weisswein und Vivaldi vom Plattenteller. Kaum aber heuerte einer bei einem Kohl-kritischen Medium an, brach der Kanzler den Kontakt ab. Mit der «Hamburger Medienmafia», dem «Spiegel» und dem «Stern» vor allem, stand er auf Kriegsfuss. Den spöttischen, nörgelnden Ton der Schreiberlinge vertrug er schlecht. Auch in seiner Partei verlangte Kohl absolute Loyalität. Im entscheidenden Moment aber – wenn es um die Macht ging – enthielt er sie anderen vor. Beispiel: Wolfgang Schäuble.

Jahrelang hatte Kohl ihn aufgebaut. Der Kanzler sprach von einer Beziehung wie «zwischen einem älteren und einem jüngeren Bruder». Als 1990 ein geistig verwirrter Mann Schäuble niederschoss, fuhr Kohl ins Krankenhaus. «Wie ein Kind» habe er geweint, als er die Station verliess. Der Kanzler organisierte einen richtigen Besuchsplan, Regierungsmitglieder mussten Schicht schieben am Krankenbett. Kohl selber liess verlauten, Schäuble sei «auch nach dem Attentat der richtige Mann als mein Nachfolger».

Doch der Patriarch trat nicht ab, viele Jahre lang. Der grüne Joschka Fischer witzelte über das «Prinz-Charles-Syndrom». Der «ewige Kanzler» habe sich einen «ewigen Kronprinzen» installiert. Die Entscheidung fiel erst 1998. Noch einmal wollte es Kohl wissen, noch einmal kandidierte er als Spitzenkandidat der CDU. Doch die Wähler waren seiner überdrüssig. Gerhard Schröder gewann die Wahl.

Schäuble wurde Oppositionsführer statt Kanzler – weil sein «älterer Bruder» nicht von der Macht hatte lassen können. Kohl ist an seiner Selbstüberschätzung gescheitert und riss seinen Kronprinzen mit sich hinab. Der Untergang beschleunigte sich im Spätherbst 1999, als auskam, dass das System Kohl auf schwarzen Kassen beruht hatte. Jahrelang schleuste der Alt-Kanzler Geld an der offiziellen Buchführung der Partei vorbei. Die Affäre wurde zum Fiasko für die CDU.

Historische Grösse und Selbstüberschätzung liegen oft nah beieinander. Bei Helmut Kohl sind sie in einer Person vereinigt.

Doch statt echte Reue zu zeigen, griff der Alt-Kanzler zu einer fatalen Verteidigungsstrategie. Er schwieg, gab die Namen der anonymen Spender nicht bekannt, weil er ihnen sein «Ehrenwort» gegeben habe. Diesen Mangel an Unrechtsbewusstsein nahmen ihm viele in Deutschland übel. Es entstand der Eindruck, Kohl gewichte sein Ehrenwort höher als die Gesetze der Bundesrepublik. «Das ist», enerviert sich einer seiner Kritiker heute noch, «ein vordemokratisches Bewusstsein.»

Es ist aber eben das Bewusstsein, das zu Helmut Kohl passt; auch zu seiner Strickjacke, zum Schwartenmagen, zum Altmodischen, zum Altbackenen – und dazu, dass Helmut Kohl Europa einigen wollte, weil er 50 Jahre davor den Krieg miterlebt hatte.

Historische Grösse und Selbstüberschätzung liegen oft nah beieinander. Bei Helmut Kohl sind sie in einer Person vereinigt. Das erklärt auch, warum er sich selber stets als Opfer sah, als weidwund geschossenen Löwen, dem seine Häscher noch «einen letzten Tritt» verpassen wollen. Weinerlich und verletzlich, pathetisch und überhöht. In solchen Kategorien dachte der Historiker Kohl, sich selbst hat er stets im Zentrum gesehen.

Selbst in den Zeiten der grössten Anfeindung, als der Skandal um die schwarzen Kassen dem Höhepunkt zueilte, gab sich Kohl unbeirrt. Diejenigen die glaubten, er werde «aus der Geschichte verschwinden», würden sich gewaltig irren, schimpfte er. In diesem Moment tönte das grössenwahnsinnig, rechthaberisch, selbstherrlich. Aber es war, wie sich zeigte und wie sich noch zeigen wird, die Wahrheit.

Helmut Kohl ist heute Freitagmorgen in seinem Haus in Ludwigshafen im Alter von 87 Jahren gestorben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2017, 17:56 Uhr

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