Sie taten das Gleiche, einer erhielt Ehre – der andere nicht

Arpad Bella und Harald Jäger rissen 1989 ein Loch in den Eisernen Vorhang. Einen Orden gabs nur für einen. Warum?

Der Vorhang fällt: Ostberliner besuchen Westberlin, hier am Grenzübergang an der Bornholmer Strasse. Foto: Joachim Haupt (SZ Photo)

Der Vorhang fällt: Ostberliner besuchen Westberlin, hier am Grenzübergang an der Bornholmer Strasse. Foto: Joachim Haupt (SZ Photo)

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Manchmal entscheidet sich das Leben an einem Tag, in einem Moment. Es ist ein Moment, der alles in zwei Sphären teilt, in das Leben davor und in das danach. Es ist der Moment, in dem es darauf ankommt, das Richtige zu tun. Für Arpad Bella und Harald Jäger war es der Moment, in dem sie formal etwas Falsches taten. Sie verweigerten den Gehorsam als Grenzsoldaten. Bella und Jäger sind die bekanntesten Befehlsverweigerer des Kalten Krieges, aber weil das Falsche in diesem Moment das Richtige war, treten sie noch heute gemeinsam auf. Und erzählen, wie das war. Damals.

Zwei Herren in den Siebzigern, beide Oberstleutnant a.D., immer noch körperstraff und der Haarschnitt so militärisch knapp wie ihre Sätze. Sie standen einst an der Grenze, Arpad Bella an der von Ungarn nach Österreich, in Sopronpuszta, Harald Jäger in Berlin, an der Mauer, Übergang Bornholmer Strasse. Sie schützten die Grenze nicht vor Angreifern von aussen, sondern vor dem Volk auf der eigenen Seite. Bis der Tag kam, als sie vor der Frage standen, ob sie weiter ihren Staat gegen das Volk schützen sollten.

Der Moment dieser Entscheidung war ein Jahrhundertmoment, der Millionen Leben teilte, in eines vor und eines nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs. Bella und Jäger haben 1989 Geschichte geschrieben. Sie haben sich verdient gemacht um dieses Land. Aber so wie es aussieht, hat nur einer die Ehre verdient, die das Land für besondere Dienste verleiht, das Bundesverdienstkreuz. Dem anderen wird nicht verziehen, dass er zu lange auf der falschen Seite stand.

Der Ungar Arpad Bella liess DDR-Bürger nach Österreich fliehen. Foto: DPA

Arpad Bella, Oberstleutnant der ungarischen Grenztruppen, hatte weggesehen, an einem Tag, an dem später die ganze Welt auf sein kleines Stück Grenze schauen sollte. Am 19. August 1989 um 14.55 Uhr stieg während des sogenannten Paneuropäischen Picknicks plötzlich eine Gruppe DDR-Bürger den Hügel hinauf, manche wortlos, andere weinend. Es war der Tag vor Bellas zwanzigstem Dienstjubiläum. «Gesicht nach Österreich, was hinter uns passiert, sehen wir nicht», befahl Bella den Genossen. Sie hörten, wie das hölzerne Tor eingedrückt wurde. Bis zum Abend entkamen so 600 Männer, Frauen und Kinder in den Westen. Es war die grösste Massenflucht des Kalten Krieges. «Ich versuchte, Mensch zu bleiben», sagt Bella bis heute über seine Entscheidung. Es war das erste Loch im Eisernen Vorhang.

Knapp drei Monate später war es Harald Jäger, der dann das entscheidende Loch in den Eisernen Vorhang riss. Eines, das sich nicht mehr schliessen liess. Jäger, Oberstleutnant der DDR-Staatssicherheit, hatte Dienst in der Nacht des 9. November. Um 23.20 Uhr gab er – alleingelassen von seinen Vorgesetzten und bedrängt von Zehntausenden DDR-Bürgern – den Befehl, den Schlagbaum zu öffnen. 28 Jahre nach dem Bau der Mauer. Danach suchte er einen Platz, um zu weinen. Aber in der Abfertigungsbaracke sass schon ein Hauptmann und flennte. «Es war die Vorsehung, dass Sie in dieser Nacht da waren», hat eine Frau einmal zu ihm gesagt. «Nein, es war der Dienstplan», antwortete er.

Der Produzent Nico Hofmann machte aus Jägers Erlebnissen eine Komödie, bei der Erstausstrahlung 2014 erreichte sie fast sieben Millionen Zuschauer. Charly Hübner spielte Jäger, und als es dafür den Bambi in der Kategorie «TV-Ereignis des Jahres» gab, überreichte Jäger den Preis. Hübner nahm ihn in den Arm. Aber schon damals wurde klar, dass Harald Jäger kein strahlender Held der deutschen Einheit sein kann, dass ihm viele sein Leben davor nicht verzeihen. Hofmann erinnert sich an die Protestbriefe: Was es soll, einen Mann auf die Bühne zu holen, der jahrzehntelang einem Unrechtsregime gedient hat.

DDR-Grenzsoldat Harald Jäger öffnete die Grenze in Berlin. Foto: Imago

Arpad Bella, der Ungar, hat längst, was Jäger nicht bekommt: eine staatliche Anerkennung für sein Handeln, offiziellen Dank. Bella ist seit dem 22. Februar 2011 Träger des Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, kurz Bundesverdienstkreuz. Die Auszeichnung erhielt er für «Mut und Weitsicht».

Viele Orden – aus der Zeit der DDR

Jäger hat dagegen nur Orden aus seinem früheren Leben, davon aber nach

28 Jahren bei der DDR-Staatssicherheit eine ganze Menge: die Verdienstmedaille der Nationalen Volksarmee in Bronze, in Silber und Gold, die Verdienstmedaille der Zollverwaltung der DDR, und eine Medaille für den «vorbildlichen Grenzdienst». Es sammelt sich etwas an, wenn man mit 18 Jahren und vier Monate vor dem Mauerbau vereidigt wird. Und dann 25 Jahre an der Bornholmer Strasse Dienst schiebt. Seine joviale Art half ihm, die Reisenden am Grenzübergang auszufragen. Früher nannte er diejenigen, die ohne gültige Papiere bei ihm erschienen, «Wildschweine». Die Auszeichnungen haben heute keine Bedeutung mehr für Jäger, sagt er. Sein Bruch mit dem DDR-Regime gehe über die Befehlsverweigerung in der Nacht des Mauerfalls hinaus: «Ich schäme mich dafür, mitgemacht zu haben, und ich schäme mich für alle, die es nicht zugeben.»

Hätte er das Bundesverdienstkreuz verdient? Hätte er es gern? «Ach, ich wusste gar nicht, dass der Bella das hat», sagt er und lacht. «Hat er mir nie gesagt. Ich wär schon stolz, wenn ich es kriegen würde, aber das geht nicht, ich war schliesslich bei der Stasi.» Es gibt viele, die denken, er hätte es verdient. Und viele, die denken: der auf keinen Fall. Das Bundespräsidialamt erklärt auf Anfrage, schon 1999 sei erstmals angeregt worden, Jäger auszuzeichnen. Da hiess der Bundespräsident noch Johannes Rau. Seither sei dies «immer wieder» geschehen. Aber bis heute ist es bei der Ablehnung geblieben.

«Die Voraussetzungen sind nicht erfüllt», heisst es in der Begründung. Jäger habe zwar «ohne Befehl und Kompetenz» den Schlagbaum geöffnet und so verhindert, «dass es zu einer Konfrontation zwischen DDR-Bürgern und Grenzsoldaten kam, die vielleicht Menschenleben gekostet hätte.» Aber letztlich habe er nur als Getriebener gehandelt und dem Druck der Menschen nachgegeben. Ein richtiger Moment in einem ansonsten falschen Leben reiche nicht. Zudem müsse man auf die Gefühle der Opfer der SED-Diktatur und ihres Geheimdienstes, der Stasi, Rücksicht nehmen.

Falschmeldung mit Folgen

Was in jener Nacht an der Mauer wirklich geschah, hat beide deutsche Staaten erst nicht besonders interessiert. Heute findet sich die Kurzversion in jedem Geschichtsbuch: Günter Schabowski, die Pressekonferenz, die neue Reiseregelung. In den «Tagesthemen» verkündete Moderator Hanns Joachim Friedrichs ebenso denkwürdig wie falsch: «Die Tore in der Mauer stehen weit offen.» Da war es 22.42 Uhr und Jäger sass fassungslos im Abfertigungsraum, starrte auf einen kleinen Junost-Fernseher und hörte durch die Fenster die Menschen skandieren: «Tor auf! Tor auf!» Und dann: «Wir kommen wieder! Wir kommen wieder.»

Die DDR-Führung hatte eigentlich gar nicht vor, die Mauer zu öffnen. Es ging nur um ein neues Reisegesetz. Visa sollten grosszügiger erteilt werden. Westdeutschland sollte im Gegenzug finanzielle Hilfe leisten. Die neue Regelung sollte eigentlich erst um vier Uhr morgens verkündet werden.

Harald Jäger hatte seinen Vorgesetzten den ganzen Abend über gemeldet, dass sich immer mehr DDR-Bürger vor seinem Grenzübergang versammelten. Hektische Telefonate folgten. Schliesslich wurde befohlen, dass wer an der Grenze laut auf Ausreise dringe, raus solle. Aber dann für immer. Der Ausweis solle markiert werden, mit einem Stempel direkt neben dem Passbild. Der letzte Betrug eines untergehenden Systems. Jäger führte den Befehl zunächst aus, aber bald hatten die ersten Ausgereisten genug vom Westen gesehen und wollten zurück. Und Jäger befahl schliesslich, den Schlagbaum zu öffnen. Er war der Erste. Als sich die Nachricht verbreitete, öffneten auch andere Kommandeure ihre Übergänge.

Bekannt wurde Jäger 2007, als ein Buch über ihn erschien: «Der Mann, der die Mauer öffnete» stand auf dem Cover. Das Buch zeichnet die sehr wohlwollende Geschichte eines Offiziers nach, der schon lange mit dem DDR-Regime gehadert habe. Fragt man die, die mit ihm an der Bornholmer Strasse Dienst taten, haben sie davon nichts bemerkt. Respekt aber haben sie alle: Jäger habe den Mut gehabt, gegen einen Befehl zu handeln. Sie alle seien überfordert gewesen. Und voller Angst. Jäger habe den Mut gehabt, das Richtige zu tun.

Im kommenden Jahr liegt die Öffnung der Mauer 30 Jahre zurück. Schon laufen die Vorbereitungen, Staatsakte, Festreden und all die Erinnerungsstunden. Vielleicht treten Jäger und Bella noch einmal gemeinsam auf. Zwei Männer, die einer Diktatur dienten und ihr am Ende den Gehorsam verweigerten.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 09.11.2018, 11:16 Uhr

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