Ein Mahnmal mangelnder Menschlichkeit

Das Leben der Armen gilt den Mächtigen in Grossbritannien schon lange wenig. Der Hochhausbrand hat die Gefühllosigkeit der Regierung von Theresa May enthüllt.

Die Sicherheit einer Wohnwabe voller Sozialhilfeempfänger hat den Stadtrat kaum interessiert: Blick auf den ausgebrannten Grenfell Tower. Foto: Reuters

Die Sicherheit einer Wohnwabe voller Sozialhilfeempfänger hat den Stadtrat kaum interessiert: Blick auf den ausgebrannten Grenfell Tower. Foto: Reuters

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Kein entführtes Flugzeug raste in diesen Wohnblock in London. Keine Terrorbrigade setzte Grenfell Tower in Brand. Dass so viele Menschen in einer horrenden Nacht an dieser Stelle in London ihr Leben verloren haben, hat andere Gründe. Sehr viel näher liegende Dinge als «islamistische Ideologien», gegen die Premierministerin Theresa May anzugehen versprochen hatte, sind an diesem schaurigen Ereignis schuld.

In der Tat nimmt sich das Denken, das die Grenfell-Katastrophe möglich machte, höchst vertraut aus im Grossbritannien der Gegenwart. Seit Langem schon hat das Leben der Armen den Reichen und Mächtigen im Lande wenig gegolten. Für die Sicherheit einer Wohnwabe voller Flüchtlinge, Immigranten und Sozialhilfeempfänger hat sich der Stadtrat von Kensington und Chelsea herzlich wenig interessiert. Die Tory-Stadträte sahen sich einer ganz anderen Klientel verpflichtet. Warnungen von Experten zur prekären Lage der Turmbewohner, richterliche Mahnungen zum (teuren) Einbau von Sprinklern wurden beharrlich ignoriert.

In einer der reichsten Gemeinden Europas hat man seit langem eher versucht, sich sozialer «Schandflecke» zu entledigen – durch Zwangsauslagerung der Betroffenen irgendwo in die Provinz. Von grausamer Ironie ist, dass ausgerechnet die Absicht, Grenfell Tower durch Billig-Beplättelung für die wohlsituierten Bürger des Stadtteils visuell erträglicher zu gestalten, so vielen in dem Block das Leben gekostet haben soll.

Doch das Problem reicht tiefer. Jahrzehnte des Transfers politischer Kontrolle an kommerzielle Interessen haben sich hier gerächt. Die Vision freier, «ungebundener» Märkte hat seit der Thatcher-Ära zunehmend das Gebot sozialer Verpflichtung verdrängt. Immer mehr haben britische Regierungen, im Verein mit Kapitalinteressen, den öffentlichen Sektor zurückgestutzt. Wer mehr öffentliche Kontrolle forderte, wurde als Feind des Fortschritts geächtet. Privatisierung um jeden Preis war in London angesagt.

Staatliche Vorschriften (und EU-Direktiven) hat vor allem Mays Partei immer in einem «bonfire of regulations», einem Freudenfeuer angeblich unnützer öffentlicher Vorgaben, verbrennen wollen. Diesen Scheiterhaufen hätten sie ja nun bekommen, meinte am Wochenende der Londoner «Guardian» in kaltem Zorn.

Im Zuge radikaler Austerität in den letzten sieben Jahren sind alle möglichen Schutzmechanismen für die Bedürftigsten, sind kommunale Hilfe und soziales Netz martialisch beschnitten worden – während sich die Reichen ungehindert bereichern konnten. Das Vereinigte Königreich zählt heute zu den europäischen Staaten mit der krassesten Ungleichheit.

«Nichtsnutze» und «Schmarotzer»

Auch die zur Gewohnheit gewordene Rhetorik der Regierenden und einer Rechtspresse, wie es sie sonst nirgends in Westeuropa gibt, hat eine verhängnisvolle Rolle gespielt. Schon lange haben Tory-Minister und Pressebarone Stimmung gemacht gegen «Nichtsnutze», gegen «Schmarotzer», die «anständigen Bürgern» auf der Tasche lägen. Wohlfahrt ist ein schmutziges Wort geworden. Gleichzeitig hat der Brexit-Feldzug starke neue Ressentiments gegen Fremde, Flüchtlinge und Zuwanderer geschürt. Kein Wunder, dass niemand auf die Warnungen der Bewohner von Grenfell Tower glaubte reagieren zu müssen: Wer, Himmel noch mal, waren die schon?

Und nun? Da sich gezeigt hat, dass diese Leute in einer tödlichen Falle sassen? Tagelang Schweigen in Kensington Town Hall und in No 10 Downing Street. Keine Soforthilfe von oben, wie es sie im Terrorfall oder bei einer Flutkatastrophe gegeben hätte. Keine Minister auf den Strassen. Kein Einsatz des Militärs, um den Opfern beizustehen.

Dafür eine Regierungschefin, die nicht nachvollziehen kann, was «die Leute» denken und empfinden. Die nun als so gefühllos gilt, wie es ihre Politik immer war. Die schon während des jüngsten Wahlkampfs, zum Entsetzen der eigenen Parteigänger, keine Emotionalität erkennen liess, keine Menschlichkeit an den Tag zu legen vermochte. In gewisser Weise hat sich mit Theresa May in London eine ganze Ideologie erfüllt und enthüllt.

Wohin es von hier geht, ist schwer zu sagen. Vielleicht hat ja die Entwicklung nun einen Punkt erreicht, an dem sich wieder mehr Menschen den Wert sozialen Zusammenhangs in Erinnerung rufen. Das überraschende Wahlresultat vor zehn Tagen mag dafür ein Zeichen sein. Die verkohlte Ruine in Nord-Kensington ragt jedenfalls wie ein Mahnmal in den Himmel über London, in einem zutiefst gespaltenen und verunsicherten Land.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.06.2017, 18:50 Uhr

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