Im Konsulat endet die Spur des Kronprinzen-Kritikers

Der prominente Journalist Jamal Khashoggi war gewarnt, als er ins saudiarabische Konsulat in Istanbul ging. Es besteht der Verdacht, dass er dort ermordet wurde.

«Ohne Jamal Khashoggi werden wir nicht gehen»: Demonstranten vor dem Generalkonsulat von Saudiarabien in Istanbul.

«Ohne Jamal Khashoggi werden wir nicht gehen»: Demonstranten vor dem Generalkonsulat von Saudiarabien in Istanbul. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Viele Kritiker werden mundtot gemacht oder verschwinden», sagte der saudiarabische Journalist Jamal Khashoggi in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung» im letzten Juli. Der 59-jährige Regime-Kritiker ist nun von diesem Schicksal ereilt worden. Ob er verschleppt oder sogar getötet wurde, ist unklar. Es wird das Schlimmste befürchtet.

Tatsache ist, dass Khashoggi vor einer Woche in das saudiarabische Generalkonsulat in Istanbul ging und danach nicht mehr gesehen wurde. Er hatte das Konsulat seines Heimatlandes aufgesucht, weil er dort Dokumente für die geplante Hochzeit mit seiner türkischen Verlobten abholen wollte. Seine Verlobte wartete nach eigenen Angaben stundenlang vor dem Eingang des Konsulats auf ihn. Es scheint keine Aufnahmen von Überwachungsvideos zu geben, die Khashoggi beim Verlassen des Konsulats zeigen.

Leiche in Kleinbus wegtransportiert

Die der türkischen Regierung nahestehende Zeitung «Sabah» berichtete, dass Spezialisten der Istanbuler Polizei und des Geheimdienstes MIT davon ausgehen, dass Khashoggi ermordet und zwei Stunden nach Betreten des Konsulats in einem schwarzen Kleinbus mit verdunkelten Fensterscheiben herausgefahren worden war. Khashoggis Leiche sei zerstückelt im Diplomatengepäck wegtransportiert worden.

Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu berichtete, dass am Tag von Khashoggis Verschwinden 15 Saudis mit zwei Flugzeugen nach Istanbul gereist seien, unter ihnen Regierungsmitarbeiter. Sie hätten sich zur selben Zeit wie Khashoggi in dem Konsulat aufgehalten und seien inzwischen alle wieder nach Riad zurückgekehrt. In Medienberichten ist von einem saudischen Killerkommando die Rede. Die saudische Regierung widerspricht entschieden der Mordthese. Es gebe dafür keine Beweise. Laut den saudischen Behörden verschwand der Journalist erst nach Verlassen des Konsulats.

Der unbequeme Journalist Jamal Khashoggi kritisierte ihn wiederholt: Kronprinz Muhammad bin Salman. Foto: Reuters

Zur Aufklärung des Falls Khashoggi setzt die türkische Regierung das Regime Saudiarabiens unter Druck. Zum zweiten Mal innerhalb einer Woche bestellte das türkische Aussenministerium den saudischen Botschafter ein. Ausserdem wollen die türkischen Behörden das Konsulat Saudiarabiens in Istanbul durchsuchen, wie der Sender CNN Türk unter Berufung auf diplomatische Quellen berichtete.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, der Khashoggi einen Freund nannte, forderte Riad auf, Beweise für die offizielle saudiarabische Version der Ereignisse vorzulegen. Der Fall Khashoggi könnte nun zu einer diplomatischen Krise zwischen Ankara und Riad führen. Besorgt zeigte sich US-Präsident Donald Trump. Es seien «einige schlimme Geschichten im Umlauf», schrieb er auf Twitter. «Ich mag das nicht.»

Letztes Jahr in die USA geflohen

Jamal Khashoggi war ausdrücklich davor gewarnt worden, in ein saudiarabisches Konsulat zu gehen. Freunde rieten ihm ab, sich in den Machtbereich von Kronprinz Muhammad bin Salman zu begeben, vor dem er vergangenes Jahr in die USA geflohen war. Khashoggi hatte wiederholt die Politik des mächtigen saudiarabischen Kronprinzen bin Salman sowie die Militärintervention im Jemen kritisiert. Bin Salman leitete zwar weitreichende wirtschaftliche und gesellschaftliche Reformen ein, doch zugleich verschärfte er die Repression gegen Kritiker und Oppositionelle wie Khashoggi. Im US-Exil schrieb er für die «Washington Post» und den britischen «Guardian». Khashoggi galt als wichtige Stimme des saudischen Journalismus.

Khashoggis Verhältnis zum Königshaus war ambivalent. Zeitweilig diente er als Berater des mächtigen Prinzen Turki al-Faisal, der lange Botschafter in Washington war und die Geheimdienste leitete. Im Auftrag des Milliardärs Prinz al-Walid bin Talal baute Khashoggi 2015 einen neuen panarabischen Nachrichtensender namens «al-Arab» in Bahrain auf, doch liess das Emirat den Sender kurz nach dem Start wieder schliessen. Khashoggi, der in seiner Karriere mehrmals Terrorfürst Osama Bin Laden interviewt hatte, übernahm zweimal die Leitung der angesehenen saudischen Zeitung «al-Watan», und zweimal musste er wegen seiner kritischen Berichterstattung gehen.

Pressefreiheit in Saudiarabien: Platz 169 von 180

Das saudische Königshaus geht seit jeher mit harter Hand gegen Oppositionelle vor. Kritik wird kaum geduldet, es gibt keine freien Medien. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen steht Saudiarabien auf Platz 169 von 180. Doch die Ermordung eines Kritikers im eigenen Konsulat wäre auch für Saudiarabien beispiellos. Nach Ansicht von Beobachtern ist das Verschwinden Khashoggis kein Einzelfall, sondern Muster einer immer aggressiveren Aussenpolitik Saudiarabiens. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2018, 21:14 Uhr

Artikel zum Thema

Eine Familie im Kampf gegen die saudische Monarchie

Raif und Samar Badawi kämpfen seit Jahren für Menschenrechte im konservativen Königreich. Der Name Badawi ist so etwas wie ein internationaler Markenbegriff. Mehr...

Der Kronprinz statuiert an Kanada ein Exempel

Muhammad bin Salman will Saudiarabien modernisieren und hat dafür viel Lob bekommen. Der Streit mit Kanada zeigt aber, dass Kritik am Regime tabu ist. Mehr...

Das Morgenland sucht Gäste

Wenn die Ölquellen versiegen, sollen Tourismuseinnahmen sprudeln: Saudiarabien bereitet sich auf eine Zukunft schwieriger Kompromisse vor. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Blogs

Sweet Home Grünes Paradies im Tessin

Tingler Lesen Sie «Joseph»!

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Vatikan: Bischöfe während der Heiligsprechung des Papstes Paul VI und des 1980 ermordeten Erzbischofs Oscar Romero aus San Salvador.(14. Oktober 2018)
(Bild: Alessandro Bianch) Mehr...