«Fakten erobern keine Herzen»

Ingrid Brodnig beobachtet Populisten im Internet. Sie erklärt, was wir von ihnen lernen können, weshalb Fakten nur bedingt gegen Fake News helfen und warum Wut im Netz so erfolgreich ist.

«Die Tech-Branche hat lange so getan, als wäre das alles nicht ihr Problem», sagt Ingrid Brodnig. Foto: Ingo Pertramer

«Die Tech-Branche hat lange so getan, als wäre das alles nicht ihr Problem», sagt Ingrid Brodnig. Foto: Ingo Pertramer

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In Ihrem Buch «Lügen im Netz» beschäftigen Sie sich hauptsächlich mit Rechtspopulisten. Warum sind die im Netz ein interessanter Beobachtungsgegenstand?
Weil sie mit einer anderen Rhetorik auffallen. Zur Methodik des Rechtspopulismus zählt das Kreieren von Sündenböcken und das Verwenden von Verschwörungstheorien. Einzelne rechtspopulistische Akteure fallen dadurch auf, dass sie halbwahre oder komplett falsche Dinge behaupten. Es ist natürlich nicht so, dass alle Falschmeldungen oder alle Probleme nur aus dem rechten Bereich kommen. Das würde es zu simpel machen. Aber gerade rechte Akteure haben oft einen unsauberen Umgang mit Fakten und keine gute Fehlerkultur.

Ist das tatsächlich messbar?
Das Online-Medium Buzzfeed hat so genannte hyperparteiische Seiten in den USA analysiert. Das sind Seiten, die auf Facebook ganz klar rechts oder links positioniert sind. Und sie sahen, dass in beiden Lagern sehr viel Falsches berichtet und geteilt wurde. Bei den linken Accounts waren 19 Prozent der geposteten Geschichten falsch, bei den rechten Accounts waren es 38 Prozent. Beides ist schlimm. Wir sehen hier, dass es ein Problem gibt.

Wie erklären Sie sich, dass gerade Rechtspopulisten so einen legeren Umgang mit der Wahrheit pflegen? Hat das mit der Emotionalisierung zu tun?
Rechtspopulisten sind härter und sie schüren stärker Wut. Dazu gibt es eine interessante Untersuchung der AfD von Josef Holnburger, einem Datenwissenschaftler. Er hat statistisch ermitteln können, dass die AfD in ihren Facebook-Posts signifikant mehr negative Begriffe verwendet. Das ist eine sehr geschickte Strategie, weil Wut Menschen aktiviert. Das kann man statistisch messen. Der amerikanische Politologe Timothy Ryan hat politische Inserate auf Facebook getestet und er sah: Wenn eine politische Werbung Wut auslöst, wird sie mehr als doppelt so oft geklickt wie die neutrale Botschaft. Das alles führt zum Schluss: Rechtspopulisten profitieren davon, dass sie Wut säen. Und ihre Fans, aber auch Kritiker, lassen sich anstacheln zum Klicken. Solche Klicks spielen eine Rolle: Auf Facebook belohnt der Algorithmus, wenn man viele Likes, viele Kommentare, viele Shares bekommt. Dann wird der Post noch mehr Menschen eingeblendet. Es war schon immer so, dass Populisten von der Emotion lebten. Im Netz kommt der neue Faktor hinzu, dass die Software belohnt, wenn viele Menschen auf die Emotion einsteigen.

Die Grund-Logik im Netz ist: Wenn jemand viel Wirbel erzeugt, kriegt er viel Aufmerksamkeit.

Facebook hat angekündigt, seinen Algorithmus zu ändern. Das Lokale soll mehr zur Geltung kommen, ebenso das direkte Umfeld eines Nutzers. Sollen so auch Populisten eingeschränkt werden?
Tatsächlich ist eine Hoffnung von Facebook, dass es Provokateure künftig schwerer haben. Man darf aber Zweifel haben, ob diese Logik aufgehen wird. Anscheinend ist es so, dass Facebook in Zukunft vor allem Kommentare belohnen wird. Also, wer viele Kommentare erntet, wird umso sichtbarer, umso mehr eingeblendet. Und da kann genau das Gleiche wieder eintreten: Mit wütend machenden Beiträgen ernte ich auch viele Kommentare. Ob Facebook wirklich so das System ändert? Sie ändern ihre Rezeptur, aber sie gehen nicht wirklich von der Grund-Logik weg. Die Grund-Logik ist: Wenn jemand viel Wirbel erzeugt, kriegt er viel Aufmerksamkeit.

Sind diese Erfolgsrezepte global? Lässt sich das auf jedes Land übertragen, zum Beispiel auch auf die Schweiz?
Das politisches System in der Schweiz hat da ein paar Schutzmechanismen. Wenn eine Partei erfolgreich ist, muss sie ziemlich schnell mitregieren. Und das entzaubert Rechtspopulisten ein Stück weit. In dem Moment, wo man Verantwortung übernehmen muss, geht man eher Kompromisse ein. Und kann nicht immer nur platt die populistische Schiene fahren. Aber natürlich: Manche Mechanismen kann ich weltweit anwenden. Ich gebe ein Beispiel. Donald Trump sagte seinen Fans im Wahlkampf: «Forget the Press, read the Internet.» Und wir wissen alle, welche Seiten im Internet er meint: Breitbart und Fox News zum Beispiel. Rechtspopulisten, und ich zähle Donald Trump dazu, legen ihren Wählern nahe, das zu lesen, wo sie die passende Weltsicht geliefert bekommen. Auch hat Heinz-Christian Strache, mittlerweile unser Vizekanzler in Österreich, bei einem Event der AfD den Fans erzählt: Alle Medien sind gleichgeschaltet. Seine Lösung: Geht hinein in die moderne Kommunikation. Und wir sehen, dass diese neuen, sogenannten alternativen Medien oft sehr freundlich über und passend zur Weltsicht von Populisten berichten. Diese Logik lässt sich überall anwenden. Auch der Herr Blocher in der Schweiz ist immer wieder mit ziemlich argen Aussagen über Medien und Wissenschaftler aufgefallen.

Quelle: re:publica auf flickr, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Christoph Blocher besitzt ja neu das Tagblatt der Stadt Zürich.
Das ist eine interessante Entwicklung. Rechtspopulisten haben eine sehr starke Medienstrategie. Sie arbeiten immens daran, eigene Kanäle zu haben, teils direkt im Besitz der Partei. Das sind dann meistens keine Medien im journalistischen Sinne mehr. Focus hat Anfang des Jahres berichtet, dass die AfD einen eigenen Newsroom mit zwanzig Mitarbeitern einführen will, wo es nicht vorrangig darum geht, Journalisten anzusprechen, sondern die Fans im Internet direkt. Das ist die grosse Chance für alle Parteien: Sie müssen nicht mehr durch die journalistischen Filter. Da können sie noch öfter Halbwahrheiten oder Zuspitzungen verbreiten.

Was kann man denn lernen von den Populisten im Netz?
Vieles. Populisten profitieren davon, dass sie Tabubrüche begehen. Damit bringen sie auch die Kritiker dazu, über sie zu reden. Und so bekommen die Rechtspopulisten viel Platz in den Medien. Wenn man dagegenhalten will, muss man auch wissen, wann man etwas nicht anspricht oder zumindest so reagiert, dass man Populisten nicht in ihrer Reichweite hilft. Mein Tipp: Nicht auf Facebook-Seiten von Populisten mitkommentieren, weil man so der Reichweite des Postings hilft. Natürlich soll man mit Andersdenkenden diskutieren. Aber das kann man auch auf Medienseiten machen, auf denen es eine gute Durchmischung der Meinungen gibt. Ausserdem sperren Parteien manchmal widersprechende Accounts. Die FPÖ ist bekannt dafür, Widerspruch einfach zu entfernen. Und auch die AfD: Die hatte mal eine Falschmeldung der Bild-Zeitung verbreitet. Als aufgezeigt wurde, dass dieser Text nicht richtig ist, hat die AfD einfach die Kommentare gelöscht, in denen der Link zur Korrektur gepostet wurde. Das ist schon krass: Die Parteien, die am meisten über Meinungsfreiheit reden, sind sehr schnell darin, Widerspruch zu entfernen.

Warum soll das Internet der eine Bereich sein, wo wir keine Prüfstellen und keine Gütesiegel oder derartiges haben?

Die Rechte ist auch wegen ihrer Beharrlichkeit erfolgreich. In Österreich war die FPÖ die erste Partei, bei der man eine Online-Strategie erkennen konnte. Sie hat schon 2012 «FPÖ TV» gestartet. Das ist ein YouTube-Kanal, für den sie eigene Beiträge machen. So haben sie ein eigenes Video-Team und dauernd neue Video-Inhalte, die sie gross auf Facebook ausspielen. Und da sind sie beharrlich. Da wird jede Woche, jeden Tag viel gepostet. Bei den anderen Parteien ist es oft so: Vier Monate vor der Wahl legt man sich einen glanzvollen neuen Account zu, engagiert eigene Teams – und am Tag nach der Wahl postet man kaum noch oder stellt den Account sogar ein. Da muss man sich nicht wundern, wenn man die kleinere Community hat.

Ist man, wenn man gegen emotionalisierende Inhalte oder Aussagen antritt, nicht immer im Hintertreffen?
Es ist nicht möglich, nie auf Provokationen zu reagieren. In Österreich haben wir ein Innenminister, der gesagt hat, man solle Flüchtlingen «konzentriert» an einem Ort unterbringen. Natürlich sorgt das für Wirbel. – Aber ich glaube, es gibt noch ein grösseres Problem. Diejenigen, die rechtes Gedankengut ablehnen, vertrauen darauf, dass sich das bessere Argument schon irgendwie durchsetzen wird. Fakten alleine können aber keine politischen Debatten gewinnen. Fakten erobern keine Herzen. Es gibt eine spannende Untersuchung aus Frankreich von Wissenschaftlern, die Franzosen eine Falschmeldung von Marine Le Pen vorgelegt haben. Und dann die richtigen Zahlen des UNHCR. Es ging um die Frage: Sind 99 Prozent der Flüchtlinge in Deutschland und Ungarn Männer? Das stimmt nicht: 42 Prozent der Flüchtlinge, die über das Mittelmeer kamen, sind Frauen oder Kinder. Der Faktencheck hatte eine Wirkung. Wenn Menschen sowohl die Falschaussage der Populistin als auch den Faktencheck bekamen, glaubten sie den offiziellen Zahlen des UNHCR eher. Trotzdem gaben sie der Aussage der Rechtspopulistin Gewicht. Im Schnitt waren die Studienteilnehmer hinterher der Flüchtlingspolitik von Marine Le Pen eine Spur mehr zugeneigt. Die Forscher kommen zum Schluss: Es sind nicht nur Fakten, es sind Narrative, die eine Rolle spielen. Wer hat das stärkere politische Narrativ, die grössere Erzählung? Eine Partei braucht Visionen, um sich durchzusetzen.

Ingrid Brodnigs Vortrag an der Re:Publica 2018

Welche Verantwortung trägt die Tech-Branche in diesem ganzen Komplex?
Die Tech-Branche hat lange so getan, als wäre das alles nicht ihr Problem. Gott sei Dank kommen sie mit diesem Schmäh nicht mehr durch. Facebook hat vor zwei Jahren noch gesagt: Wir sind eine neutrale Plattform. So etwas gibt es nicht. Eine Plattform wählt immer aus, was sie uns anzeigt und was nicht. Dadurch hat sie eine redaktionelle Macht. Facebook muss zumindest die Verantwortung dafür übernehmen, welche Inhalte es einblendet. Das haben wir in anderen Branchen auch. Jedes Auto muss viele Tests durchlaufen, bevor es auf den Markt kommt. Warum soll das Internet der eine Bereich sein, wo wir keine Prüfstellen und keine Gütesiegel oder derartiges haben?

Müsste da der Staat regulierend eingreifen?
Absolut. Ich glaube nicht, dass der Staat jetzt anfangen sollte, selbst Algorithmen zu schreiben, ich sehe nicht die Kompetenz dort. Aber der Staat könnte Mindeststandards in der Transparenz festlegen. Man könnte sagen: Eine Plattform ab einer gewissen Grösse muss Zugang für Wissenschaftler bieten, dass die testen können, ob der Algorithmus gewisse Bevölkerungsgruppen benachteiligt. Es kann zum Beispiel sein, dass Frauen in Suchmaschinen andere Dinge angezeigt werden als Männern. Da sollten Staaten Sicherheitsmechanismen einführen, die letztendlich Konsumentenschutz sind.

Wir müssen mit einer noch grösseren Konkurrenz am Markt der Desinformationen rechnen.

Staatliche Eingriffe im Netz werden in der Regel kritisch beäugt, da kommt schnell der Vorwurf der Zensur.
Darum plädiere ich in erster Linie für Transparenz-Auflagen. Da macht der Staat keine inhaltlichen Vorgaben. Tatsächlich finde ich es sehr schwierig, wenn der Staat sagt, wie ein Algorithmus aussehen soll oder wie Inhalte sortiert werden sollen. Aber der Staat soll für Konsumenten die Möglichkeit bieten, dass ich zumindest ungefähr weiss, wie Facebook Nachrichten auswertet. Der Staat könnte zum Beispiel auch grosse Plattformen verpflichten, alternative Algorithmen, alternative Filtermöglichkeiten anzubieten. So würde der Staat nicht inhaltlich eingreifen, aber die Rechte des Konsumenten ausbauen. Da sehe ich eigentlich nur Vorteile für den normalen Bürger.

Welche Rolle spielen die Medien?
Bei einer Falschmeldung, die im Internet kursiert, sollten sich Medien immer die Frage stellen: Ist sie tatsächlich wichtig genug, dass ich sie aufgreife, wenn die Gefahr besteht, dass eine Falschmeldung erst durch die Publikation Sichtbarkeit erlangt? Wir geben manchmal Provokationen viel Raum, die sonst unsichtbar geblieben wären. Das zweite ist: Tatsächlich können klassische Medien besser werden im Betreiben von Aufklärung. Zum Beispiel, indem man nicht ständig den falschen Vorwurf wiederholt, sondern auch die richtigen Tatsachen ins Bild drückt. Ganz wichtig ist, nicht auf den Provokateur einzusteigen. Ein Beispiel: Donald Trump sagt ja gerne, dass die klassischen Medien Fake News seien. Die erste Reaktion von vielen Journalisten darauf ist zu sagen: Nein, wir sind keine Fake News. Damit wiederholen Sie den Vorwurf von Donald Trump. Effizienter ist es, zu sagen: Dieser Präsident hat einen zutiefst problematischen Umgang mit der Presse und mit Fakten. Hier stellt man den Blick auf das eigentliche Problem. Man muss dem Richtigen die Chance geben, sichtbar zu werden. Behauptungen, die wir häufig hören, sind für uns glaubwürdiger. Deshalb ist es wichtig, dass wir auch die Fakten so oft wiederholen, bis sie überall eingesickert sind.

Ein Ausblick: Worum müssen wir uns Sorgen machen und wohin geht die Reise? Wird es schlimmer oder besser?
Es wird schlimmer insofern, als das Fälschungen leichter werden. Neue Software macht es immer leichter, sehr überzeugend gefälschte Videos zu machen, sehr leicht und schnell Bild-Manipulationen zu erstellen. Gleichzeitig ist auch davon auszugehen, dass anonyme Webseiten im Netz, die Unsinn verbreiten, nicht so schnell abnehmen. Wir müssen mit einer noch grösseren Konkurrenz am Markt der Desinformationen rechnen. Aber ich glaube, es wird auch besser, weil über die Probleme geredet wird. Die US-Wahl war der Moment, wo wir auf einmal angefangen haben, darüber zu reden. Man sieht das zum Beispiel beim Druck auf die Plattformen. Facebook wird tatsächlich Werbungen eine Spur transparenter machen. Das ist schon ein Schritt in die richtige Richtung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2018, 18:59 Uhr

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Ingrid Brodnig

Journalistin und Online-Expertin

Die Journalistin und Autorin Ingrid Brodnig glaubt an die Macht der Aufklärung– auch im Internet. Für ihr Buch «Hass im Netz» wurde sie unter anderem mit dem «Kreisky-Preis für das politische Buch» des Karl-Renner-­Instituts in Wien ausgezeichnet. 2017 wurde Brodnig als Österreichs Digital Champion in der EU-Kommission ernannt, eine ehrenamtliche Tätigkeit, die das Wissen und Bewusstsein über den digitalen Wandel mitfördern soll. 2017 ist ihr Buch «Lügen im Netz» erschienen, in dem sie sich mit Fake News, Populisten und undurchsichtigen Algorithmen auseinandersetzt. (mmo)

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