Datenleck enthüllt gebrochene Versprechen des Fifa-Chefs

Der Walliser Gianni Infantino ist der mächtigste Mann im Sport. Er hintertreibt selbst gesetzte Ziele, verbiegt die Regeln der Uefa und der Fifa – und kaschiert das gegen aussen.

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Fifa-Präsident Gianni Infantino hat sich für eine Abschwächung der internen Regeln des Weltfussballverbands eingesetzt, die ihn selber betreffen. Er wirkte auch bei der Entmachtung von Aufpassern mit, die ihn überwachen sollten, und er besorgte exklusive Einladungen für einen Walliser Oberstaatsanwalt, der ihm seinerseits diskrete Gefallen tat.

Dies ergibt sich aus einer Sammlung von Dokumenten aus dem Innersten der Fifa, darunter E-Mails, Memos und Protokolle. Die Enthüllungsplattform Football-Leaks hat das Datenleck mit dem Journalistennetz European Investigative Collaborations (EIC) geteilt. Ein Team des Recherchedesks von Tamedia und «Das Magazin» wirkte bei der Auswertung als Schweizer Partner mit.

Gianni Infantino und die Fifa weisen die Vorwürfe zurück. In einem Statement schreiben sie, man habe nach der Korruptionskrise von 2015 den Verband «Stein um Stein wieder aufgebaut», ­sodass man heute von einer «finanziell soliden, modernen und ethischen Organisation» sprechen könne.

Hunderte Millionen aus Katar

Infantino erklärte Good Governance und Transparenz zu einer Priorität seiner Präsidentschaft. Football-Leaks zeigt nun aber, dass der Fifa-Chef dem Walliser Oberstaatsanwalt Rinaldo Arnold Champions-League-Finaltickets und exklusive Einladungen an Fifa-Events ­zuhielt. Der Kaderbeamte, der mit Infantino befreundet ist, tauchte ebenso als Gast am Achtelfinal der WM in Moskau auf, wo er ein Selfie mit dem König von Spanien machte.

Die Gefallen gingen auch in die andere Richtung. Arnold fädelte ein vertrauliches Treffen Infantinos mit Bundesanwalt Michael Lauber im Berner Luxushotel Schweizerhof ein, wo die beiden über die rund 25 laufenden Fussballermittlungen sprachen. Der Walliser Staatsanwalt sass mit am Tisch, von der Fifa war sonst niemand anwesend. Die Fifa wie auch der Staatsanwalt schreiben, die Beziehung zwischen Arnold und Infantino sei rein privat. Der Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth widerspricht: «Es stellt sich ernsthaft die Frage, ob Arnold nicht als Amtsperson Vorteile angenommen hat.»

Ermittler Arnold nahm gemäss E-Mails für Infantino auch Kontakt mit der Bundesanwaltschaft wegen eines Strafverfahrens auf, das die Behörde im Umfeld des Europäischen Fussballverbands Uefa führte. Dort hatte Infantino früher als Generalsekretär geamtet – und ebenfalls gewichtige Versprechen abgegeben. Etwa, Clubs hart zu bestrafen, die Millionen von Oligarchen oder Ölstaaten erhalten und so den Fussball aus dem Gleichgewicht bringen.

Football-Leaks legt nun offen, dass Infantino persönlich dem Grossclub ­Paris Saint-Germain eine solche Millionenzahlung ermöglichte. Dafür veranschlagte er den Wert eines Werbevertrags auf 100 Millionen Euro pro Jahr. Laut Experten ist er weniger als 3 Millionen wert.

Ethikkodex abgeschwächt

Die Fifa sagt, es sei die zuständige Uefa-Behörde, die solche Entscheide letztlich absegne. Der Generalsekretär könne helfen, «Lösungen zu finden». Der zuständige Uefa-Untersuchungsleiter weigerte sich allerdings, den von Infantino aufgegleisten Deal zu unterschreiben. Er legte sein Mandat während der entscheidenden Sitzung nieder.

Ein weiteres Versprechen Infantinos lautete, die Unabhängigkeit der Fifa-internen Aufpasser «vollständig» zu wahren. Football-Leaks enthüllt nun, dass Infantino sich hinter den Kulissen für eine Abschwächung des Ethikkodex der Fifa engagierte. Die Sekretariate von unabhängigen Aufpassergremien liess er zusammenlegen, und als neuen Direktor berief er einen Vertrauten.

Ebenso unterstützte Infantino die Absetzung von Ethikermittlern, die auch gegen ihn selber ermittelt hatten. Er nominierte stattdessen eine umgängliche Richterin, die ihm als «Superamiga» vorgestellt worden war – als tolle Freundin. Die Fifa schreibt, es sei «vollkommen natürlich», dass Infantino als erfahrener Jurist in die Reform des Ethikkodex involviert gewesen sei. Die Richterin sei bestens qualifiziert und korrekt berufen worden.

Dank Football-Leaks wird heute auch ein Geheimplan von sieben Grossclubs öffentlich, die 2016 eine europäische «Super League» gründen wollten. Real Madrid, Bayern München und andere erwogen, aus den Uefa-Wettbewerben und den nationalen Ligen auszusteigen. Der Plan scheiterte, aber Dokumente weisen darauf hin, dass es eine Neuauflage des Projekts gibt.

Video – Europäische Topklubs wollen eigene Liga

Zehn europäische Topklubs wollen eine eigene Liga gründen und die nationalen sowie internationalen Verbände verlassen. (Video: AFP) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2018, 07:44 Uhr

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