War Manchester besonders schlimm?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Gleichheit aller Menschenleben.

Manchester trauert: Nach dem Attentat in der Manchester-Arena.

Manchester trauert: Nach dem Attentat in der Manchester-Arena. Bild: Rui Vieira/Keystone

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Das Attentat in Manchester war grausam. Warum jedoch wird in den Medien immer wieder betont, wie «besonders» niederträchtig dieses Attentat war, weil vor allem Kinder und Jugendliche betroffen waren? B. R.

Lieber Herr R.

Mir ist dasselbe säuerlich aufgestossen wie Ihnen. Ich kann nur hoffen, dass diese floskelhaften Bekundungen nicht implizieren sollen, dass, wenn man schon einen solchen Massenmord begeht, man dies künftig in einem Altersheim tun solle. Dass sie einfach nur so dahingeredet sind, wie der Hinweis auf die «Feigheit» der Tat (wie mutig soll es denn sein?), darauf, dass «unschuldige Menschen» ums Leben gekommen seien (was sind wohl die Kriterien einer solchen Unschuldsvermutung?), oder die Beteuerung der Staatschefs, dass man diese Tat aufs Schärfste verurteile (mit Zweidrittelmehrheit? Oder knapper? Ist die Schärfeskala nach oben offen?).

Identifikation mit den Eltern

Mir fällt aber ein einziger Grund ein, der die Rede vom besonders verabscheuungswürdigen Attentat an Kindern und Jugendlichen verständlich erscheinen liesse. Es ist eine Art instinktive Verzweiflung, die einen bei dem Gedanken erfasst, ein Kind könnte vor einem selber sterben. Es gibt wohl wenig Dinge, für die ich mein Leben überhaupt riskieren würde, aber ich würde mein Leben für das Leben meines Sohnes geben. (Welch grosses Wort spreche ich hiermit vielleicht allzu gelassen aus. Mögen, lieber Gott, Pflicht und Liebe stets grösser sein als meine Feigheit.) Eine aus dieser Vorstellung entspringende spontane Identifikation mit den Eltern der ermordeten Kinder scheint mir ein legitimes Motiv, das Attentat «besonders» abscheulich zu finden.

Zum Schluss noch etwas zur Gleichheit aller Menschenleben. Ein abstraktes Ideal, von dem man nicht erwarten kann, dass es auch unser Empfinden bestimmt. Niemandes Trauer ist unterschiedslos. Freud nennt das christliche Gebot der unbegrenzten Nächstenliebe eine Forderung, die nicht zu mehr Humanität, sondern bloss zu einer Inflation der Liebe führt. Mit der Trauer ist es nicht anders. Nicht jeder Tod kann uns gleichermassen berühren. Wo es keine Beziehung zum Ermordeten gibt, kann man entsetzt sein – aber traurig? Die öffentlichen Trauerkundgebungen kranken vor allem deshalb an dieser Floskelhaftigkeit, weil Medien und politische Repräsentanten auf keinen Fall den Eindruck erwecken wollen, kühl zu sein. Dabei ist die Emotionalisierung all dieser nicht betroffenen Betroffenen in etwa so vertrauenserweckend wie ein Chirurg, der kein Blut sehen kann und bei jedem Krebspatienten in Tränen ausbricht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2017, 10:36 Uhr

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