Die Moral der Masturbation

Der Franzose Emmanuel Carrère macht aus jedem Thema einen Egotext. In seinem «Russischen Roman» treibt er es damit zu weit.

Ausgestellte Niedertracht: Schriftsteller Emmanuel Carrère. Foto: Lea Crespi (Fotogloria)

Ausgestellte Niedertracht: Schriftsteller Emmanuel Carrère. Foto: Lea Crespi (Fotogloria)

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Emmanuel Carrère, schreibt der Kollege Ijoma Mangold in der «Zeit», habe die französische Literatur wieder zu einer «internationalen Referenzgrösse» gemacht. Oha! War das nicht eher Michel Houellebecq oder wenigstens der Nobelpreisgewinner Patrick Modiano? Mangold begründet seine Behauptung mit der Identität von Schreiben und Leben in Carrères Büchern: Worüber er auch schreibe, er schreibe immer über sich, und zwar mit dem absoluten Wahrheitsanspruch. Es geht also um Autofiktion, das Modegenre unserer Tage, nicht erst seit Karl Ove Knausgård und seiner «Min Kamp»-Saga.

Carrère ist mit «Limonov» und «Das Reich Gottes» bei uns bekannt geworden, also mit Büchern über einen russischen Rechtsaussenpolitiker und über das Urchristentum, eigentlich aber immer mit einem Hauptthema: Emmanuel Carrère. Das gilt auch für das aktuelle (im französischen Original bereits 2007 erschienene) Buch. «Ein russischer Roman» heisst es und ist natürlich kein russischer Roman, sondern der Bericht über ein Filmprojekt, das Carrère tatsächlich verfolgt hat: «Retour à Kotelnitch» ist auf DVD zu erwerben.

Hemmungslos intim

Kotelnitch ist eine Kleinstadt irgendwo in den Weiten Russlands, reiz- und trostlos. Hier wurde «der letzte Gefangene des Zweiten Weltkriegs» gefunden, ein nur unverständlich vor sich hin brabbelnder Ungar, dessen triumphale Heimführung Carrère begleitet. Zurück in Kotelnitch, langweilt sich das Filmteam, es bekommt nichts Interessantes vor die Linse, und die Einwohner nehmen Anstoss an ihrer Anwesenheit, weil sie spüren, als Objekte des Voyeurismus blasierter Pariser herhalten zu müssen: «Wir leben hier ein Hundeleben, ihr dagegen lebt im Paradies, was seid ihr nur für Dreckskerle, hierherzukommen und uns zu filmen», schimpft einer zu Recht.

Biografisch überblendet Carrère die ­Geschichte des Ungarn mit dem Schicksal seines eigenen Grossvaters, eines Georgiers, den es nach Frankreich verschlagen hatte, wo er aber nie auf die Füsse kam, sich in Selbsthass und Verbitterung zurückzog und zum Faschisten und Kollaborateur wurde. 1944 verschleppt von der Résistance, galt er seither als verschollen.

In Carrères Familie ist dieser Collabo-Grossvater ein Tabu; der Enkel lüftet es geradezu genussvoll, gegen die inständigen Bitten seiner Mutter. Diese Mutter gehört in Frankreich zur intellektuellen Superprominenz: Hélène Carrère d’Encausse ist Historikerin, secrétaire perpetuel der Académie française; sie hat in einem berühmten Buch den Untergang der Sowjetunion vorhergesagt. Ihr Sohn erlaubt sich nun, nicht nur das Familiengeheimnis preiszugeben; er gibt auch seiner Mutter öffentlich die Schuld an seinen eigenen Psychoproblemen: Sie habe sich selbst und allen Angehörigen «das Leiden verboten». Der Sohn, das Opfer, geht dreimal die Woche zum Psychoanalytiker; dass er den «Russischen Roman» zum «Geschenk» an seine Mutter deklariert, in einem entsprechenden Schlussbrief, berührt unangenehm.

Seht her, wie schlimm ich bin:
Das klingt wie der ultimative Wahrheitsbeweis, ist aber bloss
ein Trick.

Viel schlimmer ist allerdings, was Carrère mit seiner Freundin Sophie anstellt. Zwar schaut er ein bisschen auf sie herab, stammt sie doch aus dem Milieu der «Durchschnittsangestellten», nicht aus der Aristokratie der Künstler und Intellektuellen –, dafür ist der Sex grossartig (er «ständig steif», sie «bei ihm immer feucht»). Also: Bildungsdünkel hier, Sexprotzerei dort. Für Sophie schreibt Carrère eine erotische Liebesgeschichte, die just an jenem Samstag in «Le Monde» veröffentlicht wird, an dem Sophie einen bestimmten Zug besteigen soll.

Die Geschichte handelt davon, wie sie sich in diesem Zug auf der Toilette selbst befriedigt – gewissermassen vor den Leseaugen aller Mitreisenden, die selbstverständlich «Le Monde» dabei haben und vielleicht selbst Hand bei sich anlegen. Das soll «performative Literatur» sein und zugleich eine einzigartige, zutiefst intime und hemmungslos öffentliche Liebeserklärung, wie sie noch keine Frau je erhalten habe. Pech für den Autor: Sophie besteigt den Zug nicht, liest die Geschichte nie, die Fantasie Carrères, als grösster Liebhaber unter der Sonne dazustehen mit einem Millionenpublikum («zweifellos ein internationaler Bestseller», fantasiert er vorab), platzt wie eine Seifenblase.

Aus der gekränkten Eitelkeit folgen hässliche Auseinandersetzungen, inquisitorische Befragungen, eine erzwungene Abtreibung, der Rausschmiss aus der gemeinsamen Wohnung. Der tolle Liebhaber entpuppt sich als egomanischer Kontrollfreak, der seinen «Hang zur Niedertracht» nicht verhehlt und es schafft, noch seine Verwandlung in einen «misstrauischen, grausamen Kerl» der Geliebten anzulasten.

Faktencheck gibts nicht

Seht her, wie schlimm ich bin: Das klingt wie der ultimative Wahrheitsbeweis (wer sich so schlecht macht, kann doch nicht lügen), ist aber doch bloss ein alter literarischer Trick, der bis auf Rousseaus «Confessions» zurückgeht und beim Leser den begütigenden Effekt «so schlimm wirst du schon nicht sein» erzeugen soll.

Hier geht der Schuss aber nach hinten los. Das liegt nicht nur an der ausgestellten Niedertracht, sondern auch am Gefühl, als Leser nicht weniger manipuliert zu werden als die Adressatin der pornografischen Erzählung. Diese ist übrigens tatsächlich in «Le Monde» erschienen – deren Redaktion Carrère also ebenfalls steuern konnte –, mit begleitendem journalistischem Aufwand: Im Zug verfolgten gleich zwei Reporter, was sich tun würde.

Ist also alles wahr, was Carrère erzählt? Und wenn ja, was bedeutet das? Hebt «Wahrheit» den Wert der Literatur? Der Wahrheitsanspruch dieses Buches – wie der sämtlicher Autofiktion – ruht auf zwei wackligen Beinen. Zum einen müssen wir dem Autor einfach glauben, dass es so war; ein Faktencheck ist nicht möglich. Zum anderen hat jeder, der in einem Buch «ich» sagt, schon eine literarische Figur erschaffen.

Raus aus dem Schutzraum

Rechtfertigt nun die Literatur allen Schaden, den sie in der wirklichen Welt anrichtet, einfach weil sie sich als «Literatur» auf eine höhere moralische Stufe stellt bzw. auf eine jenseits «bürgerlicher Moral»? Das beansprucht Carrère für sich, und ihm folgt ein Teil der professionellen Leser (auf der «Literatur-Bestenliste» im Juni steht das Buch auf Platz eins). Das Gegenargument wäre: Literatur, die sich als «Wahr-Schreiben» begreift, hat den fiktionalen Schutzraum verlassen, begibt sich dorthin, wo man mit moralischen (und gegebenenfalls juristischen) Kriterien misst.

Denn sich selbst zu entblössen, ist das eine. Andere zu entblössen, das andere. Deshalb ist Maxim Billers «Esra» seinerzeit zu Recht verboten worden. Und deshalb darf man Emmanuel Carrères «Russischen Roman» einen abstossenden Text nennen, mit dem die Autofiktion ihren moralischen Nullpunkt erreicht hat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2017, 18:46 Uhr

Emmanuel Carrère

Ein russischer Roman.
Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Matthes & Seitz, Berlin 2017. 280 S., ca. 35 Fr.

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