Wenn Kommissar Zufall ermittelt

Der Nürnberger «Tatort» war das wahrscheinlich grösste Durcheinander in der jüngeren Krimi-Geschichte.

Die Kommissare Felix Voss (Fabian Hinrichs) und Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel).

Die Kommissare Felix Voss (Fabian Hinrichs) und Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel).

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Der Polizist als moderner Sisyphos: «Tatort»-Kommissar Felix Voss aus Nürnberg haderte mit seinem Beruf. Kaum habe er einen Verbrecher gefasst, treibe der nächste sein Unwesen. Kollegin Paula Ringelhahn tröstete ihn, doch ein paar Filmminuten später war sie es, die an ihre Grenzen stiess. Denn bei einem Autounfall starb ein ehemaliger Berufskollege von ihr. Ausserdem kam heraus, dass dieser rechtsradikale Schriften las und ein libysches Geschwisterpaar ermordet haben soll.

Toll, dachte man, eine überraschende Wendung. Sowieso gefiel der Film bis dahin sehr gut, weil die verschiedenen Erzählstränge vermeintlich nichts miteinander zu tun hatten. Doch Verwirrung zu stiften ist einfach, die Krimi-Kunst liegt in einer stringenten Auflösung. Leider hatte sich der Drehbuchautor übernommen und so musste Kommissar Zufall einspringen. Offenbar wurde das Geschwisterpaar ermordet, weil es in der Wohnung eines jungen Muslims war, dem der Anschlag galt. Dieser hatte drei rechtsnationale Schlägertypen angezeigt. Deren Fussballtrainer wollte sich an ihm rächen, erwischte aber aus Versehen das Geschwisterpaar. Daraufhin wurde er vom jungen Muslim umgebracht.

Auch zwei Fussball-Junioren waren beim Doppelmord anwesend – ihr Vater war der verunfallte Polizist. Wie sich herausstellte, war dieser nicht im Mord involviert, sondern wollte den jungen Muslim vor den Fussball-Faschos beschützen. Alles klar? Nein? Bedaure, es wird noch komplizierter: Der eigentliche Bösewicht des Films war die Ehefrau des Polizisten. Sie hatte ihrem Mann vor der verhängnisvollen Autofahrt Betäubungsmittel eingeflösst. Ihr Motiv: Sie hielt ihren Mann nicht mehr aus, weil er seine Familie partout nicht verlassen wollte.

Wieso in aller Welt verliess die Frau, die ihren Mann ja verachtete, ihn nicht? Und wieso waren sie und ihre Kinder plötzlich rechtsradikal geworden? Das erklärte der Film nicht. Stattdessen tauchte auch noch der Vater der Frau auf, ein Wutbürger-Opa, der dem jungen muslimischen Mörder im Halbdunklen einen minutenlangen Monolog hielt, wie ähnlich sie einander seien, beides Männer der Tat. Dann knallte es wieder, peng peng, und es erklang trauriges Klaviergeklimper und eine englischsprachige Ballade.

Es war das wahrscheinlich grösste Durcheinander in der jüngeren Krimi-Geschichte und manchem Zuschauer ging es sicher wie Kommissar Voss: Man stellte sich grundsätzliche Fragen zum «Tatort».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2018, 22:11 Uhr

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