Wie ein Bizeps in der Landschaft

In Locarno war gestern Premiere von Dominik ­Lochers Film «Goliath» über muskulöse Männlichkeit. Stark oder nicht?

David will Jessy vor allen möglichen Gefahren beschützen. Foto: Filmcoopi

David will Jessy vor allen möglichen Gefahren beschützen. Foto: Filmcoopi

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Ich-bin-schwanger-Szenen gibts im Kino unzählige. Oft guckt der Mann erst hilflos, freut sich dann aber doch. In «Goliath» fällt der Satz beim Oralsex. Jessy sagt ihn zu David, und zwischen den Beinen von Jessy bekommt David diesen Blick. Tiefe Verunsicherung, möglicherweise ist es auch Panik. Mehr braucht Dominik Locher für die Szene nicht. Kein «Woran denkst du?», kein «Sag doch was», nur den Blick und die Beine. Erzählkino aus der Schweiz: geht doch.

Später steht David am Fenster, das ist auch wieder eine tolle Einstellung: Die Storen sind halb runtergelassen als Schutz vor der Nachmittagssonne, und trotz Jessys Handjob kriegt David einfach keine Erektion. Wird mit den Anabolika zu tun haben, die er sich spritzt, seit Jessy und er in der S-Bahn von einem Arschloch angegriffen worden sind. Seither will David stark werden, seither hebt er Gewichte im Fitnessclub, damit er seine schwangere Freundin beschützen kann und einen Körper bekommt, wie ihn ein Arbeitskollege hat. Eine Masse, dank der man jeden Raum, den man betritt, auch gleich beherrscht.

Aussicht aufs AKW

David aber kommt nicht mehr von den Steroiden los und wird zur Gefahr für die Umwelt. Daraus schöpft Locher dann aber nicht die grosse Dramatik, sondern knappe Szenen einer verstörten Beziehung. Es ist die Prüfung einer heftigen Liebe: Jasna Fritzi Bauer spielt Jessy als Seele mit herber Schale, Sven Schelker balanciert als David souverän Überforderung und Aggression. Seine Angst, als junger Vater nicht zu genügen, führt ihn nicht nur ins Krafttraining, sondern auch in den Babyladen, wo er einen Autositz testet, indem er völlig übertrieben daran rüttelt. Eine von vielen schönen Beobachtungen in Lochers ZHDK-Abschlussfilm, der deutlich kontrollierter wirkt als sein Debüt «Tempo Girl». Auch wenn es dann ein bisschen binär daherkommt, wie sich David in Goliath verwandelt: Dieser Wettbewerbsfilm kennt den zeitgenössischen Druck, den männlichen Körper zur Dominanzmaschine hochzuzüchten. Zum Hardbody, diesem modernen Schutzschild in einer feindseligen Welt.

Und für einmal spielte ein Schweizer Film nicht in Zürich, sondern in der Region von Obergösgen, mit Aussicht aufs AKW. Wie ein «grosser Bizeps», sagte Locher an der Pressekonferenz, stehe der Kühlturm in der Landschaft, deshalb habe das gepasst. David arbeitet dort im Büro, Jessy bewirbt sich als Maskenbildnerin beim Fernsehen. Es ist ein uncooles und auch zu wenig beachtetes Mittellandmilieu zwischen Lidl-Parkplatz und Kiesterrasse, das der Maurersohn und gebürtige Aargauer Locher gut zu kennen scheint. Nur die Godard-DVD-Box im Wohnzimmer wirkt ein wenig fehl am Platz. Aber vielleicht schaut sich Jessy so etwas ja an, um auf neue Schminkideen zu kommen. Einmal sieht man sie, wie sie mit viel Make-up in den Ausgang geht. Es sieht aus wie Kriegsbemalung.

Wiederholung Dienstag und Mittwoch, im Kino ab November. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2017, 10:02 Uhr

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