Märchen für Perverslinge

Die dänische Künstlerin Mette Ingvartsen präsentierte am Festival «Tanz in Bern» mit «21 pornographies» einen Reigen aus Sex und Gewalt als One-Woman-Show.

Mette Ingvartsen in ihrem Stück «21 pornographies»: Pornografie ist das nicht.

Mette Ingvartsen in ihrem Stück «21 pornographies»: Pornografie ist das nicht. Bild: PD/Marc Domage

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Jemand würde sicher den Raum verlassen, meinte ein Besucher kurz vor Beginn des Stückes «21 pornographies». Und tatsächlich bleiben nicht alle sitzen, bis die 70 Minuten vorbei sind. Das am Festival «Tanz in Bern» in der Dampfzentrale gezeigte Stück verstört mit Bekenntnissen aus dem Schattenreich der Sexualität.

«Verbotene Liebe» lautet das diesjährige Motto des Festivals. Die dänische Tänzerin und Choreografin Mette Ingvartsen passt mit ihrer One-Woman-Show bestens dazu.

Die Bühne besteht aus einer dreistufigen mit Neonröhren gesäumten Treppe. Eine gleichmütige Erzählerstimme nimmt das Publikum mit in eine andere Welt. «Stell dir vor, du schaust auf ein altes Herrenhaus…» so beginnt die erste Erzählung des Abends. Es ist der Einstieg zu einer Reihe von Märchen für Perverse.

Ingvartsen ist dabei die unheilvolle Märchentante und Akteurin zugleich. Während man zuerst nur ihre Stimme hört, erhebt sie sich schliesslich, weitererzählend aus dem Publikum. Sie trägt eine schwarze Hose mit weisser Bluse. Noch. Denn bald wird sie dem Publikum ihren nackten Hintern entgegenstrecken und dabei stoisch erzählen, was in besagtem Herrenhaus vorgeht.

Reiche und Mächtige lassen in einer prunkvollen Umgebung ihren sexuellen Fantasien freien Lauf. Ein Präsident, ein Bischof, ein General und ein Herzog sind dabei. Ein Mädchen spielt im Hintergrund Klavier.

In Hollywood spricht man von «make believe», dem Publikum etwas glaubhaft machen – eine Kunst, die Ingvartsen mit minimalen Mitteln maximal beherrscht. Sie erzählt von ihren angeblichen Kunden. Etwa von einem General, der auf Exkremente steht und weint wie ein Baby.

Baden in Schokolade

Während gerade noch von Exkrementen die Rede war, fordert die Performerin die Zuschauer auf, unter ihren Sitzen nachzuschauen, ob es dort Schokolade habe. Tatsächlich befindet sich unter jedem Sessel eine in Goldfolie verpackte Praline. Derweil erzählt Mette Ingvartsen von einem Bad in Schokolade während des Drehs zu einem Pornofilm.

Porno ist mehrheitlich für Männer gemacht, krud und manchmal ganz schön lächerlich. Ingvartsen dekonstruiert Schritt für Schritt, wie Macht und Lust zusammenhängen, wie Frauen zu Objekten und Gewalt zum Antörner wird. Sogar von Zungenküssen mit einer Leiche ist die Rede.

Schwanensee im Folterkeller

Nebst dem Erzählen steht der Tanz. Doch klassischer Striptease liefert Ingvartsen nicht. Dafür würde sich ihr androgyner Körper auch nicht eignen. Das Spektrum ihrer Choreografie ist so breit wie dasjenige der Pornografie. Mal suggeriert die splitternackte Tänzerin Rad schlagend und euphorisch hüpfend eine Hippie-Orgie, mal verirrt sie sich zu Hardcore-Metal in einen Folterkeller.

Das Publikum wird mit aggressivem Licht geblendet, während es scheint, dass die Tänzerin nie mehr aufhören wird, sich zu drehen. Werden da die berühmten «Fouettés» aus Schwanensee pervertiert? Pornographie ist «21 pornographies» nicht. Vielmehr entpuppt sich das Stück als eine kühle und radikale Abrechnung mit einem patriarchalisch geprägten Genre.

Tanz in Bern: noch bis zum 11. 11.in der Dampfzentrale, Bern.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 29.10.2018, 16:11 Uhr

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