Amor als Profi-Stalker

Facebook drängt ins Dating-Geschäft. Wenn das nur gut geht.

Mitten im grössten Datenschutzskandal der Firmengeschichte will Facebook eine eigene Online-Partnervermittlung einführen. Video: Reuters

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Ob Amor jetzt wohl auch so grinst? Grund hätte er, denn Mark Zuckerberg will ihm Arbeit abnehmen. Bestens gelaunt kündigte der Facebook-Erfinder bei der jährlichen F8-Entwicklerkonferenz neue Features rund ums Thema Dating an. Allerdings beeilte sich Zuckerberg zu betonen, dass es auf der simpel mit «Dating» betitelten Seite nicht bloss um Aufriss gehen soll. Vielmehr wolle man lange, bedeutungsvolle Beziehungen ermöglichen; wie auch immer das gehen soll.

Für Facebook liegt der Schritt nahe. Immerhin startete Zuckerberg seine Erfindung als «Hot or Not»-Seite, auf der Studenten Bilder ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen vergleichen und bewerten konnten. Doch bei der Facebook-App soll es eben um viel mehr gehen: Liebe, Begegnungen und Partnerschaften mit Bestand.

Aktien von Tinder tauchen

Bei den existierende Dating-Seiten wie Tinder, Match.com oder OkCupid hält sich die Begeisterung ob dieser Ankündigung in Grenzen. Tinder zum Beispiel greift für seine Dienste schon jetzt auf die Datenbasis von Facebook zu. Was Tinder Facebook noch voraushaben soll, wenn dieses ebenfalls einsteigt, bleibt offen.

Die Aktien von Tinder und anderen Dating-Plattformen tauchten denn auch empfindlich. Mandy Ginsberg, Chefin der Match-Gruppe, kommentierte verhalten kritisch: Man fühle sich durch den neuen Konkurrenten geschmeichelt, sei aber überrascht über den Zeitpunkt der Ankündigung, schliesslich gehe es um eine Menge sensibler Daten. Bissiger kommentierte Joey Levin, Chef von IAC, der Mehrheitsaktionärin der Match-Gruppe, gegenüber CNN: «Hereinspaziert! Das Wasser ist warm. Facebooks neues Produkt ist sicher grossartig für die Beziehungen zwischen den USA und Russland.»

«Wenige Daten sind so sensibel wie jene auf Dating-Profilen.»

Der Seitenhieb zielt auf die unrühmliche Rolle von Facebook im US-Wahlkampf, in dem es als Durchlauferhitzer für Falschinformation aus dubiosen Quellen diente. Wahrscheinlich sorgen sich Ginsberg und Levin weder um die Demokratie noch um die Privatsphäre. Ihnen geht es ums Geschäft. Tatsächlich ist der Zeitpunkt von Zuckerbergs Ankündigung bemerkenswert. In den vergangenen Wochen stand Facebook heftig in der Kritik für seinen bestenfalls sorglosen, eher aber kriminellen Umgang mit sensiblen Daten.

Ein Skandal von geringerer Tragweite wurde ebenfalls diese Woche bekannt: Ein Facebook-Mitarbeiter hatte sich auf Tinder als «professioneller Stalker» ausgegeben und gegenüber einer Frau mit seinem Zugang zu sensiblen Daten geprahlt. Um seine Behauptung zu untermauern, verriet er der Frau Insiderkenntnisse ihres Facebook-Profils. Zwar wurde der Mitarbeiter entlassen, nachdem die Sache publik geworden war. Dennoch zeigt die Geschichte, wie schnell heikle Daten in falsche Hände geraten können. Amor-Leaks wären unter den bisherigen Umständen kaum zu verhindern.

Die Hoffnung: Dank Flirts mehr Nutzer

Warum also will sich Facebook gerade jetzt als Kuppler versuchen? Vermutlich reagiert die Firma auf eine für sie alarmierende Entwicklung: das Desinteresse der Jungen an Facebook. Nach wie vor gewinnt die Seite beim älteren Segment der über 50-Jährigen neue Nutzer dazu. Die Teens und Twens jedoch können mit Facebook immer weniger anfangen und wandern ab. Geschätzte drei Millionen User unter 25 Jahren soll die Seite im 2018 verlieren.

Bei Facebook wird man kaum daran glauben, diese Nutzer mit den neuen Dating-Services zurückzuholen. Stattdessen versucht man, die verbleibenden älteren Nutzer zu animieren, so viel Zeit wie möglich auf Facebook zu verbringen – eben auch mit Onlineflirten.

Das kann durchaus funktionieren, solange kein neuer Datenskandal losbricht und solange Facebook seine Sicherheitsprobleme löst. Was uns sonst blüht, fasste «Daily Show»-Moderator Trevor Noah in seinem Kommentar zu «Dating» so zusammen: «Was für eine schöne Vorstellung! Man trifft sich, geht eine stabile Beziehung ein, bekommt ein Kind. Und bevor man sichs versieht, kommt Facebook und verkauft dieses Kind an Cambridge Analytica.» Immerhin musste Cambridge Analytica, diese umstrittene Datenanalysefirma, nach dem Datenskandal um Facebook diese Woche schliessen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2018, 20:36 Uhr

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