«Es geht um Respekt»

Die plastische Chirurgin Cynthia Wolfensberger über falsch verstandenen Feminismus, Körperkult und die Frage, ob sie als Mischling auch Züritüütsch verstehe.

«Frauen, die sich besonders grosse Implantate wünschen, haben eine limitierte Vorstellung von sich selbst»: Cynthia Wolfensberger mit einem Implantat. Foto: Sebastian Magnani

«Frauen, die sich besonders grosse Implantate wünschen, haben eine limitierte Vorstellung von sich selbst»: Cynthia Wolfensberger mit einem Implantat. Foto: Sebastian Magnani

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Der heisse Sommer muss perfekt sein für Ihr Metier – die Leute gehen baden, schauen also oft an sich runter und finden womöglich: hoppla. Steht Ihnen im Herbst ein Ansturm bevor?
Ja, dann wollen die Leute verschönert haben, was da im Sommer freigelegt worden ist. Das Fett soll weg, die Brüste sollen grösser werden.

Es heisst doch, Brüste würden wieder kleiner.
Der Trend geht zu kleineren Brüsten, das ist richtig, aber ich höre gerade von jungen Patientinnen stets denselben Satz: Machen Sie so viel fürs Geld rein, wie möglich ist. Da sage ich jeweils: Das mache ich nicht. Und erkläre, dass besonders grosse Brüste für viele Unannehmlichkeiten sorgen, man keine passenden Kleider findet und es alle sofort sehen werden. Frauen, die sich besonders grosse Implantate wünschen, haben ein eingeschränktes Bild von Weiblichkeit. Sie haben eine limitierte Vorstellung von sich selbst und davon, was sie als Frau attraktiv macht.

Ärztin und Mutter
Cynthia Wolfensberger, 57, ist Fachärztin für ästhetische, plastische und rekonstruktive Chirurgie mit eigener Praxis in Zürich. Den Begriff «Schönheitschirurgin» mag sie nicht, weil sie sich in erster Linie als Ärztin versteht; vor ihrer Selbstständigkeit arbeitete sie im Spital auf der Verbrennungsstation für Kinder. Wolfensberger wuchs als Tochter eines Schweizers und einer schwarzen Amerikanerin in Zürich auf. Sie ist Mutter einer erwachsenen Tochter.

Wenn Brüste wieder kleiner werden sollen, sind Körperteile Trends unterworfen wie Schuhe.
Schönheitsideale haben sich immer verändert. Neu ist, dass sie sich derart schnell verändern. Trends brauchen heute von Los Angeles nach Paris oder Zürich nicht mehr ein paar Jahre, sondern Tage. Es ist aber vor allem ein Phänomen der Ersten Welt, die dauernd versucht, ihre verlorene Identität neu zu finden. In Afrika werden androgyne Figuren nie gross durchstarten.

Was kommt nach Kim Kardashian?
Ich hoffe auf jemanden der Bodypositive-Bewegung. Allerdings wird daraus kein Trend werden, denn das lässt sich kaum mit Bildern transportieren: Es geht ja nicht um ein spezifisches Körperteil, sondern um eine Haltung.

Wäre das nicht ohnehin ganz schlecht für Sie: Wenn alle plötzlich zufrieden sind mit ihrem Aussehen?
Nein. Es gibt immer etwas, das einen stört. Auch wenn alle anderen finden, die Nase sei perfekt, kann sie die betreffende Person stören.

Es ist heute viel von «Body Shaming» die Rede – davon, dass junge Frauen enorm unter Druck stünden. Der «Spiegel» schrieb kürzlich, man müsse sich vor dem neuen Feminismus nicht fürchten, da ginge es nur noch um den Körper. Wie nehmen Sie das wahr?
Wenn das so ist, muss man den Feminismus tatsächlich nicht fürchten. Wenn er reduziert wird auf den Körper, dann wurde etwas komplett missverstanden.

Was?
Es geht doch beim Feminismus nicht um den Körper, es geht um Respekt. Darum, dass man Frauen keine Steine in den Weg legt oder ihnen etwas verbietet, bloss weil sie Frauen sind. Es ärgert mich auch, wenn besonders betont wird, dass eine Frau etwas erreicht hat. Wie wenn die Leistung einer Frau aussergewöhnlich wäre. Deshalb gefällt mir Frau Merkel so. Sie kümmert sich um all das nicht. Sie trägt ungerührt immer denselben Hosenanzug. Sie macht einfach ihren Job.

«Was war zuerst: Der Körperkult oder eher die Aufregung, die deswegen herrscht?»

Als wie verunsichert nehmen Sie die jungen Frauen wahr?
Natürlich sind sie das zwischendurch. Weil unsere Gesellschaft extrem aufs Optische fixiert ist, macht ihnen das – Männern übrigens auch – zu schaffen. Aber wegen einer kleinen Gruppe extrem körperzentrierter Menschen, die sich noch dazu sehr extrovertiert gebärden, entsteht der Eindruck, das gelte für alle. Der weitaus grössere Teil findet – zum Glück! – das Gewicht oder das Taillen-Hüfte-Verhältnis völlig irrelevant. Wenn man sich umsieht, sind da ziemlich viele recht selbstbewusst, und sagen sich: «Egal, welche Kleidergrösse ich habe, ich trage Leggins.» Womit sie auch sagen: Ich trage, was mir passt. Das zu sehen, freut mich. Und manchmal bin ich mir nicht ganz sicher, was das Huhn ist und was das Ei: War zuerst der Körperkult oder eher die Aufregung, die deswegen herrscht?

Wie meinen Sie das?
Ob es nicht eher an den vielen Experten und Therapeuten liegt, die sich alarmistisch zu einem Thema äussern und es damit viel grösser machen, als es eigentlich ist.

Ein Beispiel?
Es fiel mir bei den Schamlippenoperationen auf. Vor zehn Jahren begann man plötzlich, darüber zu schreiben, dass diese wahnsinnig zunähmen. Im Laufe dieser zunehmenden Berichterstattung haben sich viel mehr Frauen mit dem entsprechenden Wunsch bei mir gemeldet als je zuvor. Da wurde also eher ein Problem geschaffen, als dass eines vorhanden gewesen wäre. Dasselbe gilt für den Männeranteil bei den ästhetischen Operationen. Jahr für Jahr heisst es: Immer mehr Männer lassen sich operieren! Bloss: Wenn sich ein Anteil von 0,5 Prozent auf 1 Prozent vergrössert, handelt es sich zwar um eine Verdoppelung – gesamthaft gesehen, ist das aber immer noch verschwindend wenig.

Wie gross ist der Männeranteil bei Ihrer Kundschaft?
15 Prozent. Die meisten kommen wegen rekonstruktiver Chirurgie, also nach Unfällen. Und viele wegen Hautkrebs. Das sind fast meine liebsten Fälle.

Weshalb denn das?
Wenn ein Patient mit einer unklaren Hautkrebsdiagnose vorbeikommt, weiss ich nur, dass ich was rausschneiden muss. Ich weiss aber nicht, wie viel. Oder wie tief. Ich schneide das dann raus, schicke es per Velokurier an den Pathologen, der schaut sich die Probe an und meldet entweder: alles okay, oder: Du musst oben links oder unten rechts noch mehr rausschneiden. Dann muss ich meinen Köcher mit allen Pfeilen füllen, die ich zur Verfügung habe. Ich muss schnell und richtig entscheiden. Ich weiss also am Morgen nur eines: Ich bringe das Loch, das ich herausschneide, wieder zu. Dazwischen ist alles offen. Das ist eine tolle Herausforderung.

«Nasenpatienten sind oft schwierig.»

Was machen Sie nicht gern?
Fett absaugen. Das ist so repetitiv, also langweilig. Zudem muss man je nach Körperregion ziemlich schräg dastehen, das geht auf die Bandscheiben. Dasselbe gilt für Nasenoperationen: Vom Operativen her wäre das Organ perfekt – es ist dreidimensional, seine Funktion muss erhalten bleiben –, aber die Nase liegt blöd. Es gibt einfach keine anständige Körperhaltung, um an sie ranzukommen. Hinzu kommt, das Nasenpatienten oft schwierig sind.

Weshalb?
Sie sind unglaublich fixiert auf ihre Nase. Sie haben eine ganz genaue Vorstellung davon, wie sie danach aussehen soll. Das macht es schwierig, auch für mich.

Was bekommt man immer noch nicht richtig gut hin?
Oberarmstraffungen. Wenn die gut werden soll, muss man der Länge nach schneiden, was später sichtbar ist. Also mag die Patientin auch danach keine Spaghettiträger anziehen. Das ist frustrierend.

Hatten Sie je den Wunsch, etwas an sich zu verändern?
Meine Stirn ist zu niedrig, finde ich. Und als junge Frau schien mir meine Nase zu breit, jetzt aber nicht mehr. Zudem liess ich mein Hängelid korrigieren – es ist zwar immer noch nicht symmetrisch, aber ich wusste, dass dem so sein würde.

Sie sehen nicht aus, wie man sich gemeinhin eine plastische Chirurgin vorstellt.
Stimmt, und es hat mich auch nie interessiert, obschon es vielleicht einfacher gewesen wäre: so perfekt geschminkt und frisiert, in einem Kleid und mit Stöckelschuhen, darüber der weisse Kittel. Aber das bedeutete, dass mir die Menschen vertrauten, weil ich aussehe wie das, was sie sich unter einer plastischen Chirurgin vorstellen. Sie vertrauten dann dem Klischee, nicht mir als Person und Ärztin. Ich definiere mich aber über das, was ich kann, und zwar als plastisch-rekonstruktiv-ästhetische Chirurgin. Und eben nicht als «Schönheitschirurgin».

Hat das auch Vorteile?
Viele meiner Patientinnen sagen beim Erstgespräch, sie hätten mich in der Zeitung oder am Fernsehen gesehen und gedacht: Zu der gehe ich, die sieht aus wie ein Mensch. Das empfinde ich als Kompliment.

Ihre Mutter ist schwarze Amerikanerin, Ihr Vater Schweizer. Wie nennen Sie sich?
Ich bin ein Mischling, obschon ich immer heller werde. Was aber daran liegt, dass ich eine Zimmerpflanze bin, also lieber drinnen als draussen.

Wie war das als Mischling in Zürich in den Sechzigern und Siebzigern?
Wir waren eine Attraktion! Aber nicht im negativen Sinn, denn es hatte nichts mit dem Hass zu tun, den meine Mutter aus den USA kannte. Wir wurden eher bestaunt. Meine Mutter war in der Schwarzenbewegung aktiv gewesen. Sie hat nie viel darüber gesprochen, und so kann ich nur spekulieren, was es mit einem macht, wenn man als junge Frau auf dem Weg zur Schule von der Nationalgarde bewacht werden muss; das war, kurz nachdem es Schwarzen erlaubt war, zusammen mit Weissen zur Schule zu gehen.

Haben Sie hier in der Schweiz Rassismus erlebt?
Ich habe tatsächlich nicht viel Negatives erlebt. Es gab immer mal wieder Bemerkungen oder Vorkommnisse, wie zum Beispiel in der Primarschule. Da setzte der Lehrer nicht nur die beiden blondesten Mädchen in die erste Reihe, er sagte auch, ich sollte nicht ans Gymi. Er müsse mir zwar im Rechnen eine 5–6 geben, aber das Gymi, das sei nichts für mich.

«Ich sah exotisch aus, aber das fiel mir selbst nicht auf.»

Hat Sie das verletzt?
Nein. Ich habe von daheim ein Urvertrauen mitbekommen. Und ich wusste immer, dass ich hierher gehöre. Als ich mit dem Studium anfing, kam ich gerade aus den USA zurück und trug die Haare zu Zöpfen geflochten, noch dazu mit farbigen «Gümeli». Ich sah wirklich absolut exotisch aus. Aber das fiel mir selbst nicht auf. Wenn die Dozenten fragten, ob alle Zürichdeutsch verstünden, fühlte ich mich nicht angesprochen. Wenn sie dann in meine Richtung schauten, drehte ich den Kopf nach hinten, weil ich nicht auf die Idee kam, dass die mich meinen könnten. Ob ich Zürichdeutsch verstehe, werde ich heute immer noch gefragt.

Wollten Sie nie in den USA leben?
Nein. Immer, wenn ich dort war, hatte ich das Gefühl, mich für eine Hautfarbe entscheiden zu müssen. Ich hätte mich für Schwarz entschieden, weil die Familie meiner Mutter schwarz ist, aber ich hätte trotzdem nicht reingepasst: weil ich weiss aufgewachsen bin. Beziehungsweise: nicht unbedingt weiss, sondern einfach europäisch.

Wenn Sie Richtung USA sehen, was geht in Ihnen vor?
Es berührt mich, weil ich dort eine schwarze Familie habe. Die Rassenungleichheit beschämt mich. Der Mittelstand, der leidet, macht mich traurig. Dass es eine solch grosse Anzahl von Ignoranten im Zentrum der USA gibt, die dazu führte, dass jetzt diese eigenartige Ansammlung von Menschen im Weissen Haus sitzt und vorgibt, ein Regierungsprogramm zu haben, erfüllt mich mit allergrösster Verwunderung. Bei der Serie «House of Cards» konnte man sich noch damit trösten, dass alles nur Fiktion sei. Meine Mutter hielt CNN-Berichte über Donald Trump im Weissen Haus zunächst genau dafür: Fiktion. Sie fragte uns, wieso ein Nachrichtensender eine Satiresendung ausstrahle. Wir konnten es ihr lange kaum glaubhaft machen. Jetzt weiss sie es, und man merkt, dass vieles von früher wieder hochkommt.

Sie sind ebenfalls Mutter – Sie waren nicht nur eine halbschwarze Ärztin, sondern auch noch alleinerziehend. Hat Sie das eingeschränkt?
Als ich nach der Scheidung allein für meine Tochter verantwortlich war, beeinflusste das meine beruflichen Möglichkeiten ganz klar. Ich konnte keine grossen Operationen machen, weil grosse Operationen eher grosse Komplikationen nach sich ziehen, und da muss man superflexibel sein. Mit einem kleinen Kind ist das unmöglich.

Machten Sie sich deshalb selbstständig?
Ja, ich wäre gerne im Spital geblieben. Auf den ganzen administrativen Kram als Selbstständige – AHV-Abrechnungen, neues Putzpersonal suchen – könnte ich jederzeit verzichten. Ich operiere wahnsinnig gerne, aber ein 70-Stunden-Job, das geht nicht mit einem kleinen Kind.

Es muss sehr streng gewesen sein.
Das war es auch. Aber egal, wie mühsam es war: Ich war vor allem glücklich, einen Beruf zu haben, der mir so entspricht. Deshalb fällt mir vermutlich auch so auf, wie viele junge Frauen heute ein traditionelles Frauenbild leben wollen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie das wirklich wollen oder ob sie das Gefühl haben, sie hätten kein Recht zu sagen: Ich will was anderes. Vielleicht sogar: Ich will an die Spitze.

Woran liegt das?
Möglicherweise haben sie Angst, dann nicht als weiblich zu gelten. Es ginge dann wieder um ein eingeschränktes Bild dessen, was Weiblichkeit bedeutet. Kommt hinzu, dass es ein Trugschluss ist, zu denken, es sei einfacher, nicht arbeiten zu gehen. Einfacher wäre, sich die Dinge teilen zu können, zum Partner zu sagen: Hey, das Projekt Familie schmeissen wir gemeinsam. Ich setze da momentan mehr Hoffnungen auf die jungen Männer. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.08.2017, 14:22 Uhr

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