«Kinder haben das Recht auf ein bisschen Risiko»

Kim Brooks musste 100 Stunden Sozialarbeit leisten, weil sie ihren Sohn kurz alleine liess. Was in der Erziehung heute alles falsch läuft, erklärt die US-Autorin im Interview.

«Nicht jedes Kind, das alleine unterwegs ist, ist auch in Gefahr»: Zwei Freunde beim Spielen. Symbolbild: iStock

«Nicht jedes Kind, das alleine unterwegs ist, ist auch in Gefahr»: Zwei Freunde beim Spielen. Symbolbild: iStock

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Weil sie ihren kleinen Sohn einmal kurz alleine liess, wurde die US-amerikanische Autorin Kim Brooks angezeigt und bestraft. In einem Buch fordert sie nun: Lasst die Kinder in Ruhe – und vertraut den Eltern.

Frau Brooks, Sie haben Ihr Kind im Auto alleine gelassen. Machen Sie so etwas häufiger?
Ich mache, was alle Eltern tun. Ich überlege, wie riskant eine bestimmte Situation für meinen Sohn ist, und entscheide, ob er damit alleine zurechtkommt oder nicht. Inzwischen finde ich da auch nichts mehr dabei.

Was genau ist passiert?
Ich wollte schnell in einem Laden etwas besorgen. Er hatte keine Lust mitzukommen, wollte lieber weiter im Auto auf dem Tablet spielen. Es war ein kühler, regnerischer Tag, es war eine gute Gegend. Also sah ich kein Problem und erlaubte es. Später erfuhr ich, dass ich angezeigt wurde. Um die Sache aus der Welt zu schaffen, musste ich hundert Sozialstunden ableisten und eine Elternberatung absolvieren.

«Diese Anzeige stellte meine Fähigkeiten als Mutter infrage und warf mir vor, mein Kind zu gefährden.»Kim Brooks, Autorin

Hundert Sozialstunden – das klingt ziemlich viel.
Heute erscheint mir das unverhältnismässig. Aber damals war ich enorm verunsichert. Diese Anzeige stellte meine Fähigkeiten als Mutter infrage und warf mir vor, mein Kind zu gefährden. Das machte mir Angst, und ich wollte irgendwann nur noch, dass es vorbei ist, deswegen habe ich vor Gericht nicht weitergekämpft. Inzwischen weiss ich, wie glimpflich ich davongekommen bin. Es gibt Mütter, die nach so einer Anzeige ins Gefängnis kommen und ihre Kinder verlieren.

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Tatsächlich?
Arme Familien trifft es besonders hart. Die USA sind ein Land, in dem es so gut wie keine Unterstützung für Menschen mit Kindern gibt. Es gibt keinen Mutterschutz, keine bezahlte Elternzeit, Krippenplätze kosten im Schnitt 17'000 Dollar pro Jahr. Wer also der Meinung ist, dass gute Eltern ihre Kinder jederzeit beaufsichtigen müssen, sagt eigentlich: Nur wohlhabende Menschen können gute Eltern sein. Deutlich wird das an der Geschichte der Imbiss-Angestellten Debra Harrell. Sie erlaubte ihrer neunjährigen Tochter, während ihrer Schicht im nahen Park zu spielen. Sie wurde wegen Vernachlässigung angeklagt, und ihr Kind kam in eine Pflegefamilie.

Ist es nicht prinzipiell eine gute Sache, wenn Menschen auch auf Kinder achten, die nicht ihre eigenen sind?
Selbstverständlich ist es das, und eigentlich brauchen wir mehr davon. Die Leute sollen weinenden Kindern, die sich verlaufen haben, unbedingt weiterhelfen, und wenn ein Kind in den See fällt, soll jemand die Rettungskräfte rufen. Aber nicht jedes Kind, das alleine unterwegs ist, ist auch in Gefahr. Zudem läuft etwas schief, wenn Beobachter als Erstes die Polizei einschalten. Ich würde mir wünschen, dass die Leute zunächst miteinander reden. Fragen Sie doch das Kind, ob alles in Ordnung ist. Oder sprechen Sie mit den Eltern, wenn Sie der Meinung sind, dass diese riskant handeln.

Was macht es mit Kindern, wenn sie pausenlos betreut werden?
Genau wissen wir es noch nicht, weil die betroffenen Generationen ja gerade erst gross werden. Doch wir beobachten schon jetzt eine massive Zunahme von psychischen Krankheiten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen: Drogenprobleme, Depressionen, Angststörungen. Ein besonders grosses Problem sind junge Menschen mit Trennungsängsten. Sie werden mit der Schule fertig, sollen alleine auf die Universität gehen und kriegen das überhaupt nicht hin.

«Früher durften Kinder zwar viel machen, aber sie wurden auch alleine damit gelassen.»Kim Brooks, Autorin

Warum ist das so?
Verhaltenstherapeuten sagen, dass Kinder Dinge nur lernen können, wenn sie sie tun dürfen. Das beginnt schon bei Konflikten am Spielplatz. Wenn Eltern immer alles regeln, können Kinder nicht lernen, sich durchzusetzen oder nachzugeben und jeweils danach mit ihren Emotionen umzugehen. Diese Widerstandsfähigkeit fehlt Kindern, die niemals unbeobachtet sind, die niemals mit irgendetwas alleine fertigwerden müssen.

Erwachsene denken oft nostalgisch an die eigene Kindheit zurück und seufzen: Damals durften wir machen, was wir wollten, solange wir zum Abendessen zu Hause waren. War früher alles besser?
Ich bin immer vorsichtig, wenn es sentimental wird. Vor dreissig, vierzig Jahren lief auch vieles falsch. Aber im Allgemeinen hatten Kinder damals viel mehr Freiheiten und durften ihre Sachen selber regeln. Heutige Eltern sollten sich vielleicht daran erinnern, was sie damals alles hingekriegt haben, und es ihrem Nachwuchs auch zutrauen. Ich vermute da eine Pendelbewegung: Früher durften Kinder zwar viel machen, aber sie wurden auch alleine damit gelassen und fühlten sich zu wenig wahrgenommen. Jetzt als Mütter und Väter wollen sie alles anders machen und ihre Kinder wertschätzen und immer für sie da sein. Das Pendel schlägt inzwischen viel zu weit in die andere Richtung.


Bilder: Schweizer Kinderheime in den 1920er-Jahren


Warum eigentlich?
Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass Mütter heute besser ausgebildet sind als jemals zuvor. Trotzdem steigt in den USA die Zahl der Mütter, die zu Hause bleiben – kein Wunder bei den astronomischen Kinderbetreuungskosten. Wenn nun diese engagierten, kreativen Frauen daheim mit ihren Babys sitzen, richten sie alle ihre Energie darauf und schiessen übers Ziel hinaus. Kinder sind keine Projekte. Bei Elternschaft geht es nicht um Leistung, sondern um Beziehung.

Was würden Sie Eltern heute raten?
Kinder haben das Recht auf ein bisschen Risiko. Und Eltern haben das Recht, es ihnen zu geben, ohne dafür beschämt, kritisiert oder gar angezeigt zu werden. Sie können meistens am besten beurteilen, wie viel Kontrolle und wie viel Freiheit ihre Kinder brauchen. Generelle Ratschläge, in welchem Alter man Kinder wie lange alleine lassen kann, will ich nicht geben, dazu ist jede Familie und jede Situation zu unterschiedlich.

Haben Sie auch einen Tipp für Eltern, die das nicht so gut können – vielleicht, weil sie selbst glauben, dass ihren Kindern etwas passiert, sobald sie kurz wegschauen?
Angst ist ein Gefühl. Angst ist keine Tatsache. Die Welt ist gross und unübersichtlich und manchmal auch gefährlich, und das Schlimmste ist, dass wir kaum etwas kontrollieren können. Sich um die Kinder Sorgen zu machen, ist daher das Natürlichste der Welt. Doch Eltern dürfen vor der Angst nicht kapitulieren, sie müssen sie aushalten. Sich in der Erziehung nur von Sorgen leiten zu lassen, macht einen zu schlechten Eltern – und es hilft übrigens kein bisschen dabei, die Kontrolle zu erlangen. Die hat man einfach nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.08.2018, 11:28 Uhr

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