Warum ist Zufall ­so schlimm?

Die Anwort auf eine Leserfrage zum Thema Umgang mit Unsicherheit.

Nicht Zufall, statische Berechnungen garantieren Sicherheit: Taminabrücke zwischen Valens und Pfäfers SG.

Nicht Zufall, statische Berechnungen garantieren Sicherheit: Taminabrücke zwischen Valens und Pfäfers SG. Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie haben einmal geschrieben: «Unsere Welt wäre nicht mehr unsere Welt, wenn wir alles, was geschieht, als Zufall auffassen würden.» Mögen «wir» denn den Zufall nicht? (Ausser im Falle eines grossen Lottogewinns?) F. F.

Lieber Herr F.

Wir könnten in einer Welt, die nur vom Zufall regiert würde, deshalb nicht leben, weil nichts mehr kontrollierbar und planbar wäre. Ob eine Brücke den Belastungen standhält, für die sie gebaut ist, hinge dann nicht von der Korrektheit der statischen Berechnungen ab, sondern eben – vom Zufall.

Es wäre eine Welt ohne jeglichen Zusammenhang, ein Durcheinander singulärer Ereignisse – der Gegenentwurf zu einer streng mechanisch deterministischen Welt, wie sie etwa Laplace entwirft. De La Mettrie überträgt das Maschinenmodell dann auch auf den Menschen selber. In diesem Weltbild ist ein Zufall ein noch nicht erkannter kausaler Zusammenhang. Dieses Weltbild hat einen grossen theoretischen Sexappeal und ist überaus fruchtbar bei der Formulierung von Naturgesetzen, die sich durch Ausnahmslosigkeit auszeichnen.

Aber es entspricht wenig der gefühlten, der «praktischen» Wirklichkeit. Im Alltag gehen wir davon aus, dass die Folgen unserer Handlungen einigermassen vorhersehbare Effekte haben, wissen aber auch, dass die Vorhersagbarkeit ihre Grenzen hat. Unser Alltag ist weder strikt mechanistisch-kausal strukturiert noch ist er eine Abfolge von Zufällen. Wenn eine für uns ungünstige Entwicklung wahrscheinlicher ist als ein glücklicher Ausgang, dann hoffen wir auf die glückliche Ausnahme von der Regel, z.B. den Lotto­gewinn. Und umgekehrt fürchten wir den unglücklichen Zufall, der eine für uns günstige Wahrscheinlichkeit vermasselt.

«Im Alltag gehen wir davon aus, dass die Folgen unserer Handlungen einigermassen vorhersehbare Effekte haben, wissen aber auch, dass die Vorhersagbarkeit ihre Grenzen hat.»

Aber wir wissen: Verlass auf den Zufall gibt es nicht. Für die Konsistenz unseres Alltagsweltbildes ist es wichtig, dass Zufälle relativ seltene Ereignisse sind. Wie selten sie sein sollten, das hängt vom Temperament des Individuums ab. Manche Menschen vertragen mehr Zufälle, andere weniger. Fatal wird es, wenn man gar keinen Zufall mehr verträgt. Wenn man von der paranoiden Vorstellung heim­gesucht wird, nichts könne ein Zufall sein. Ein Unfall, der mir passiert, ist dann z. B. eine Strafe Gottes, oder eine Krebserkrankung Ausdruck meiner Persönlichkeit.

Um des allum­fassenden quasikausalen Zusammenhangs willen beginnen wir Zeichen zu deuten, die keine sind, und Verbindungen zu sehen, die nicht existieren. Unser Leben gerinnt zu einem zwanghaften Wenn-dann, wenn wir ein entspanntes Verhältnis zum Zufall verlieren, also das, was ich – wenn ich mich recht erinnere – in der Kolumne, die Sie zitieren, eine wohldosierte epistemologische Wurstigkeit genannt habe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.06.2017, 08:54 Uhr

Artikel zum Thema

Der Glaube an die Verschwörung

Leser fragen Die Antwort auf eine Leserfrage zum universellen Misstrauen, welches mit einem Wust an Informationen unterfüttert wird. Mehr...

War Manchester besonders schlimm?

Leser fragen Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Gleichheit aller Menschenleben. Mehr...

Wenn Philosophen sich zoffen

Leser fragen Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Anstand unter Intellektuellen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fruchtige Platte: Ein Hund trägt ein Ananaskostüm an der jährlichen Halloween-Hundeparade in New York (21. Oktober 2017).
(Bild: Eduardo Munoz Alvarez (Getty Images)) Mehr...