Eltern wissen dank GPS-Tracker jederzeit, wo ihre Kinder sind

Den Nachwuchs orten, abhören und nach Hause ordern: Was Eltern beruhigt, kann den Kindern schaden.

Alle Eltern kennen den Horror, das Kind aus den Augen zu verlieren. Tracking-Firmen wollen diese Angst zu Geld machen.

Alle Eltern kennen den Horror, das Kind aus den Augen zu verlieren. Tracking-Firmen wollen diese Angst zu Geld machen. Bild: Sophie Stieger

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Die kleine Martha muss nicht mehr am Kundendienst abgeholt werden, wenn sie verloren geht. Sie erscheint als leuchtend blauer Punkt auf dem Handybildschirm. Kinderortung via GPS ist Realität, auch in der Schweiz. Zum Beispiel dank der Firma Tracker. Ihr Gerät heisst Fröschli, wird am Gürtel oder am Schulthek befestigt und verrät den Eltern so den Standort des Kindes. Das Werbevideo zeigt eine Mutter, sie kocht den Zmittag, rührt in der Sauce. Ihr Blick geht zur Uhr, die Tochter kommt und kommt nicht heim. Schlimme Gedanken – ist sie mit dem Velo gestürzt? Die Mutter zückt ihr Handy, prüft die App: Alles gut – das Kind ist auf dem Spielplatz. Die Mutter ist erleichtert. Bimmelt die Tochter an, auch via Fröschli: jetzt aber heim! Das Kind pressiert, Umarmung im Türrahmen, Happy End.

Tracker-CEO Guido Honegger ist ein bulliger Mann im offenen Hemd, er bietet den Brother-Handshake an. Im IT-Geschäft war er früh dabei, baute ab 1995 den Provider Agri.ch auf. Heute hat er eine Firmengruppe mit 80 Angestellten. Tracker ist Teil davon und operiert aus einem Industriebau in Adliswil ZH.

Seine Kinder, sagt Honegger, hätten beide auch ihr Fröschli gehabt, bis sie ins Handyalter gekommen seien. «Nicht, um sie zu überwachen. Aber um Bescheid zu wissen.» Velotouren im Dorf waren erlaubt, klar, doch verliess ein Kind seinen digital abgesteckten Rayon, sandte das Fröschli eine Alarmnachricht auf Vaters Handy. «Was macht die Tochter jetzt in Seebach? Da wird man schon kribbelig», sagt Honegger. Man kann ihn sich gut kribbelig vorstellen. «Da habe ich gleich meine Frau angerufen.» War dann aber nur ein vergessenes Geburtstagsfest. Happy End.

Überwacht wirst du sowieso

Sicherheit und Überwachung sind die Themen der Zeit. Das Vorhaben der Politik, Sozialhilfebezüger durch Detektive und per GPS-Sender zu kontrollieren, sorgt für Debatten. Im Alltag aber wird schon ständig geortet: der Fahrgast von der Taxi-App, der Suchende von Google, der Automobilist vom Navi und, ja, das Kind vermehrt von seinen Eltern. Rund 1000 Fröschli verkauft Tracker laut eigenen Angaben im Jahr. Die französische Firma Weenect gibt an, letztes Jahr 10'000 Kindertracker verkauft zu haben, 1500 davon in der Schweiz. «Die Schweiz ist einer unserer Hauptmärkte», sagt CEO Adrien Harmel. Ebenfalls im Einsatz sind Geräte aus Schweden (Trax), den USA (Monkey) und China (MiSafes).

Zielgruppe sind Kinder zwischen 4 und 12 Jahren. Ältere haben meist ein eigenes Handy und können durch dieses geortet werden, dafür gibt es viele schöne Apps. Jüngere Kinder aber haben kein Telefon und gehen darum immer wieder verloren – im Freibad, auf der Chilbi, in der Migros. Alle Eltern kennen das Grauen, das einen packt, wenn man realisiert, dass das Kind weg ist. Es ist der Horror. Man steht da und kann nur rufen, primitiv wie ein Höhlenmensch.

Die Kindsverlustangst ist tief im Menschen angelegt. Tracking-Firmen möchten uns diese Angst nehmen und an ihr verdienen. Das Kind muss nicht einmal erfahren, dass es geortet wird: Das Tamolino ist eine Kinderuhr, die dem Kind die Zeit, den Eltern aber den Standort anzeigt. Wird die Uhr vom Handgelenk entfernt, registriert dies ein Sensor, die Eltern werden benachrichtigt.

Auch historische Abfragen sind möglich. Wo war sie gestern Nacht?

Die Uhr wird verkauft von der Firma Marketup aus Winterthur. Gemäss Website (Anfragen dieser Zeitung blieben unbeantwortet) enthält das Gerät eine kleine GPS-Antenne, die eine Ortung auf drei bis fünf Meter genau zulasse. Die GPS-Daten werden über eine ins Gerät integrierte SIM-Karte ins Handynetz gespeist, auf einem Server gelagert und von einem oder mehreren Handys abgerufen. Die Uhr gibt es in sechs Farben, sie kostet rund 150 Franken. Zusätzlich fallen Mobilfunkgebühren für die Datenübertragung an. Das Fröschli kostet 99 Franken plus Aufschaltgebühr und etwa 10 Franken im Monat.

Ein Clip über GPS-Tracking-Geräte für Kinder wie die Armbanduhr «Wo ist Lilly». Video: Youtube/SIN - Studio im Netz

Bei fast allen Kindertrackern können die Eltern dem Kind sichere Zonen zuweisen, «Geofencing» heisst das, wie bei der elektronischen Fussfessel. Verlässt das Kind sein Gebiet, werden die Eltern avisiert. Tamolino wie Fröschli sind mit Mikrofon ausgestattet, können angerufen werden: «Wo willst du hin, Schatz?» Bei manchen Modellen kann das Kind über programmierte Nummern hinaustelefonieren, und oft ist da auch eine SOS-Taste, die eine Notnummer wählt. Auch die Abfrage von historischen Bewegungen schliesslich ist möglich: Wo war die Tochter gestern Nacht?

Beim Haustier funktioniert es

Die Akzeptanz für die GPS-Ortung stei­ge, sagt die Firma Tracker. Ihr Kerngeschäft sind Sender für Fahrzeugflotten. Kunden wie Coca-Cola und die Post würden damit prüfen, wo ihre Autos gerade stünden und was die Mitarbeiter damit machten. «Vor fünf Jahren waren viele Schweizer Firmen noch skeptisch, wollten ihre Leute nicht so überwachen», sagt Tracker-Mitarbeiter Emanuel Demssew. Heute sei die Technik Standard.

Möglich, dass das auch beim Kindertracking so gehen wird. In Japan ist die Technologie schon weiter verbreitet. Seit Jahren bieten die Tokioter Verkehrsbetriebe einen Dienst an, bei dem Eltern eine Nachricht erhalten, sobald ihr Kind eine U-Bahn-Schranke passiert hat.

In der Schweiz tauschen sich Expat-Eltern besonders offen übers Tracking aus. Weil sein sechsjähriges Kind den Schulweg allein schaffen müsse, teste er verschiedene GPS-Tracker, schreibt ein Nutzer auf Englishforum.ch. Der chinesische Hersteller MiSafes schneide schlecht ab, da die Serverdaten in China seien und kein Kundendienst bestehe. Die französische Weenact sei besser.

Grosse Nachfrage nach Haustier-Tracking

Weenact produziert die Tracker nicht nur für Kinder, sondern auch für Hunde und Katzen. Hier setzt sich die Technologie durch: Die Firma Maploc mit Sitz in Hergiswil NW rühmt sich, mit dem PetPointer vor drei Jahren das kleinste Tierortungsgerät der Welt entwickelt zu haben: 2,3 auf 5,8 Zentimeter, 27 Gramm schwer, auch für kleine Katzen geeignet. «Wissen Sie wirklich, wo Ihr Liebling gerade ist?», lautet der Werbeslogan. Der Anstoss zur Erfindung sei von der Schweizerischen Tiermeldezentrale gekommen, wo verlorene Tiere gelistet werden. «Der Bedarf war eindeutig», sagt Maploc-Chef Hanns Fricker.


Artikel: Jugendschutz, ohne zu schnüffeln Apple muss junge iPhone-Nutzer besser schützen, forderten Investoren. Der Konzern sagt, er habe schon viel getan. Und nützen Kinderschutzfunktionen überhaupt etwas? (Abo+)


10'000 PetPointer habe man allein in der Schweiz in den letzten zwei Jahren verkauft. Zettel im Quartier, die um Hinweise zu vermissten Tieren bitten, könnten bald überholt sein. Büsi und Bellos werden per Satellit geortet, wenn sie entlaufen – und manchmal auch einfach so. «Manche nutzen unser Produkt wohl auch aus Voyeurismus», sagt Fricker. «Sie wollen wissen: Wo ist mein Carlo gerade, und warum kommt er immer so vollgefressen heim?» Die Batterie hält ein paar Tage. Milch geben und Batterie wechseln, wenn die Katze vorbeischaut.

In Sachen Datenschutz sind Tracking-Geräte eine Herausforderung. Die Pet-Pointer-Daten lagerten sicher im Inland, sagt Hanns Fricker, niemand könne aufgrund der Gassi-Spaziergänge ein Bewegungsprofil des Hundehalters anlegen.

Dauerobservation könnte Konsequenzen haben

Bei Kindern ist die Datensicherheit noch wichtiger. Bei Tracker heisst es, die Fröschli-Geräte würden zwar in China hergestellt, die Server stünden aber in Zürich. Tracker gebe die Daten niemandem – auch der Polizei nur dann, wenn ein richterlicher Beschluss vorliege.

Per Gesetz haben auch Kinder ein Recht auf Privatsphäre. Auf Englishforum.ch fragen manche Eltern nur halb im Scherz, ob die Rechtsschutzversicherung zahle, sollten die Kinder sie später verklagen. Die Dauerobservation könnte Folgen haben. Momente der Unbeobachtetheit seien «ausserordentlich wichtig» für die kindliche Entwicklung, sagt etwa der Psychologe Urs Kiener von Pro Juventute. Nur wer ab und zu auf sich gestellt sei, erlange die Gewissheit, auch allein erfolgreich sein zu können. Elterliche Vollumsorgung per Tracker «verzögert oder behindert» diese Entwicklung, sagt Kiener: «Wenn Sie einem 15-Jährigen jeden Morgen die Schuhe binden, ist das nett, bringt ihn aber null voran.»


Der geführte Zugriff erlaubt es Kindern, nur mit einer App zu operieren. Auch ein Zeitlimit ist möglich.


Besser sei es, gemeinsam schwierige Situationen durchzudiskutieren: Was machst du, wenn du merkst, du bist im falschen Bus? Was sagst du, wenn dich jemand aus dem Auto anspricht? Das sei klüger, als den Nachwuchs in falscher Sicherheit zu wiegen, sagt Kiener.

Die Alten sind der wahre Markt

Dass einem immer jemand zusieht oder zuhört, damit leben Kinder heute. Die US-Puppe Cayla überträgt Töne aus dem Kinderzimmer an die Eltern, die finnische Kinderkleidung ReimaGO misst laut Fachhandel per Sensor «sämtliche Bewegungen des Kindes und motiviert es dazu, aktiver zu werden». Schneller, Schnecke, sagt der Wanderschuh.

Manche Firmen sprechen von Freiheitsgewinn: Mit Tracker am Arm könne man die Kleinen auch in Zeiten der «beunruhigenden Meldungen» allein spielen lassen, heisst es auf der Website der Tamolino-Uhr. Der Psychologe Urs Kiener denkt, dass einzelne Kinder da wirklich profitieren können: «Kinder, bei denen beide Eltern abwesend sind und die nur von Kühlschrank und Spielkonsole betreut werden.» Allerdings seien Familien mit solchen Problemen meist einkommensschwach. Es sei fraglich, ob sie von GPS-Gadgets erreicht würden.

«Aufgrund der Demografie rechnen wir damit, dass es bald erst richtig losgeht.»Guido Honegger, Tracker

Für Eltern birgt das Tracking neben Gewinn auch Stress: Sie müssen noch mehr aufs Handy schauen, dürfen nichts verpassen. Und wer nicht mitmacht, ist selber schuld: Das Kind verloren im Gedränge? Ja, hat es denn keinen Tracker?

Und der Druck nimmt zu. Neben den Kindern wird man als Erwachsener vielleicht auch bald die eigenen Eltern via Handy im Auge behalten müssen. Der wahre Markt für GPS-Tracker mit Geofencing und Alarm-SMS sind nicht die Kleinen, sondern die Betagten und besonders die Dementen. «Aufgrund der Demografie rechnen wir damit, dass es bald erst richtig losgeht», sagt Guido Honegger von Tracker. Seine Firma verkauft eine smarte Schuhsohle mit eingebautem Sender, die sich ein Demenzkranker nicht abreissen kann. Es gibt sie auch in Kindergrösse.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2018, 06:45 Uhr

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