Im Krater der Kolosse

Der Ngorongoro-Vulkankessel in Tansania ist ein Refugium für bedrohte Tierarten wie das Nashorn. Für die Rinder, Ziegen und Schafe der halbnomadischen Massai ist darin nur noch am Rand Platz.

Wie die Arche Noah Afrikas für bedrohte Arten: ein Nashorn im Ngorongoro-Krater in Tansania. Bild: Getty Images

Wie die Arche Noah Afrikas für bedrohte Arten: ein Nashorn im Ngorongoro-Krater in Tansania. Bild: Getty Images

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Es ist früh am Morgen, kurz vor Sonnenaufgang. Der Nebel hängt noch über dem Ngorongoro-Krater und hat ihn fest im Griff. Nur die Spitzen des berühmten Vulkanbergs ragen heraus. Steil und kurvig geht es mit dem Geländewagen durch den Dunst, vorbei an Akazien und Büschen, über Steine und Schlaglöcher, hinunter zum riesigen Kesselboden. Dort unten herrschen mystische Stimmung und ungewöhnliche Ruhe. Nur zwei Böcke der Thomson-Gazellen sind schon voller Tatendrang und kämpfen miteinander.

«Dort hinten liegt eine Löwin», sagt Mudy Nuru, Guide des südafrikanischen Reiseveranstalters andBeyond, und fährt in die Nähe. «Und da sogar noch eine zweite», fügt er hinzu. Die Raubtiere versteckten sich im Gras und lägen auf der Lauer, um sich in einem günstigen Moment ein gerade unaufmerksames Gnu aus der grossen Herde zu schnappen. Die Antilopen scheinen keine Gefahr zu wittern. Sie schnauben, grunzen und blöken wie gewohnt und schauen sich lediglich in ihren Fresspausen um. Gelegentlich rast einer der Bullen auf einen anderen los, um einen Rivalen aus dem Revier zu vertreiben.

Nach einer Dreiviertelstunde haben die Gnus von dem geplanten Angriff der Löwinnen Wind bekommen und ziehen als Gruppe von dannen. Die zwei Raubkatzen, die sich nicht gern auf kräftezehrende, lange Verfolgungsjagden einlassen, gehen dieses Mal leer aus. «Pech gehabt», sagt Nuru. Hier gäbe es jedoch noch genug anderes zum Fressen. Der Krater sei ein Paradies für Tiere, insbesondere für die Big Five, also Löwe, Büffel, Leopard, Elefant und Nashorn. Da die Landschaft in dem riesigen Kessel so abwechslungsreich und vielseitig sei, gäbe es unter anderem auch Tüpfelhyänen, Zebras, Warzenschweine, Flusspferde, Grüne Meerkatzen, Strausse oder Flamingos vornehmlich im Magadisee. Insgesamt halten sich 25'000 Säugetiere im Krater auf.

Rund 50 Nashörner leben inzwischen im Krater

Die Fahrt geht weiter über den topfebenen Boden des Kraters, der etwa so gross ist wie der Kanton Genf und 1979 zum Weltnaturerbe ernannt wurde. Nach einem Lavaausbruch vor 2 Millionen Jahren fiel der 5000 Meter über dem Meeresspiegel gelegene Gipfel des Ngorongoro zusammen, sodass sein höchster Punkt heute nur noch auf 2300 Metern liegt. Der nährstoffreiche Boden zieht unzählige Wildtiere an und gilt als Arche Noah Afrikas für bedrohte Arten. Bis vor eineinhalb Jahren trieben aber auch die Massai das Vieh hierhin, sodass Tausende von Rindern, Ziegen und Schafen mitten in dieser einzigartigen Tierwelt grasten. Aus Naturschutzgründen dürfen die Hirten ihre Herden jetzt aber nur noch am Rand und in den Gebieten ausserhalb des Kraters weiden lassen.

Mit dem Feldstecher entdeckt Nuru einen dunklen Fleck. «Ein Black Rhino», sagt der erfahrene Führer und stellt den Motor ab. Die Art sei gefährdet, aber hier gehe es ihr gut. Die Ranger seien bestens ausgebildet und würden die Spitzmaulnashörner rund um die Uhr überwachen. Inzwischen gebe es etwa 50 im Krater. Ein anderer Guide, aus der entgegengesetzten Richtung kommend, hält ebenfalls an und beobachtet den Koloss, der sich mit seinen rund tausend Kilogramm gemächlich zu uns hinbewegt. Näher und näher. Auf einmal beträgt der Abstand nur noch zwanzig Meter.

Das Nashorn markiert sein Gebiet mit Urin und trottet weiter auf uns zu. Obwohl es schlecht sehen kann und unser Fahrzeug vielleicht für irgendeinen Busch hält, hat es uns dank seines feinen Geruchs- und Hörsinns längst ausfindig gemacht. Der Riese nimmt erneut eine Drohhaltung ein. «Nicht mehr bewegen und nur noch ganz leise sprechen», warnt Nuru. Man dürfe das Nashorn auf keinen Fall provozieren. Doch nach einer Viertelstunde wirft der andere Guide den Motor des Geländewagens an, rast am Nashorn vorbei und dann auf uns zu. Zurück bleiben eine Staubwolke und eine extrem brenzlige Situation.

Der Dickhäuter läuft der Geräuschquelle nach und steht unmittelbar vor uns. Er wirkt irritiert und unentschlossen, droht nochmals, den Kopf nach unten, trottet näher heran und stoppt wieder. «Ruhig bleiben», flüstert Nuru. Dann stapft der graue Kraftprotz 1,5 Meter neben unserem Fahrzeug vorbei. «Puh», kommentiert Nuru und wirkt erleichtert. Als das Nashorn frontal auf uns zugekommen sei, wäre er parat gewesen, im Notfall im 45-Grad-Winkel vom Weg direkt in den Busch zu fahren. Der andere Fahrer habe einen Fehler gemacht. Doch es sei ja alles gut gegangen. «Hakuna Matata», beschwichtigt er auf Swahili und lacht.

Die Massai bezahlen für eine Braut nach wie vor mit Rindern

Bei der Fahrt aus dem weltweit grössten intakten Krater beobachten wir auch mehrere Tüpfelhyänen eines Clans, die entspannt im Gras der Savanne dösen, den langbeinigen Greifvogel Sekretär, der mit den abstehenden, schwarzen Nackenfedern elegant durch die Weite stakst, sowie unzählige Elefanten, Antilopen und Zebras beim Fressen. Doch wo sind die Giraffen? «Für sie schmecken die Blätter hier zu bitter», erklärt Nuru. Sie hielten sich deshalb lieber ausserhalb des Kraters auf, wo auch die halbnomadischen Massai mit den Herden leben.

Auf dem Weg zu einem Massai-Dorf stecken tatsächlich mehrere Giraffen, als wären sie als eine weitere touristische Attraktion geradezu bestellt, ihren langen Hals zwischen die grünen Akazienäste. Hin und wieder fahren wir an Massai-Hirten vorbei, deren knallrote und blaue Umhänge wie bunte Tupfer in der Landschaft leuchten. «Das Dorf gibt einen guten Eindruck, wie einige der Massai heute immer noch leben», erklärt Nuru. Es sei dort nicht ganz so touristisch wie in anderen Dörfern, wo es vor allem um den Verkauf von Souvenirs gehe.

Traditionell lebende Massai-Hirten müssen die Weiden seltenen Spezies wie Spitzmaulnashörnern überlassen. Bild: Barbara Reye

Die Massai, die ursprünglich aus dem Niltal stammen, leben in einer Gruppe von etwas mehr als 100 Personen in Rundhütten. «Jede Frau baut eine eigene Hütte aus Holz, Gras und Kuhdung», erklärt ein junger Massai im Halbdunkel der engen Unterkunft, wo man direkt neben der Feuerstelle schläft. Ein Mann habe mehrere Frauen und oftmals über zwanzig Kinder. Eine Braut werde nach wie vor mit Rindern bezahlt. Je mehr, desto besser.

Früher erlegten Krieger Löwen, um ihren Mut zu zeigen

Obwohl heutzutage viele Massai nicht mehr so wie ihre Eltern und Grosseltern leben und unter anderem auch zur Schule gehen, sind sie weiterhin eng mit der Kultur verbunden und stolz darauf. «Über Generationen ernährten sie sich nur von Fleisch, Milch und Rinderblut», sagt Nuru, der selbst vom Volk der Sandawe stammt. Doch inzwischen essen viele Massai auch Mais, Reis, Kartoffeln und Kohl. Es habe sich in letzter Zeit einiges verändert. Auch das Töten eines wilden Löwen mit einem Speer sei nicht mehr erforderlich, um ein echter Krieger zu werden.

Die Sonne neigt sich nach dem ereignisreichen Tag dem Horizont zu. Ihre Strahlen tauchen die Hütten in ein goldgelbes Licht und den Himmel in ein wunderschönes, tiefes Blau. Auf der Rückfahrt geht es erneut vorbei an vielen Rindern, Ziegen und Schafen, aber auch einigen Giraffen. «Wir haben Besuch», sagt Nuru bei der Ankunft in der Lodge und zeigt neben den Eingang auf etwas Graues. Ein Elefantenbulle mitten in einem hohen Meer aus Pflanzen. Offenbar fühlt er sich dort in der Abenddämmerung wohl und ungestört.

Die Reise wurde unterstützt von andBeyond und Karibu Safaris.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.11.2018, 17:16 Uhr

Safari in Tansania



Flug: mit KLM ab Zürich via Amsterdam bis Flughafen Kilimandscharo. www.klm.com

Reiseveranstalter: andBeyond bietet Safaris mit professionell ausgebildeten Guides und Übernachtung in Luxus-Suiten, etwa in der Ngorongoro Crater Lodge.
www.andbeyond.com
www.karibu-safaris.de

Arrangements: 8 Tage Fly-me-around-Safari in Tansania, auf den Spuren des bekannten Naturschützers Bernhard Grzimek mit exklusiven Unterkünften, zum Beispiel direkt am Ngorongoro-Krater, und Flügen zwischen den Camps, buchbar über Karibu Safaris ab 6545 Franken pro Person im Doppelzimmer.

Inklusivpaket: Transfers ab/bis Flughafen Kilimandscharo, Pirschfahrten und Wildbeobachtungen, Parkgebühren, 7 Übernachtungen ab 8325 Franken pro Person im Doppelzimmer mit Verpflegung buchbar über andBeyond.

Allgemeine Infos:
www.tanzaniatourism.go.tz

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