Jetzt übernimmt der Oberst

Die Pferde des mutmasslichen Tierquälers vom thurgauischen Hefenhofen werden von der Armee aufgepäppelt. Das braucht viel Einfühlungsvermögen.

Oberst Jürg Liechti: «Bei den Jungen muss man vorsichtig sein». Video: SDA

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Für die misshandelten Tiere aus dem Thurgau beginnt im bernischen Schönbühl-Sand, zwischen Schiessplatz und Autobahn, gerade ein neues Leben. In den blank geputzten Armeestallungen des Kompetenzzentrums Veterinärdienst und Armeetiere zeigt Oberst Jürg Liechti die derzeit bekanntesten Pferde der Schweiz. Manche sehen «nur» ein bisschen ungepflegt aus, haben eine verstrubbelte Mähne und sind dreckig. Andere sehen aus, als ob sie kurz vor dem Hungertod stünden. Ecken und Kanten statt Rundungen, Knochen statt Muskeln – kein schöner Anblick.

Am Montag hatte die Kantonspolizei Thurgau den mutmasslichen Tierquäler aus Hefenhofen verhaftet. Bereits am Dienstag wurden die 93 Tiere in einer dreistündigen Fahrt nach Schönbühl-Sand transportiert. Er wolle sich nicht selber loben, aber in der Schweiz sei wohl kaum ein anderer Ort in der Lage, innerhalb eines Tages so viele Pferde aufzunehmen, sagt Oberst Liechti.

Es braucht Geduld

Besonders «tragisch», so der einfühlsame Kommandant, sei die Vernachlässigung der Stuten und ihren Fohlen, das «schmerzt mich am meisten». Denn gerade sie bräuchten besonders viel Aufmerksamkeit. Nun werden sie hier in gesonderten Boxen von seinen Soldaten aufgepäppelt. Das brauche viel Zeit und Personal, sagt Liechti. Letzteres hat es genug: 47 Train-, 20 Veterinärdienst- und vier Hufschmiedrekruten absolvieren die Rekrutenschule und stehen unter seinem Kommando. Sie lernen hauptsächlich den Umgang und das Säumen der rund 50 Armeepferde. Im Ernstfall sollen diese den Materialtransport für die Armee in den Alpen sicherstellen. Bekommen die Armeepferde jetzt etwas weniger Aufmerksamkeit? «Auf keinen Fall», sagt Liechti. Für den gelernten Tierarzt sind die Prioritäten klar: Zurückstecken müsse jetzt halt das «Soldatenhandwerk, wie Schiessübungen und Waffendrill». Für Liechti und wohl auch die Rekruten ist das kein Weltuntergang.

Vor einem der vier Ställe sind Rekruten gerade dabei, die Tiere zu bürsten. Einer abgemagerten und verdreckten Stute gefällt das gar nicht, sie ist angespannt und unruhig. Niemand wisse, wann dieses Pferd zum letzten Mal eine Bürste gesehen habe, sagt Liechti. Die Rekruten können sie schliesslich durch gutes Zureden besänftigen. Es brauche seine Zeit, bis sich die Pferde ans Bürsten gewöhnt haben. Man müsse Geduld haben, so Liechti, sonst werde es auch für die Rekruten gefährlich. Bis diese Pferde wieder wie normale Pferde aussehen, könne es noch Jahre dauern. Besonders schlimm sei es für diejenigen Tiere, welche sich noch im Wachstum befänden.

Hufschmiede vor viel Arbeit

Viel Einfühlungsvermögen brauchen die Hufschmiedrekruten. Die Hufe der Tiere aus dem Thurgau sehen teilweise grässlich aus. Als die 93 Pferde nach Schönbühl-Sand gebracht wurden, trug kein einziges Tier Hufeisen. Nun werden sie von den Hufschmieden beschlagen. Neben der Autobahn hört man auf dem Hof immer auch wieder das Knallen der Sturmgewehre. Ist das für die Pferde nicht ein Problem? Nein, sagt Liechti. Die Pferde erschräken jeweils nur ganz kurz. Viele hätten sich bereits daran gewöhnt. Schlimmer sei es für die Hunde. Denn neben Pferden hält sich die Armee auch eine Hundeführerkompanie.

Vor dem Rundgang mit dem «Bund» war Liechti am Telefon und gab der Presse ein Interview. Das grosse Interesse von Medien und Öffentlichkeit findet Liechti nicht übertrieben, im Gegenteil, er sei vielmehr froh um die Aufmerksamkeit. Im Übrigen, so Liechti, gebe es jeden Tag Fälle wie im Thurgau, einfach nicht in diesem krassen Ausmass. Meistens würden die Misshandlungen erst bemerkt, wenn es viel zu spät sei. Jetzt gehe es darum, für die Pferde ein neues Zuhause zu finden. Bis diese «Feinverteilung» abgeschlossen sei, könne es aber noch einige Wochen dauern.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.08.2017, 18:50 Uhr

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