Professore Cassis versucht es mit Bauklötzen

Aussenminister Ignazio Cassis erklärt an seiner 100-Tage-Bilanz in Lugano die schweizerisch-europäische Beziehung.

Die Zuschauer staunten Bauklötze: Ignazio Cassis an seiner Pressekonferenz. (Video: Tamedia mit Material der SDA)

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FDP-Bundesrat Ignazio Cassis ist seiner Zeit voraus. Nach 92 Tagen im Amt gab er bereits jene Pressekonferenz, die Bundesräte normalerweise nach den ersten 100 Tagen halten. Dazu lud er die versammelte Bundeshaus-Journalisten-Schar nach Lugano ein, an die Università della Svizzera Italiana. Wettermässig lohnte sich die Reise kaum, war der Himmel eher noch grauer und nebelverhangener als nördlich der Alpen, dafür sprachen die Leute Italienisch.

Italienisch sprach dann auch Aussenminister Ignazio Cassis. Ein paar Sätze wenigstens, bevor er ins Französische, später ins Deutsche wechselte. «Seien Sie beruhigt, meine Damen und Herren von den Medien», meinte er nach seiner kurzen Ansprache, «das ist alles, was ich auf Italienisch zu sagen habe.» So, wie das Tessiner Politiker eben machen, wenn sie von der Restschweiz verstanden werden wollen.

Würfel, aber kein roter Faden

Was folgte, war eine Rede zur Aufstellung des Aussendepartements (Mitar­beiter: 5600, Budget: 3 Milliarden), zur wirtschaftlichen Beziehung mit der EU (320'000 Grenzgänger pro Tag) und zur Lage der Schweiz in der Welt (1. Rang in der globalen Wettbewerbsfähigkeit! 1. Rang im Global-Innovation-Index!). Wobei nicht immer ganz klar war, an wen sich Ignazio Cassis eigentlich richtete: an die ausländischen Studenten im Saal? An die einheimischen? An die etwas ratlosen Journalisten? Wirklich Neues erfuhren die Zuhörer jedenfalls nicht, dafür wirkte der Bundesrat deutlich entspannter als noch am Abend zuvor, als er nach einer mehrstündigen Debatte im Bundesrat vor die Medien getreten war.

An jenem Abend hatte er sich betont kurz angebunden gegeben, seine Mili­tärerfahrung erwähnt, von «einem Kommandanten, einem Terrain, einer Truppe» gesprochen und an die Journalisten appelliert, im Landesinteresse nicht jedes Detail aus den Verhandlungen mit der Europäischen Union preiszugeben. Doch nicht der General war es, der am Donnerstag vor das Publikum stand. Sondern der Professor.

Ignazio Cassis hatte sich eben der unendlichen Geschichte der schweizerisch-europäischen Beziehungen zugewandt – wobei ein roter Faden genauso wenig erkennbar war, wie sich eine Lösung mit der EU abzeichnet –, als er plötzlich einen überdimensionierten ­roten Würfel hinter dem Rednerpult hervorzauberte. Und dann noch einen und nochmals einen, bis es fünf waren an der Zahl. Fünf Würfel für die fünf Verträge, die Teil des Rahmenabkommens mit der EU sein sollen. «Jetzt sprechen wir seit Jahren über das Rahmenabkommen und wissen dabei gar nicht genau, was das überhaupt ist», erläuterte Professore Cassis.

Ein Mittel zum Zweck

Im Versuch, das abstrakte Thema zu veranschaulichen, nahm das Rahmenabkommen die Form eines blauen Balls an, den Cassis auf die fünf Würfel legte. Dieses Rahmenabkommen, betonte Cassis, sei lediglich Mittel zum Zweck, zum Zweck des Marktzugangs. Am Ende stelle sich die Frage: «Wollen wir das, oder wollen wir das nicht?»

Nach dem blauen Ball zog Cassis weitere Verträge hinter dem Pult hervor. Einen schwarzen Stern (für mögliche Abkommen im Medienbereich), einen gelben Klotz (die Kohäsionsmilliarde), einen orangen Zylinder (für ein künftiges Abkommen über Roamingtarife). Das alles türmte sich auf den fünf Würfeln, eine wacklige Sache. «Voilà, die Situation, in der wir uns befinden», sagte Aussenminister Cassis.

Und so ging es noch eine Weile weiter. Der Aussenminister redete und warf mit Zahlen um sich und sagte doch nichts Neues. Bis er plötzlich am Ende seines Vortrags angelangt war und die ganzen Klötzli schwungvoll vom Pult wischte. «Veränderung ist am Anfang schwer, chaotisch in der Mitte, aber am Ende einfach grossartig», war auf der Powerpoint-Folie hinter ihm zu lesen. Der Bundesrat befindet sich wohl noch in der Mitte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.02.2018, 22:19 Uhr

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