Der Tod lauert hinter der versperrten Autobahn-Gasse

Wenns knallt, muss die Rettung durch den Stau. Für viele Schweizer Polizeien offenbar ein Albtraum. Nun handeln sie.

Auch in der Schweiz ein Ärgernis: Autofahrer bilden nur zögerlich eine Gasse für Rettungskräfte.

Auch in der Schweiz ein Ärgernis: Autofahrer bilden nur zögerlich eine Gasse für Rettungskräfte. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es geschah zwischen den Kantonen Nidwalden und Uri: Im vielbefahrenen Seelisbergtunnel ereignet sich ein Unfall, die Rettungskräfte müssen ausrücken. Auch Oliver Schürch, Chef der Urner Bereitschafts- und Verkehrspolizei, steht im Einsatz – und regt sich auf: «Die Rettungsgasse hat schlecht funktioniert. Wir mussten uns den Weg Richtung Tunnel sprichwörtlich freipflügen», erzählt er. Es habe deshalb lange gedauert, bis sie den Unfallort erreicht hätten.

Schürchs Kritik erinnert an den Vorwurf von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, der das Verhalten der Autofahrer nach dem schweren Busunglück mit 18 Toten vor drei Tagen als «völlig unverantwortlich» bezeichnete. Diese hätten keine Gasse gebildet und es damit den Rettern erschwert, zur Unglücksstelle zu kommen.

In der Schweiz tönt es vonseiten verschiedener Kantonspolizeien ähnlich. Laut Schürch ist der Seelisbergtunnel kein Einzelfall. Dass der Korridor bei Stau auf der Autobahn nicht automatisch gemacht werde, bereite den Rettungskräften schon lange Mühe. «Die Autofahrer bilden die Gasse meistens erst zögerlich, wenn Blaulicht kommt. Für Einsatzfahrzeuge der Polizei und Sanität sowie für Löschfahrzeuge der Feuerwehr ist das ein grosses Problem.»

Umfrage

Sollte die Polizei Autofahrer büssen, welche die Rettungsgasse versperren?




Dabei sind die Regeln eigentlich klar. Gemäss dem Bundesamt für Strassen (Astra) muss eine Gasse in der Mitte der zwei Fahrstreifen freigelassen werden, bei drei- oder mehrspurigen Fahrbahnen zwischen der linken äusseren Überholspur und dem zweiten Fahrstreifen von links. Wenn nötig, könnten die Autofahrer auf der rechten Spur auch auf den Pannenstreifen ausweichen, sagt Schürch. «Das grösste Problem haben wir aber, wenn links keine richtige Gasse gebildet und rechts der teilweise Pannenstreifen besetzt wird, sodass wir an beiden Orten nicht durchkommen.»

So wird's richtig gemacht: Ausschnitt aus einem Erklärvideo. (Video: Youtube)

Weil die Regeln oft nicht eingehalten werden, haben die Kantonspolizeien zusammen mit dem Astra eine schweizweite Kampagne lanciert: Auf elektronischen Wechseltextanzeigen auf der Autobahn werden nicht nur die Zeit und Hinweise wegen Baustellen angezeigt, sondern auch die Aufforderung «Bei Stau Rettungsgasse bilden». Koordiniert wird die Kampagne von der Verkehrsmeldezentrale des Astra, da seit 2008 der Bund und nicht mehr die Kantone für das Verkehrsmanagement auf dem Nationalstrassennetz verantwortlich ist.

In Uri und den Zentralschweizer Nachbarn Luzern, Nidwalden, Obwalden, Schwyz und Zug läuft die Kampagne bereits, andere Kantone ziehen nach. Gerade jetzt im Sommer, wenn es mehr Stau gebe, sei es wichtig, die Automobilisten wieder stärker darauf hinzuweisen, sagt Schürch. «Die Präventionskampagne zeigt, dass wir mit der Situation nicht zufrieden sind.»

Präventionskampagne: Verkehrsteilnehmer werden auf der Autobahn aufgefordert, bei Stau eine Rettungsgasse zu bilden. (Bild: Kantonspolizei Uri)

Auch Franz-Xaver Zemp, Verkehrschef der Luzerner Polizei, bezeichnet das Verhalten auf der Autobahn bei Staus als «sehr grosses Problem». Die Zufahrtswege würden oft versperrt, wodurch wertvolle Zeit verloren gehe. Ein Ärgernis sei auch, dass viele Autofahrer wieder normal einspuren würden, nachdem das erste Polizeiauto vorbeigefahren sei. «Dadurch hindern sie weitere Rettungsfahrzeuge am Durchkommen. Und nicht zuletzt stehen sich die Verkehrsteilnehmer dadurch selbst im Weg, denn wenn sich der Ablauf verzögert, dauert es länger, bis sich der Stau auflöst», sagt Zemp.

«Viele Leute wissen nicht mehr, wie sie sich in einer solchen Situation verhalten müssen.»Pius Bernasconi, Verkehrspolizei Nidwalden

Pius Bernasconi von der Nidwaldner Verkehrs- und Sicherheitspolizei stört es, dass Rettungsgassen bei Staus nicht konsequent von Anfang an gemacht werden. «Wir stellen vermehrt fest, dass die Leute nicht mehr wissen, wie sie sich in einer solchen Situation verhalten müssen. Sie bleiben auf der Normal- und der Überholspur, anstatt eine Gasse zu bilden.» Bernasconi nimmt aber auch die Rettungskräfte in die Pflicht. Diese würden manchmal den Pannenstreifen nutzen, weil dort mehr Platz sei. Dadurch steige die Verunsicherung bei vielen Autofahrern aber nur noch mehr. Manche hätten fast Panik, wenn sie eine Sirene hören und Blaulicht kommen sehen würden.

Dies liegt laut Roland Pfister von der Kantonspolizei Aargau auch daran, dass ein Teil der Leute im Stau unaufmerksam wird und sich mit dem Handy beschäftigt anstatt mit dem Verkehr. Deshalb würden die Autofahrer neben den klassischen Radiodurchsagen künftig auch über Wechseltextanzeigen auf Unfälle hingewiesen und auf das Bilden einer Gasse aufmerksam gemacht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.07.2017, 15:44 Uhr

Artikel zum Thema

Wo am meisten Autounfälle passieren

Infografik Pfingsten steht vor der Tür – und damit auch das Chaos auf den Strassen. In welchen Kantonen das Risiko eines Crashs am grössten ist. Mehr...

Nur drei Länder in Europa haben sicherere Strassen als die Schweiz

Datenblog Auf den Strassen der EU-Länder sind im letzten Jahr 26'200 Menschen tödlich verunfallt – acht Prozent weniger als im Vorjahr. Am sichersten sind die Verkehrsteilnehmer in Schweden. Und in der Schweiz? Zum Blog

Das ist die Unfall-Hochburg der Schweiz

Eine deutsche Studie vergleicht die Zahl der Verkehrsunfälle in Deutschland, Österreich und der Schweiz – und zeigt, in welchen Städten es am häufigsten kracht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Heftiges Wortgefecht: Ein palästinensischer Mann und ein israelischer Soldat geraten aneinander wegen der israelischen Order, eine Schule bei Nablus zu schliessen. (15. Oktober 2018)
(Bild: Mohamad Torokman) Mehr...