Doris Leuthard und das wachsende Grönlandeis

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, biegt die «Basler Zeitung» Fakten zurecht.

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Das Grönlandeis schmilzt nicht, sondern wächst. Das las man jüngst in der «Basler Zeitung». Man ist erstaunt. Hiess es nicht immer, das Gegenteil sei der Fall? Schmelzen uns nicht die Gletscher weg? Machen die Grönländer etwas anders?

Die Behauptung fand in einem Artikel von Bundeshausredaktor Dominik Feusi statt. Dort befasst er sich mit einem «Tagesschau»-Beitrag über Doris Leuthards Grönlandreise. Die Umweltministerin besuchte Polarforscher Konrad Steffen in Westgrönland, um die Folgen des Klimawandels selber zu beobachten. Feusi stört es, dass Steffen, «ohne es belegen zu müssen», in die Kamera sagen darf, Grönland schmelze. Steffen führt aus, dass Grönland jährlich die sechsfache Eismasse der Alpen verliere.

Wer ist unseriös?

Denn der Bundeshausredaktor weiss es besser. «Eigentlich ist alles viel komplizierter», schreibt er und führt aus, dass ausgerechnet im letzten Jahr das Eis auf Grönland fast überall gewachsen sei. Er nennt Steffen einen «unseriösen Wissenschaftler», der diese Information dem Publikum vorenthalte. Und SRF einen unseriösen Sender, weil er nicht kritisch nachfragte. Tatsächlich kann Feusi eine Grafik vorweisen, die eine positive Massenbilanz für das Grönlandeis ausweist. Er druckt die bunte Karte unübersetzt ab, dafür mit Quellenangabe.

In den Onlinekommentaren schreibt darauf ein Thomas Meier: «Sehr geehrter Herr Föisi; vielen Dank für Ihren ausgezeichneten Bericht. Es ist seer verdienstvoll, dass Sie diese Lügengeschichten entlich entlarfen !!!» Das ist mit 250 Empfehlungen der zweitbeliebteste Kommentar. In den sozialen Medien wird der Artikel häufig geteilt, was man als Gradmesser für seine Akzeptanz verstehen kann. Ebenso das Leserfeedback: 84 Prozent finden den Text wertvoll.

Das Problem ist nur: Feusi hat die Grafik falsch verstanden. Oder nach seinem Gusto gelesen. Sie stammt vom belgischen Klimaforscher Xavier Fettweis, der den grönländischen Eisschild laufend überwacht. Seine Grafik zeigt, wie sich Grönland von September 2016 bis Juni 2017 verändert hat.

Nach dem Winter liegt immer mehr Schnee als davor

Sie sagt zwei Dinge aus. Erstens: Die Schneemenge ist im Juni 2017 grösser als im September 2016. Das ist nicht verwunderlich, nach dem Winter liegt immer mehr Schnee als davor. So könnte man auch jedem Schweizer Gletscher Wachstum attestieren.

Zweite Aussage: Ende Juni 2017 lag gebietsweise mehr Schnee als Ende Juni 2016. Das mag auf den ersten Blick wie erfreuliches Wachstum aussehen. Über die effektive Massenbilanz sagt aber auch das nichts aus, denn diese Rechnung kann erst gemacht werden, wenn der Sommer und damit die Schmelze vorbei ist. Nun war 2016 in Grönland ein schneereicher Winter, weshalb Ende Juni 2017 etwas mehr Schnee lag als Ende Juni 2016 – das kann man aber nicht in Wachstum übersetzen. Es kann höchstens eine positive Zwischenbilanz sein. Wahrscheinlich ist es nicht einmal das, denn nur im Osten lag mehr Schnee. Im Westen und Norden lag weniger als 2016.

Wie sagt jeder Fussballtrainer? Das Spiel dauert 90 Minuten. Keiner würde beim Stand von 1:0 zur Halbzeit seinen Sieg verkünden. So schreibt der Wissenschaftler Fettweis, dass der überdurchschnittliche Schneefall im Herbst 2016 den Beginn der Schmelzsaison verlangsamen dürfte; es bleibe abzuwarten, wie sich das ganze Jahresklima auf den Massenverlust auswirkt. Und selbst wenn die Jahresbilanz am Ende null oder gar positiv wäre – am allgemeinen Trend ändert das nichts.

Wetterextreme häufen sich

Klimawandel bedeutet auch eine Akzentuierung der Extreme, also punktuelle und kurzfristige Erscheinungen, sowohl warme als auch kalte. Was zählt, sind Langzeitbetrachtungen. Und die zeigen: Am Ende halten sich die warmen und kalten Phänomene nicht die Waage. Schneereiche Winter gab es auch in den Alpen immer wieder. Die Gletscher schwinden trotzdem sichtbar. Kommt dazu, dass Eisschwund nur eines der Symptome von Klimawandel ist.

Dass der Bundeshausredaktor seine glazio­logischen Gehversuche nicht als solche erkennt, sondern der Öffentlichkeit als Wahrheit verkauft, während er den Polarforscher Steffen verunglimpft, ist peinlich. Oder ist es mehr? Er biegt Statistiken zurecht und blendet mit einer Grafik, die kein Laie enträtseln kann und die alles und nichts aussagen kann. Da ist mehr Ideologie im Spiel als Wissenschaft.

Korrekt, 12.8.2017, 19.10 Uhr: Im zweiten Abschnitt musste das Zitat angepasst werden. Der Abschnitt lautet nun korrekt: "Feusi stört es, dass Steffen, «ohne es belegen zu müssen», in die Kamera sagen darf, Grönland schmelze. Steffen führt aus, dass Grönland jährlich die sechsfache Eismasse der Alpen verliere." Zuvor hiess es fälschlicherweise: "Feusi stört es, dass Steffen, «ohne es zu beweisen», in die Kamera sagen darf, Grönland verliere jährlich die sechsfache Eismasse der Alpen." (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2017, 21:53 Uhr

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