Wer sich gegen Hassmails wehrt, erhält noch mehr davon

Politikerinnen sind häufig die Zielscheibe von persönlicher Kritik. Nicht alle sprechen gerne darüber.

«Lieber stütze ich mich auf positive Reaktionen»: SVP-Politikerin Natalie Rickli erhält regelmässig Mails mit beleidigendem Inhalt.

«Lieber stütze ich mich auf positive Reaktionen»: SVP-Politikerin Natalie Rickli erhält regelmässig Mails mit beleidigendem Inhalt. Bild: Anthony Anex/Keystone

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Frauen, die an den Schalthebeln der Macht sitzen, sind in der Schweiz eine Minderheit. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – sehen sie sich häufiger persönlichen Angriffen ausgesetzt als ihre männlichen Kollegen. Das zeigt eine Analyse der Onlinekommentare in den Foren des Newsnet-Verbundes: Von allen Bundesräten wird Justizministerin Simonetta Sommaruga am stärksten attackiert und beleidigt.

Dieselbe Erfahrungen machen auch Parlamentarierinnen. «Leider ist es tatsächlich so, dass Frauen öfter das Ziel von persönlichen Angriffen werden als Männer», sagen Nationalrätin Ruth Humbel (CVP) und ihre Ratskollegin Natalie Rickli (SVP) einstimmig.

So sei sie als magersüchtig bezeichnet worden, sagt Humbel, oder als «magerer Haken». Einmal hatte sie ein SVP-Grossrat gar als «ägyptische Mumie» tituliert. Bei Männern sei das Äussere hingegen kaum ein Thema, sagt Humbel: «Wie viele Kommentare gibt es zum Aussehen von männlichen Bundesräten?»

Die Grünen-Nationalrätin Maya Graf verweist auf einen «Blick»-Artikel, der ihre angeblich hohe Stimme zum Thema machte, als sie das Präsidium des Nationalrats innehatte. Der Titel: «Schrille Belastung fürs Polit-Ohr».

Lieber nicht öffentlich

Humbel und Graf sind insofern eine Ausnahme, als sie bereit sind, die Beleidigungen öffentlich zu machen, die sie erfahren. Die meisten Politikerinnen erzählen im Gespräch von den Beschimpfungen und sexualisierten Drohungen, die sie erhalten – möchten aber nicht, dass diese so publiziert werden. Weil sie fürchten, damit in Verbindung gebracht zu werden. Oder weil sie den Absendern solcher Hassmails keine Plattform bieten wollen.

«Ich versuche, mich mit solchen Zuschriften nicht aufzuhalten», sagt Natalie Rickli. «Lieber stütze ich mich auf die positiven Reaktionen, die deutlich überwiegen.» SP-Politikerin Chantal Galladé geht es ähnlich. Als Sicherheitspolitikerin erhalte sie nach öffentlichen Auftritten regelmässig Mails mit Beleidigungen oder gar Morddrohungen: «Gewisse Menschen in diesem Land haben offenbar ein Problem damit, wenn sich eine Frau zu Schusswaffen und Kampfjets äussert.»

Was in den Mails inhaltlich steht, darauf will sie lieber nicht eingehen. Auch das Thema an sich sei schwierig: «Ich stecke in einem Dilemma: Jedes Mal, wenn ich mich zu Hassmails äussere, provoziert das erneut persönliche Attacken.» Andere Parlamentarierinnen bestätigen das.

«Tief verwurzelter Sexismus»

Den Grund für diese Beleidigungskultur sieht Grünen-Politikerin Maya Graf im Sexismus, «der in unserer Gesellschaft tief verwurzelt ist». Sie stelle zudem fest, dass sexistische Beleidigungen in den letzten 10 bis 15 Jahren zugenommen hätten. Das hänge klar mit dem Aufstieg des Rechtskonservatismus zusammen und mit dessen rückständigem Frauenbild. «Typischerweise kommen die persönlichen Angriffe jeweils dann, wenn dem – männlichen – Gegenüber die Argumente ausgehen.»

Dieser Mangel an Anstand sei auch deswegen problematisch, weil er Frauen davon abhalte, in die Politik einzusteigen. «Wer hat schon Lust, dauernd auf das Geschlecht reduziert zu werden und sich durch den Dreck ziehen zu lassen?»

Hassmails von links bis rechts

Anders als Graf macht SVP-Nationalrätin Natalie Rickli die Erfahrung, dass die Beleidigungen aus allen politischen Lagern kommen. So reichte sie im März 2016 Strafanzeige gegen ein Berner Rap-Kollektiv wegen Beschimpfung und sexueller Belästigung ein, nachdem diese die Politikerin in einem Lied aufs Übelste persönlich attackiert hatten.

Erst heute veröffentlichte die Politikerin zudem einen Brief, den ihr jemand anonym zugeschickt hatte. Von Intelligenz sei bei Rickli «wenig spürbar», schreibt die Person, die sich als Frau ausgibt. «Werden Sie mit 40 endlich eine Frau, noch besser eine Dame», heisst es weiter.

Bei den Frauen gehts ums Aussehen

Dass Frauen andere Kommentare erhalten als Männer hat SP-Politiker Cédric Wermuth ebenfalls festgestellt. «Bei Politikerinnen geht es oft um das Aussehen, das Alter, darum, dass sie prüde sind oder eben das Gegenteil.» Wenn er als Person angegriffen werde, laute der Vorwurf eher, dass er als ewiger Student doch keine Ahnung habe von einem Thema. «Bei Frauen hingegen fokussieren die – meist anonymen – Absender extrem stark auf Äusserlichkeiten; die Beleidigungen sind sexistisch und sexualisiert.»

Dennoch: Mit Drohungen muss auch Wermuth leben. Meist ignoriert er sie, ausser sie richten sich gegen seine Familie, dann wendet er sich an die Polizei. Im Übrigen versucht er, es mit Humor zu nehmen. «Die lustigen Hassmails bewahre ich auf», sagt Wermuth. «Vielleicht mache ich dann einmal ein Buch daraus.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2018, 17:19 Uhr

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