Beobachter zwischen den Fronten

Er sollte die Sehenswürdigkeiten von Paris fotografieren. Doch es waren die Studentenunruhen, die im Mai 1968 Max Baumanns Fokus auf sich zogen.

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Gelegentlich schlägt das Schicksal uns ein Schnippchen, mit dem wir in völlig neue Bahnen geworfen werden. So ging es zumindest dem Schaffhauser Fotografen Max Baumann, der vor fünfzig Jahren nach Paris reiste, um dort für die Swissair die Sehenswürdigkeiten neu zu fotografieren. Für Reisebüros, Kataloge und dergleichen mehr. Aber just als der Profi-Fotograf in Paris eintraf, wurde er zum Zeugen eines historisch einmaligen Ereignisses: den Studentenunruhen von 1968, mit denen die Zukunft einen Moment lang offen und alles möglich schien.

In gewissem Sinne auch für Max Baumann, der seinen ursprünglichen Fotoauftrag schon bald aus den Augen verlor: Statt Sehenswürdigkeiten dokumentierte er die Proteste und schuf Zeitdokumente von beachtlichem Wert. Darunter jenes Foto, auf dem man sieht, wie im Innenhof der Sorbonne die Statue des Autors Victor Hugo mit Helm und Schild in eine Galionsfigur der neuen Linken verwandelt wird.

Und Max Baumann? Er geriet bereits in seiner ersten Pariser Nacht zwischen die Fronten der Polizei und der Studenten; eine Leuchtpetarde explodierte neben seinem Kopf und liess ihn in einen Kellerabgang hinabtaumeln, wobei sich Baumann «saumässig» das Schienbein prellte, was ihn noch ein halbes Jahr als spürbare Erinnerung begleiten sollte. «Das war meine Schuld. Ich war jung und frech – und hatte die Nase zu weit vorne.»

Schwer tat sich Baumann mit der Heldenverehrung

Wobei der Schweizer mit seinen damals 37 Jahren ja eigentlich bereits «etwas drüber» war, wie er es formuliert. Baumann war also älter als die französischen Studenten, die mit ihren Protesten schon bald die Gewerkschaften zum Generalstreik mobilisierten. Baumann hingegen war in seinen Pariser Tagen «völlig solo» unterwegs, habe sich zu informieren und zu orientieren versucht, «was gar nicht so einfach war». Von den Diskussionen, die an der Sorbonne geführt wurden, verstand Baumann nur das Wenigste. Aber er spürte die Einigkeit der Studenten, die «etwas Neues, etwas anderes» wollten.

Also Sympathie für die 68er? «Doch, doch», sagt Baumann. «Ich bin ein politischer Mensch.» Er war Mitbegründer der Ökoliberalen Bewegung Schaffhausen und für insgesamt 17 Jahre im Kantonsrat. Aber nie in einer Gewerkschaft und als gelernter Graveur kein Akademiker.

Eigentlich glich Baumann ein wenig jener Pariser Lady, die wir in der Bildstrecke sehen: Er war ein Beobachter, der das Geschehen mit seiner Kamera fest­zuhalten versuchte. Während der Demonstrationen stellte sich Baumann auf die Verkehrsteiler und fotografierte von dort aus die Studenten, die mit ihren «Ho, ho, ho, Chi Minh»-Rufen an ihm vorbeizogen.

«Ich habe nie begriffen, warum junge Leute, die eine Idee haben für eine neue Welt, sich auf all die alten Knilche berufen.»Max Baumann

So ganz wohl war es Baumann dabei nie. «Das waren ja alles junge Menschen, also nicht ganz berechenbar.» Aber auch das war typisch für jene Tage im Mai 1968: «Alle Aussenstehenden waren in ihren Ansichten gespalten.» Jeden Tag habe man darüber diskutiert, ob das nun recht sei – «und warum die Studenten dieses tun und jenes so machen».

Schwer tat sich Baumann mit der Heldenverehrung der Studenten. Auf einem seiner Fotos sieht man, wie die Sorbonne damals mit einem Porträt des russischen Anarchisten Michail Bakunin und des Franzosen Proudhon behängt war, was Baumann bis heute ein Stück weit ratlos lässt. «Ich habe nie begriffen, warum junge Leute, die eine Idee haben für eine neue Welt, sich auf all die alten Knilche berufen.» Denn im Gegensatz zu ihren Helden, die von den Sowjets vereinnahmt wurden, hätten die französischen Studenten ja nichts mit den totalitären Regimen im Osten zu tun gehabt, hätten ihre Welt also wirklich neu erfinden können.

1968 hat seine politische Einstellung nicht verändert

Auf einigen von Baumanns Fotos sieht man Pflastersteine, die von den Studenten ausgebuddelt wurden, um sie als Wurfgeschosse zu verwenden. «Ja, ja», sagt der heute 87-Jährige dazu. Hat ihn die Gewalt der Studenten denn nicht abgestossen? «Eigentlich nicht.» Die nächtlichen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Studenten sieht Baumann als ein «Katz-und-Maus-Spiel»: Die Studenten errichteten Barrikaden, zündeten in Fässern Feuer an. Und die Polizei reagierte, wie man es von ihr erwartete: Sie versuchte, mit Gummigeschossen die Studenten auseinanderzutreiben. Und die Polizisten sahen in ihren Monturen «furchtbar» aus. «Aber Tote hat es keine gegeben.» Zumindest nicht, als der Schaffhauser mit dabei war. Die Rote-Kreuz-Mitarbeiter, die man auf den Fotos sieht, hielten sich in Bereitschaft für eine Eskalation, die ja in der Luft lag.

Insgesamt war Baumann eine Woche in Paris, bevor es mit einem Swissair-Flug nach London ging, wo er auftragsgemäss Sehenswürdigkeiten für die Fluggesellschaft fotografieren konnte. Seine eigene politische Einstellung habe der Mai 1968 in Paris nicht verändert, meint Baumann.

«Klar, ich habe mich engagiert, habe in Schaffhausen an Demos für ökologische Anliegen teilgenommen und auch demonstriert, als im August 1968 die Tschechoslowakei von den Sowjets besetzt wurde.» Aber Baumann glaubt nicht, dass der Pariser Mai für seine eigene politische Arbeit prägend war. Es sei einfach eine Lebenserfahrung gewesen, die er in Schaffhausen nicht hätte machen können. Wie auch die Fotos, von denen wir hier erstmals eine Auswahl veröffentlichen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.04.2018, 18:22 Uhr

Für die Swissair unterwegs: Max Baumann, 87

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