Die zwei Gesichter des Ulrich K.

Der Pferdehändler lud das halbe Dorf auf seinen Hof – und wurde gleichzeitig als Tierquäler verurteilt. Warum schauten alle weg?

Am Ende wuchs ihm alles über den Kopf: Pferdehändler Ulrich K. 2010 auf seinem Hof. <i>Foto: Hanspeter Schiess</i>

Am Ende wuchs ihm alles über den Kopf: Pferdehändler Ulrich K. 2010 auf seinem Hof. Foto: Hanspeter Schiess

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Jeden Herbst lud Ulrich K. zur Fohlenschau. Musik spielte auf, es gab Speis und Trank für die Besucher, Richter bewerteten stolze Urfreiberger-Hengste und ihre Nachkommen: Dorffest auf dem Hof jenes Mannes, der derzeit der schlimmste Tierquäler der Schweiz geschimpft wird. Der 49-Jährige ist seit Anfang Woche fürsorgerisch untergebracht, nachdem sein Hof in Hefenhofen TG zwangsgeräumt wurde.

Auch im Oktober 2014 fand eine Fohlenschau auf dem Hof des Pferdehändlers und achtfachen Vaters statt. Nur zwei Wochen später reichte das Veterinäramt eine Strafanzeige wegen Tierquälerei gegen K. ein. Eine Stute auf seinem Hof war so schwer verletzt, dass sie getötet werden musste.

Jovialer Nachbar und Pferdefreund oder brutaler Tierquäler? Die beiden Ereignisse zeigen die zwei Gesichter des Ulrich K. Er sei kein Einfacher gewesen, sagt die Berner Pferdezüchterin Heidi Gurtner, «aber ich habe nie gesehen, dass er ein Tier misshandelt hat». Eine andere Person aus der Pferdeszene sagt hingegen, K.s Tiere seien regelmässig negativ aufgefallen, weil sie schlecht ausgebildet und gepflegt gewesen seien. Doch niemand habe reagiert – aus Angst vor K.s aggressiver Art.

Er hatte «klar zu viele Tiere»

Heidi Gurtner amtete regelmässig als Richterin bei den Pferdeschauen auf K.s Hof und hatte bis letzte Woche einen Hengst bei ihm eingestellt. Ein Vorzeigebetrieb sei der Hof mit Pferden, Schweinen, Rindern und Schafen nie gewesen: Seit langem fiel auf, wie mager ­einige von K.s Tieren waren. «Er hatte klar zu viele Tiere, die schwächeren kamen nicht zum Futter.»

Gleichzeitig konnte K. zuvorkommend und grosszügig sein, wie Gurtner sagt: Die öffentlichen Schauen auf seinem Hof seien «das grosse Holdrio» gewesen, einmal briet K. ein Spanferkel für alle. «Er hatte ein Händchen für Pferde, konnte Hengste spielend am Halfter herumführen.» Und mehrmals beteuert sie: K. habe vor ihren Augen kein einziges Mal Gewalt gegen Tiere angewendet.

Ein Pferd starb beim Beschlagen

Ihre Beobachtungen stehen im krassen Gegensatz zur langen Behördengeschichte des Pferdehändlers. Aus Strafverfügungen gehen alleine zwischen 2001 und 2006 sechs Delikte hervor. Darunter Missachtung der Lebensmittelgesetzgebung, Viehhandel ohne Patent oder mangelnde Wasserversorgung bei Schafen.

2008 stand K. erneut vor Gericht. Ein Pferd bockte laut Anklageschrift beim Beschlagen. Mit einem Gehilfen sedierte und fesselte er das Tier. Und probierte so lange weiter, bis es an Erschöpfung starb. Auf dem Hof fanden Kontrolleure auch eine tote Kuh. Kranke Kälber wollte der Landwirt beim Schlachter als gesund deklarieren. Etliche Boxen waren zu klein. Laut Gutachten war das Futter teils so verschmutzt, dass es «auf keinen Fall verfüttert werden dürfte». Das Bezirksgericht Arbon verurteilte K. wegen Tierquälerei, Verstössen gegen das Tierschutzgesetz und Drohung. 2010 bestätigte das Bundesgericht das Urteil.

Das Fernsehen war mehrmals zu Besuch

«Besichtigung nur mit Voranmeldung», schrieb der Pferdehändler ein Jahr später auf seiner Hofwebsite, «damit wir zu Hause sind und Zeit für Sie haben». Oder damit er den Betrieb rechtzeitig auf Vordermann bringen konnte? K. liess das Fernsehen mehrmals auf seinen Hof, um den Vorwürfen wegen schlechter Tierhaltung entgegenzutreten. Der Privatsender 3+ drehte 2011 auf seinem Hof die Kuppelshow «Bauer, ledig, sucht . . .» mit K.s Pflegetochter. Als sich eine Zuschauerin beim Sender beschwerte, gab 3+ an, «ausführlich recherchiert» und keine Hinweise auf tierschutzwidrige Zustände gefunden zu haben.

In der Sendung sieht man blühende Obstbäume, friedlich grasende Pferde, saubere Ställe. Grösser könnte der Kontrast nicht sein zu den schockierenden Aufnahmen, die den Kantonstierarzt endlich zum Handeln bewegten: ein ausgemergeltes Fohlen, ein Pferd mit aufgesprungenen Nüstern, verschimmeltes Brot als Fressen. Wie kann es sein, dass K. immer weitergeschäften, immer mehr Tiere auf seinem Hof anhäufen konnte, ohne dass jemand einschritt? Alle Angefragten sagen übereinstimmend, die Zustände auf K.s Hof seien weitherum bekannt gewesen. Auf Schauen war er ein ungebetener Gast, weil seine Pferde negativ auffielen, einzelne Veranstalter schlossen ihn offenbar gar aus.

Trotz allem will der Schweizerische Freibergerverband von nichts gewusst haben. Bis zuletzt bezahlte er K. 500 Franken Prämie für jedes geborene Freibergerfohlen – zwischen zwei und fünf Tiere waren es in den letzten Jahren, wie Geschäftsführer Stéphane Klopfenstein sagt. «Möglicherweise hätten einige der Pferde nicht das Anrecht auf die Prämie gehabt», sagt er, «aber wir hatten keine Chance, das zu erkennen.» Das fällt schwer zu glauben angesichts der Medienberichte, die schon vor Jahren über K. erschienen. «Vielleicht hätten wir näher hinschauen sollen», räumt Klopfenstein ein, «aber man muss sich auf die offiziellen Beurteilungen verlassen können.» Vom Thurgauer Veterinäramt seien nie Beanstandungen wegen K.s Pferdehaltung gekommen. «Wir sind uns keines Fehlers bewusst», sagt Klopfenstein.

«Jeder, der etwas von ihm wollte, biss auf Granit»

Verurteilt wurde K. nicht nur wegen Verstössen gegen den Tierschutz. 2005 attackierte er bei einer unangemeldeten Kontrolle einen Mitarbeiter des kantonalen Umweltamts. Dafür erhielt er eine Busse wegen Tätlichkeit. 2006 drohte er Tierschützern auf seinem Hof, sie zu erschiessen. Dafür wurde er später wegen Drohung verurteilt. Laut «Blick» soll er zudem auch Kantonstierarzt Witzig mit einer Spielzeugpistole gedroht haben. Dass K. sehr heftig auf Kritik reagierte, sagt auch Heidi Gurtner: «Wir forderten schon lange von ihm, dass er weniger Pferde halten und endlich seine Administration in den Griff bringen sollte. Doch er war völlig uneinsichtig.» Allerdings habe K. sie nie bedroht oder sei aggressiv geworden.

In den letzten Monaten wuchs K. die Situation offenbar zunehmend über den Kopf. Nicht nur habe er regelmässig die Formalitäten für den Zuchtbetrieb vernachlässigt, auch private Probleme belasteten ihn. Innert kurzer Zeit musste er die Trennung von seiner Frau und den Tod seines Vaters verkraften. Gurtner sagt: «Jeder, der etwas von ihm wollte, biss auf Granit.» Seine Verbandssektion hatte längst die Geduld mit K. verloren und wollte dieses Jahr keine Fohlenschau mehr auf seinem Hof abhalten.

Derzeit sucht das Thurgauer Veterinäramt mit allen Kräften Plätze für die 110 teilweise unterernährten und verwilderten Pferde von K., die beschlagnahmt wurden – und bietet die Tiere zum Schleuderpreis an: Für rund 800 Franken sind die Pferde zu haben. Das entspricht ungefähr dem, was ein Metzger für ein ausgewachsenes Freibergerpferd bezahlt.

Die Pferde befinden sich momentan in Schönbühl:

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.08.2017, 10:42 Uhr

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