«Die Leute sollen erfahren, dass ich keine Gestörte bin»

Caroline H. hat zwei Frauen getötet. Wie denkt die «Parkhausmörderin» heute? Ein eindrücklicher Besuch im Gefängnis.

Gerne hätte sich Caroline H. mit ihrem anhänglichen «Katerli» Cenarius fotografieren lassen. Bild: Joseph Khakshouri

Gerne hätte sich Caroline H. mit ihrem anhänglichen «Katerli» Cenarius fotografieren lassen. Bild: Joseph Khakshouri

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Das ist sie also, die «Parkhausmörderin», das «Monster», das 1991 im Zürcher Parkhaus Urania eine junge Frau tötete und 1997 beim Zürcher Chinagarten eine ältere Frau ermordete. Wir sitzen uns im schlichten Besucherzimmer der bernischen Frauenstrafanstalt Hindelbank gegenüber. Wir sind alleine. «Die gefährlichste Frau der Schweiz» trägt keine Handschellen, da ist keine Scheibe, die uns trennt, kein Gefängnismitarbeiter, der für Sicherheit sorgt. Oben in der Ecke läuft eine Kamera: nicht aus Misstrauen gegenüber Caroline H., sondern zu meiner Beruhigung.

«Ja was haben Sie denn erwartet?», antwortet Caroline H. leicht genervt auf meine Bemerkung, dass sie keine Handschellen mehr trage. Aber selbstverständlich ist das nicht: Noch vor drei Jahren musste Caroline H. üben, sich auf dem Anstaltsareal ohne Fesseln zu bewegen; ohne diese, hatte sie früher einmal erklärt, fühle sie sich «unsicher, ungeschützt und irgendwie nackt». Jetzt sagt sie beschwichtigend: «Ich hoffe, Sie haben keine Angst oder so.»

«Die Leute sollen erfahren, dass ich keine Gestörte bin, die in einem Loch wohnt.»

Wir sind beide nervös. Wie muss sie sich wohl fühlen? Sie sei sehr vorsichtig, sagt Caroline H. denn auch, ihr Verhältnis zu Journalisten sei «ambivalent». Sie wolle auf keinen Fall für Schlagzeilen herhalten. In einem Brief hatte sie mir geschrieben: «Ich werde mit Ihnen reden, vorausgesetzt, Sie interessieren sich für mich als Mensch und nicht als Story.» Ich interessiere mich für den Menschen – für jenen Menschen allerdings, der wegen bestimmter Taten hier im Gefängnis sitzt. Über diese Taten, das die Bedingung, soll nicht gesprochen werden.

In der Isolationshaft hat sie sich die Arme geritzt

Zwei Stunden hat uns die Gefängnisleitung für dieses Gespräch eingeräumt, zwei Stunden, um uns etwas anzunähern. Was sie sich von diesem Treffen erhofft? «Kei Ahnig», antwortet Caroline H. zunächst etwas bockig, schiebt dann aber nach: «Natürlich will ich, dass man mich von einer anderen Seite sieht!» Aber das scheine den Leuten offenbar sehr schwerzufallen. Sie wendet sich ab, ihre Augen folgen einer Fliege im Raum. Männlich ist ihre Erscheinung, männlich sind ihre Bewegungen, ein kräftiger Nacken, starke Arme. Das Haar sehr kurz. Sie trägt eine olivfarbene Hose mit vielen praktischen Taschen, ein T-Shirt in Schlammfarbe, «Jaguar» steht über der Brust geschrieben.

Der Blick bleibt an ihren Unterarmen haften, diese sind mit Narben übersät, lang verheilte weisse Streifen, kreuz und quer. Die Schnitte habe sie sich während der Isolationshaft zugefügt. «Man kommt auf komische Gedanken, wenn man so lange alleine ist.» Caroline H. war sehr, sehr lange allein. Seit über 20 Jahren lebt die heute 45-Jährige hinter Gittern, zehn Jahre davon in strengster Einzelhaft.

Ein Jahrzehnt war sie 22 Stunden am Tag isoliert. Spazieren konnte sie nur allein in einem kleinen, mit Stacheldraht gesicherten Aussenhof. Auf dem grossen Rundgang innerhalb der Gefängnismauern, dreimal pro Jahr, wurde sie von fünf Sicherheitsleuten überwacht. Ausserhalb der Zelle bewegte sie sich nie ohne Fesseln. Gespräche mit dem Seelsorger, dem Psychiater oder Therapeutinnen wurden bis vor drei Jahren durch Gitterstäbe geführt.

Über 20 Jahre ist es her, seit Caroline H. zum letzten Mal einen Schritt in Freiheit tat. Bild: Joseph Khakshouri

Die Art der Unterbringung, besonders die Isolationshaft, könne als «menschenunwürdige Behandlung bezeichnet werden», die einer positiven Entwicklung der Insassin absolut entgegenstehe, kritisierte die Nationale Kommission zur Verhütung von Folter im Jahr 2010. Ihr Anwalt sagte damals, Caroline H. sei «wie lebendig begraben». Viel ist seither passiert. Schritt für Schritt konnten die Haftbedingungen gelockert werden. In den letzten Jahren, da sind sich Psychiater und Gefängnisleitung einig, habe Caroline H. «gewaltige Fortschritte» gemacht. Eine Entwicklung, die selbst Fachleute erstaunt. Er hätte vor einigen Jahren «nicht unbedingt erwartet, dass es möglich sein würde, was nun erreicht werden konnte», gab der psychiatrische Gutachter im Herbst 2017 zu Protokoll.

Seit einem Jahr lebt Caroline H. zusammen mit sieben anderen Insassinnen in einer Integrationsgruppe. Viele Jahre wurde ihr das Essen durch das Gitter gereicht. Die erste Mahlzeit in Gesellschaft war das Weihnachtsessen vor fünf Jahren. Heute sitzt sie in der Wohngruppe am Tisch, sonntags kochen oder backen die Frauen gemeinsam. Ihre Zelle steht tagsüber offen, sie sei froh, dass sie sich zurückziehen könne, sagt Caroline H., es werde ihr rasch zu viel, «Reizüberflutung und so». Sie war immer schon eine Einzelgängerin. Das habe auch mit ihrem Asperger-Syndrom zu tun. Ihre Zelle, 16 Quadratmeter, inklusive Dusche und WC, wird sie später zeigen. Die Leute sollen erfahren, «dass ich keine Gestörte bin, die in einem Loch wohnt». Die Zelle liege zuhinterst, wo niemand reklamiere, wenn sie ihre Metal-Musik einmal aufdrehe.

Caroline H. legt grössten Wert auf Ordnung und Sauberkeit, die T-Shirts sind penibel gefaltet, perfekt gestapelt. Ein Poster von Andy Hug, ihrem Kampfsport-Idol, ein Alien-Bild von Künstler H.R. Giger. Fantasy sei ihre Welt. Auf dem Bett sitzt ein schwarzes Plüschtier mit Fledermausflügeln, «mein Kuschelmonster». Überall Fotos von Katzen: Zeus, das rote Tigerli, das nach über 17 gemeinsamen Jahren verstarb. Ihn zu verlieren, sei «der Horror» gewesen – seine Asche wird in einer kleinen Urne aufbewahrt. Seit ein paar Monaten teilt Cenarius die Zelle mit ihr. Ein Abessinier-Kater mit kurzem Fell: ideal, denn Katzenhaare in der Zelle mag sie nicht. Cenarius sei sehr, sehr anhänglich, und sie, die sonst jede Nähe ablehnt, scheint sein verschmustes Wesen zu lieben. Gerne würde sie mit ihrem «Katerli» aufs Foto, schön wie er ist, aber Cenarius schleiche irgendwo auf dem Areal umher. Sie macht sich manchmal Sorgen, wenn sie nicht weiss, wo er ist.

Sie will nicht basteln, sondern mit dem Körper arbeiten

Caroline H. fasst sich ins Kreuz und stöhnt: Von diesem «blöden Gebastel», dem ewigen Sitzen, bekomme sie Rückenweh. Sie kommt gerade von der Arbeit, im Atelier wird zurzeit für den traditionellen Schlossmärit (30.11./1.12.) produziert: bunte Hundeleinen, Babyrasseln in Form von Fliegenpilzen, Sportbeutel in allen Farben und Dessins, darunter die «Knasttüte» mit Gittermuster. Sie hasse es, kreativ sein zu müssen. «Da isch d Sara»; unvermittelt springt mein Gegenüber vom Stuhl hoch, klopft ans Fenster, «uhu!». Sie wolle mit dem Körper arbeiten, sagt Caroline H., «leistungsorientiert», am liebsten in der Gärtnerei wie Kollegin Sara, die draussen an der Herbstsonne das Laub zusammenrecht.

Sie spricht erstaunlich gewandt. Sie sei kommunikativer geworden, sagt sie selbst, sie könne heute besser mit Menschen umgehen. In den Therapiestunden habe sie «Sozialverhalten und Mich-Einbringen» lernen müssen. Ein Prozess, der sie nach zehn Jahren Einzelhaft viel Energie gekostet habe. Es habe sich gelohnt: Sie habe auf der Abteilung ein, zwei Kolleginnen gefunden – «den anderen gehe ich aus dem Weg».

Ausgerechnet Caroline H., die als «Frauenhasserin» bezeichnet wurde, die damals vor Gericht sagte, es sei für sie einfach logisch gewesen, dass ihre Opfer weiblich waren, denn «Frauen ängstigen sich mehr». Ausgerechnet die «Frauenmörderin» lebt seit zwei Jahrzehnten nur unter Frauen – über 100 Insassinnen, zu drei Vierteln weibliches Personal.

Ein Kätzchen und ein Stern, Glücksbringer der Eltern. Bild: Joseph Khakshouri

Auf ihr Verhältnis zu Frauen angesprochen, sagt Caroline H. heute: «Frauen sind manchmal einfach furchtbar zickig und nervig.» Selbst im Gefängnis würden sie sich «auftakeln, schminken, künstliche Nägelchen – aber so sind Frauen halt». Die Mitgefangenen würden ihre Kleider über den Bonprix-Katalog bestellen, «Blüemli, Streifli, Pünktli – da bekomme ich Schübe», sagt sie und lächelt zurück. Ihr Lieblingsversand ist EMP, der Shirts mit «Game of Thrones» oder von Metal-Bands im Angebot hat.

Caroline H. steht dazu, hätte sie die Wahl, sie würde lieber in einer Umgebung mit mehr Männern sein. Auch deshalb «plange» sie auf die sechswöchige Auszeit, auf den jährlichen Tapetenwechsel in einem Regionalgefängnis. Vor allem wegen des Personals: keine Betreuer, sondern Aufseher – weniger reden, mehr machen. Caroline H. ist abgelenkt, die Fliege stört, sie möge keine Fliegen, sagt sie, hier auf dem Land habe es sehr viele Fliegen. Zack, ein Schlag – daneben. «Früher hiess es, Sie seien höchst aggressiv.» – «Würkli?», antwortet die «Parkhausmörderin», und es tönt nicht gespielt. Man werde «ja auch älter, es ist doch normal, dass man ruhiger wird». Diese Gewaltfantasien, hat sie die noch immer? Sie habe ein «Faible» für gewalttätige Dinge, allerdings nur in Filmen oder Büchern. Sie ist die wohl fleissigste Leserin in der Strafanstalt, momentan lese sie «The Walking Dead». Viele Frauen in Hindelbank würden gar nicht lesen, «oder dann «Fifty Shades of Grey». Als Kind konnte sie früher als die Schul-Gspänli lesen – darauf angesprochen wird sie gern.

In der realen Welt jedoch sei Gewalt kein Thema mehr. Heute habe sie sich unter Kontrolle, sie gehe Provokationen aus dem Weg und könne sich verbal wehren. Sie habe es nicht mehr nötig, jemanden anzugreifen, rumzuschreien, Dinge kaputt zu machen – «es lohnt sich nicht, von den Konsequenzen her».

Nach drei Jahren habe sie sich von diesem «Vollidioten» getrennt.

Ihre Stimmung kann innert Sekunden kehren. Caroline H. dreht sich ab, wenn eine Frage nervt, «kei Ahnig» oder «immer dieses Klischee», sagt sie dann. Sie verstellt sich nicht, ist direkt und erstaunlich offen – zum Beispiel, wenn sie von ihrer ersten und letzten Liebesbeziehung erzählt: «Der Typ war eine Art Nazi, er hat mich immer mehr gestresst. Ich mag keine Extremisten.» Nach drei Jahren habe sie sich von diesem «Vollidioten» getrennt. Der Ex machte ­Jahre später als «Rütli-Bomber» Schlagzeilen, er soll an der 1.-August-Feier 2007 einen Sprengsatz zum Explodieren gebracht haben. «Der hatte einen Knall», sagt Caroline H. heute.

Nein, eine Beziehung brauche sie nicht, Körperkontakt sei ihr zuwider, Sex müsse auch nicht sein. Aber einem gut aussehenden Mann schaue sie schon gerne hinterher, sagt sie und kichert – erst recht, wenn er Uniform trägt.

Viermal im Monat darf Caroline H. zwei Stunden lang Besuch empfangen. Sie nutzt das Kontingent nicht aus. Die Eltern besuchen sie regelmässig. Das Verhältnis zu Vater und Mutter sei recht gut, «alles im normalen Rahmen». Sie leben noch immer in einem Dorf in der Innerschweiz, wo Caroline H. als Einzelkind aufgewachsen ist. Den melodiösen Dialekt hat sie sich allerdings abgewöhnt, die Leute hätten sich darüber lustig gemacht, deshalb spricht sie nun Züritüütsch. Die meisten in Hindelbank würden ja Berndeutsch reden, «Znacht reiche», «de Schaft ufmache» – sie lacht.

Eine Idylle – wenn da nur die Gitter nicht wären

Lieber als nur Auskunft zu geben, möchte Caroline H. erfahren, was draussen läuft. Wie sich Zürich in all den Jahren verändert hat. «Ich glaube, die haben ein Gewalt- und Alkoholproblem im Niederdorf.» Diese sinnlose Sauferei könne sie nicht verstehen. Sie würde auch nie an die Street Parade. «Was es jetzt wohl für neue Läden hat?» Von Starbucks habe sie gehört. «Und die S-Bahn, ist die immer noch mit Pendlern verstopft?» Sie habe die Fahrerei in der S-Bahn gar nicht gemocht, «die vielen Leute, das Gstunk».

Caroline H. ist gwundrig, aber auch informiert: Die Eltern haben ihr ein «Blick»-Abo geschenkt, «schlimme Zeitung». Selber hat sie das deutsche Magazin «Stern» abonniert. Die politische Stimmung in Deutschland mache ihr Angst. Die Sprache habe sich verändert, die Toleranz sei gesunken. Selbstverständlich verfolge sie auch die Schweizer Politik. Wie gern würde sie abstimmen! «Aber ich darf ja nicht, als Österreicherin.» Sie hoffe einfach, die Leute seien nicht so dumm und unterstützten die Selbstbestimmungsinitiative der SVP: «Sie sind nicht SVP, oder?»

«Oh, es ist zwölf, ich muss essen gehen», sagt sie mitten im ­Gespräch und steht auf. Sie kennt das Menü – «händ Sie gärn Fischstäbli?». Während Caroline H. in die Wohngruppe begleitet wird, führt Gefängnisdirektorin Annette Keller durch die gepflegte Strafanstalt. Vorbei am Schloss, wo die Büros der Verwaltung sind, vorbei am Gehege der glücklichen Hühner, dem akkuraten Gewürzgarten, den Gebäuden der Wohngruppen. Rundum Wiesen mit weidenden Kühen, eine Idylle – wenn da nur die Gitter nicht wären.

660 Franken Kosten pro Tag

Viel zu schön für Kriminelle, würde der Stammtisch wohl poltern. Die Direktorin kennt Volkes Stimme, das Wort «Kuscheljustiz» mag sie nicht mehr hören. Denn: «Die Strafe ist, dass die Frauen nicht frei sind, dass sie nicht sein können, wo und mit wem sie möchten.» Seit Mai 2011 leitet Annette Keller die JVA Hindelbank, die einzige Vollzugsanstalt für Frauen in der deutschsprachigen Schweiz. Über die einzige verwahrte Insassin darf sie keine näheren Auskünfte geben. Doch während des ganzen Jahres in der Integrationsgruppe sei es nicht zum geringsten Zwischenfall gekommen.

Dank der geringeren internen Sicherheitsvorkehrungen seien auch die Kosten für die Gesellschaft gesunken, auch das sei ihr ein Anliegen, sagt die Direktorin. Ein Tag in Hochsicherheit A kostet 660 Franken, im Normalvollzug sind es 358 Franken pro Tag. Für Caroline H. rechnet man mit 592 Franken. Nein, ausgerechnet, wie viel diese Gefangene über all die Jahre gekostet habe, habe sie nicht, sagt die Direktorin.

Welche Entwicklung Caroline H. gemacht hat, wie viele Freiheiten man ihr inzwischen zugesteht, zeigt sich nicht zuletzt anhand des Sportprogramms, das ihr so eminent wichtig ist. Während der Isolationshaft durfte sie täglich eine Stunde auf den Crosstrainer oder aufs Laufband, die beiden Geräte stehen neben ihrer Zelle, ebenfalls hinter Gittern. Seit ein paar Wochen darf sie jeweils montags zusammen mit rund 25 anderen Insassinnen in die Turnhalle. Vor allem aber durfte Caroline H. diesen Sommer erstmals am jährlichen Sporttag auf dem Gefängnisareal teilnehmen, der mit einem Konzert der Anstalts-Band abgerundet wurde. Caroline H. habe sich mit einer Natürlichkeit beteiligt, die ausnahmslos alle beeindruckt habe, sagt die Direktorin.

Zurück im Besucherraum, sagt Caroline H., die Fischstäbli hätten geschmeckt. Was sie denn nach all den Jahren am meisten vermisse, frage ich sie. «Ich würde gerne mal wieder ein Bier trinken», sie kichert, sogar mit einem Clausthaler wäre sie zufrieden. Im Internet war sie noch nie, das würde sie schon wundernehmen. Doch auch die virtuelle Welt bleibt ihr (vorerst) verwehrt: Internetschulung ist nur als Vorbereitung für eine bevorstehende Entlassung oder zu Bildungszwecken vorgesehen.

«Ich will, dass man mich als Mensch wahrnimmt»

Zählen Sie die Tage, Wochen, Monate, Jahre, die Sie im Gefängnis sind? «Soll ich Strichli an die Wand malen, oder was meinen Sie?», kontert Caroline H. und wechselt das Thema: «Was haben Sie da für einen interessanten Anhänger, der gefällt mir.» Selber trägt sie ein Goldkettchen um den Hals, sie zeigt die Anhänger, ein Kätzchen und ein Sternchen, Glücksbringer von den Eltern.

Seit Jahren diskutieren Gerichte und forensische Fachleute, was sie mit dieser Frau tun sollen, der eine schwere Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen und schizoiden Zügen diagnostiziert wird. Im April dieses Jahres lehnte das Bundesgericht die Umwandlung der Verwahrung in eine stationäre Massnahme ab. Für die Sicherheit der Bevölkerung hätte die Anordnung der sogenannten kleinen Verwahrung keinen Unterschied gemacht. Für Caroline H. jedoch wäre dies eine gewaltige Motivation gewesen: Die Therapie, die sie seit Jahren auf freiwilliger Basis macht, wäre dann offiziell vom Gericht verordnet. Eine Zukunftsperspektive, eine neue Hoffnung, die vorerst zerschlagen wurde.

Die zwei Stunden sind bald vorüber, eine Frage blieb ungestellt: Glauben Sie, dass Sie je wieder in Freiheit leben werden? «Irgendwann müssen sie mich ja rauslassen. Seit Jahren mache ich Therapie, was will man denn noch von mir?» Aber sie weiss auch: «Es haben doch alle Angst, etwas falsch zu machen.» Niemand wolle ein Risiko eingehen, niemand die Verantwortung übernehmen. «Am liebsten würde man doch gar niemanden mehr rauslassen.»

«Ich habe Angst, dass mir die Zeit davonläuft.»

Die Bevölkerung kennt Sie als Parkhausmörderin, als «die gefährlichste Frau der Schweiz». Wer sind Sie Ihrer Meinung nach heute? «Wie soll ich das wissen? Ich will einfach, dass man mich als Mensch wahrnimmt.» Man solle zur Kenntnis nehmen, «dass ich zu 99 Prozent ganz normale Interessen und Eigenschaften habe, mich völlig normal verhalte».

Es sei ihr bewusst, dass sie weiterhin Strukturen und Begleitung brauche, «vielleicht in einem betreuten Wohnen»? Sie habe in den 20 Jahren hinter Gittern vieles verlernt und vieles nie gekonnt. Auch deshalb wünsche sie sich einen konkreten Plan – etwas, woran sie sich halten könne. Die Aussicht auf eine Weiterbildung, eine Anlehre vielleicht? Caroline H. sagt: «Ich habe Angst, dass mir die Zeit davonläuft.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.11.2018, 08:59 Uhr

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Lebenslänglich und anschliessende Verwahrung

Mit 18 Jahren hat Caroline H. ihr erstes Opfer umgebracht. Im Frühsommer 1991 erstach sie im Zürcher Parkhaus Urania eine 26-jährige Frau – ein zufälliges Opfer. Wenige Tage später begann Caroline H. eine Lehre als Verkäuferin, in dieser Zeit legte sie Brände. Erst fackelte sie Telefonbücher und Papierrollen in öffentlichen WCs ab, später steckte sie Gartenhäuschen, Wohn- und Geschäftshäuser in Brand. 1993, mit 20 Jahren, wurde Caroline H. wegen mehrfacher Brandstiftung zu vier Jahren Zuchthaus mit Verwahrung verurteilt. Niemand ahnte, dass sie die Parkhausmörderin war.

1995 wurde die Verwahrung aufgehoben, die Strafe reduziert. Caroline H. zog nach Zürich in ein betreutes Wohnheim, begann eine Lehre als Elektrikerin. Ende November 1996 hatte sie gar keine Auflagen mehr zu erfüllen. Zwei Monate später, im Januar 1997, erstach Caroline H. im Chinagarten an der Zürcher Seepromenade eine 61-jährige Frau – wiederum ein zufälliges Opfer. Auch in diesem Fall, so gab die Täterin später zu Protokoll, habe sie die Frau nur erschrecken wollen. Als diese jedoch zu schreien begann, habe sie zugestochen. Ein Jahr später, im März 1998, verübte die inzwischen 25-jährige Caroline H. im Zürcher Niederdorf eine Messerattacke auf eine 75-jährige Frau. Die Frau überlebte, und wenige Wochen danach gestand Caroline H. die Bluttaten.

Im Dezember 2001 wurde die in der Innerschweiz aufgewachsene Österreicherin vom Zürcher Obergericht wegen zweifachen Mordes, Mordversuchs und Brandstiftungen mit einem Schadenswert von elf Millionen Franken zu lebenslänglichem Zuchthaus und anschliessender Verwahrung verurteilt. Seit Mai 1998, über 20 Jahre lang, sitzt die heute 45-jährige Caroline H. ununterbrochen im Gefängnis. (cw)

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