24 Stunden Vergnügungspark

In Le Mans werden 260'000 Menschen unterhalten – die Sportwagen reichen dafür nicht. Es braucht Schiessbuden und Open Airs.

Neuer Tag, neue Hoffnung: Sonnenaufgang mit Kampf auf der Piste. Foto: Dan Istitene (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ach ja, ein Autorennen findet hier auch noch statt. Gerade haben ein ohren­betäubender Motor und das mehrfache Knallen beim Herunterschalten vor der Links-rechts-rechts-Kombination Tertre Rouge daran erinnert. Es wäre fast untergegangen bei diesem Trubel, der an diesem Samstagabend an der Strecke südlich der 150 000-Einwohner-Stadt Le Mans herrscht, wo über eine Viertelmillion Menschen unterhalten werden will – eben nicht nur von den rasenden ­Gefährten auf der legendären Strecke.

Zu Tausenden stehen sie unweit der Schikane vor einer grossen Bühne. Es ist dort nicht viel leiser, es dröhnen Bässe aus den Boxen, ein DJ heizt ein, bevor die Alt-Disco-Band Kool & the Gang die Menge zum Tanzen bringt. Die heulenden und röhrenden Motoren sind lediglich in den kurzen Pausen zu hören, die 24 Stunden von Le Mans sind an diesem Ort nur 50 Meter entfernt und doch ganz weit weg. Hier ist Open Air, manche haben sich in 70er- und 80er-Jahre-Kleider gehüllt, sich Kraushaarperücken aufgesetzt, in Erinnerung daran, dass die Band damals noch in Originalbesetzung war und Lieferant zahlreicher Hits. ­Gestört wird das Treiben durch Krankenwagen, die sich den Weg durch die Menge bahnen müssen. Es ist auch jetzt, kurz vor Sonnenuntergang, noch heiss, ältere Menschen kollabieren, jüngere haben sich ein paar Bier zu viel gegönnt.

Wer mit der Musik nicht warm wird, findet Alternativen zuhauf. Die Wiesen um die 13,6 Kilometer lange Strecke gleichen einem Vergnügungspark, ein Riesenrad dreht, eine Autoscooterbahn leuchtet in der allmählich einsetzenden Dämmerung, davor üben sich Teenager an Anlagen in ihren Boxkünsten. Mercedes hat einen Simulator aufgestellt, in dem sich neun Passagiere zusammen mit dem virtuellen Lewis Hamilton in einem Formel-1-Auto auf die Strecke von Silverstone begeben können.

Umkleidekabine mit Zeitdruck

Wer gerne selber aktiv ist, der kann in einer Umkleidekabine versuchen, in möglichst kurzer Zeit ausgewählte Kleidungsstücke anzuziehen – und sie bei ­gelungenem Unterfangen behalten. Auf einem Bildschirm läuft die Zeit, der Schnellste hat es in 14,53 Sekunden hingekriegt. Der junge Engländer, der sich jetzt an dieser Marke misst, hat Hemd und Jäckchen in 19,12 Sekunden übergeworfen, nicht ordnungsgemäss, wie festgestellt wird, das Käppchen darf er behalten, es sitzt schief auf seinem Kopf.

Es strampeln Menschen auf Velos für einen guten Zweck, trinken andere Champagner aus Plastikbechern, während eine Liveband ihre Rocklieder spielt. Briten singen lautstark «God Save the Queen», als Pylonen verkleidete Männer stellen sich zu den Polizisten, die versuchen, den Verkehr zu regeln.

Einige stehen in den offiziellen Le-Mans-Läden Schlange, um ein Erinnerungsstück zu erwerben, andere begutachten die unzählbaren Modellautos an den Dutzenden Ständen, stillen ihren Hunger mit in gewaltige Styroporboxen gefüllten Pommes frites oder Hamburgern. Ein paar Meter weiter drehen sechs Spanferkel, nebenan sind es Hühnchen, es raucht, der von der Sonne rotgebrannte Feuermeister wirft Holz nach. Etwas abseits pinkeln Männer gegen Bäume, davor wird in Schiess­buden genau gezielt, es geht um übergrosse Teddybären. Auf der anderen Seite der Strecke finden sich echte Waffen. Kinder reissen sich um die Plätze am Stand, an dem sie ein Sturmgewehr oder Grösseres halten können, die Instruktoren in Uniform und mit Glatze ­zeigen, wie sie diese fassen müssen. Die französische Luftwaffe wirbt hier, nachdem sie kurz vor dem Rennstart eine Flugshow in den stahlblauen Himmel ­geflogen hat.

Ein Grossteil aber lässt sich von der Unterhaltungsüberflutung nicht ablenken, ist dem Kampf auf der Piste zugewandt, der mittlerweile in der Nacht ausgefochten wird, zehn Stunden drehen sie nun schon ihre Runden. Die grün, pink, weiss und blau leuchtenden Zahlen an den Boliden helfen in der Dunkelheit, den persönlichen Favoriten wiederzuerkennen, der Speaker spricht unermüdlich. Einige Tausend harren die ganze Nacht aus auf den Tribünen.

Das arme Michelin-Männchen

Am frühen Nachmittag sind diese noch rappelvoll. Es erstreckt sich ein Menschenmeer entlang der Start- und Zielgeraden, zwei Stunden sind es da noch bis zum Start um 15 Uhr – und die Zelebrierung des grossen Klassikers hat schon begonnen. Die Gridgirls haben sich in Stellung gebracht, einen Schirm gegen die brennende Sonne in der einen, die Startnummer eines der 60 Fahrzeuge in der anderen Hand. Nach und nach werden die Rennwagen am Rand aufgereiht, mit Plachen zugedeckt, damit sich die Hitze nicht schon vor dem Start im Cockpit ausbreitet. Die Landesflaggen der Teams werden gehisst, diese formieren sich in Reih und Glied. Frauen schiessen mit Kanonen T-Shirts in die Menge, ein Michelin-Männchen fordert die Zuschauer auf, ihre Hände zu zeigen – es ist bei über 30 Grad der wohl unangenehmste Job. Ein Opernsänger donnert die Marseillaise ins Mikrofon, ehe das Brüllen und Röhren der Sportwagen für die Akustik sorgen.

Dafür, dass sie nicht wie früher zu ihren Autos rennen müssen, sondern nach einer Runde hinter dem Safety-Car fliegend starten, dürften die Piloten dankbar sein. 1969 nach der Einführung der Sicherheitsgurte stand dieses Prozedere in der Kritik, Rennlegende Jacky Ickx protestierte auf seine Weise. Er schlenderte provokativ zu seinem Ford GT40 Mk I – gewonnen hat er trotzdem.

Mit Stühlen, Sofas und Leitern

Erfolg hatte er auch mit seiner Aktion. Ein Jahr später brauchte in Le Mans kein Pilot mehr zu seinem Auto zu sprinten. Nun also führt der Safety-Car das Feld so um die Strecke, dass es pünktlich um 15 Uhr zurück ist auf der Start- und Zielgeraden. Gebannt blicken die 260'000 in dem Moment auf die eindrücklichen Gefährte. Sitzen sie nicht auf den Tribünen, haben sie sich auf einem der Hügel niedergelassen, wo sie ihre Klappstühle und aufblasbaren Sofas positioniert haben. Ein ganz Findiger hat seine Klapp­leiter dabei, mit der er auf einen Glascontainer geklettert ist.

Hinter ihm liegt einer der vielen Campingplätze, Tag und Nacht brutzelt hier Fleisch. «Wir können das Barbecue im Auto riechen», sagt der Schweizer ­Toyota-Pilot Sébastien Buemi.

50 Meter liegen zwischen den vorwiegend englischen Camping- und Motorsport-Freunden und der Piste, doch sie schauen sich das Rennen auf Bildschirmen an – mit einem Kommentator, der ihre Sprache spricht. Vor den Wohnwagen reiht sich Fernseher an Fernseher.

Die meisten aber wollen die Maschinen mit ihren in der Dunkelheit grell leuchtenden Scheinwerfern in echt über die Piste rasen sehen. Pommes frites und Bier gibt es bei den Essensständen, die Nonstop-Betrieb haben. Ebenso wie das irische Pub, in dem 5000 Menschen die Nacht zum Tag machen.

Bis sich dieser zurückmeldet, die Sonne die Szenerie in kitschiges Orange und Rosa hüllt. Das Riesenrad dreht noch immer. Nun tun das auch die Spanferkel wieder, die Schausteller öffnen die Klappen ihrer Lastwagen. Der Trubel beginnt von vorne. Noch sind es acht Stunden, bis sie alle wieder vereint an der Strecke stehen werden, um das unerwartete Podest zu beklatschen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.06.2017, 23:14 Uhr

Das Rennen Schweizer

Dramen und Freuden

Sie kennen das bereits bei Toyota, das mit den langen Gesichtern. Die machten sie im letzten Jahr, als das Auto von Sébastien Buemi, Anthony Davidson und Kazuki Nakajima, in Führung liegend, fünf Minuten vor Ende des 24-Stunden-Rennens zu bocken begann und dann stehen blieb. Nun griffen die Japaner in der höchsten Klasse LMP1 gar mit drei statt zwei Autos an, im Qualifying gab es die Ränge 1, 2 und 5. Doch in Le Mans scheint ein Fluch auf ihnen zu liegen. Der einzige Unterschied zum Vorjahr: Diesmal kam der grosse Frust bereits vor der Hälfte des Rennens.

Nach acht Stunden erwischte es Buemi und seine Kollegen: Der Antrieb an der Vorderachse musste gewechselt werden – 28 Runden verlor das Trio, war in der Folge chancenlos. Zwei Stunden später kroch der in Führung liegende Toyota von Kamui Koba­yashi über die Strecke, dann ging nichts mehr. 45 Minuten danach: Nicolas Lapierre ­kollidiert mit dem LMP2-Auto des Schweizers Simon Trummer – das Aus.

Der Weg war frei für Porsche, das 2016 mit dem Schweizer Neel Jani Nutzniesser war. Doch auch der Seeländer erlebte sein Drama. Der 33-Jährige sah gestern um halb zwölf, wie Teamkollege André Lotterer als Leader seinen Wagen stehen lassen musste. Dafür, dass doch noch ein Auto der höchsten Kategorie gewann, sorgte der Deutsche Timo Bernhard. An seinem Porsche hatte wie bei Buemi der Antrieb an der Vorderachse gewechselt werden müssen – das kostete nur 19 und nicht 28 Runden, es war entscheidend.

Rot-weissen Jubel gab es trotzdem: Das Schweizer Team Rebellion fuhr erstmals bei seiner siebten Teilnahme als Dritter aufs Podest – es brauchte den Abstieg in die schwächere LMP2-Kategorie dafür. (rha)

Artikel zum Thema

Der Rennfahrer der Stunde

Sébastien Buemi fährt die Saison seines Lebens. Nun soll es auch beim Klassiker in Le Mans aufgehen – endlich. Mehr...

Die Tücken der Hitze und die Perspektiven der Schweizer

Entscheiden die hohen Temperaturen die 24 Stunden von Le Mans? Eine neue Regel legt diesen Schluss nahe. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Paid Post

Wandern Sie sich glücklich

Lassen Sie sich von der Stille unberührter Landschaften und der einmaligen Szenerie der Schweizer Alpen verzaubern. SBB RailAway bietet Wandergenuss mit bis zu 20% Rabatt!

Die Welt in Bildern

Waagrechtstart: An den Festlichkeiten des St. Juliantag in Malta, springt ein Wettkämpfer von einem rutschigen Pfahl und schnappt sich die Fahne über dem Wasser. (20.August 2017)
(Bild: Darrin Zammit Lupi ) Mehr...