Brasiliens berühmteste Ermittlerin untersucht Glencore und Trafigura

Nach dem Bankenplatz erreicht die Petrobras-Affäre auch die Schweizer Rohstoffbranche.

Entwirrt ein weltweites Korruptionsnetz: Erika Marena. Foto: Reuters

Entwirrt ein weltweites Korruptionsnetz: Erika Marena. Foto: Reuters

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Mit einem knappen Dekret kündigt das brasilianische Justizministerium eine Untersuchung an gegen drei Mittelsmänner eines Staatsbetriebes, die angeblich «ungebührliche Vorteile» erhalten hätten. Ermittlungen werden ebenfalls eingeleitet gegen zwei Firmen, die dafür womöglich bezahlt haben, heisst es weiter.

Genannt sind auf dem Dekret die niederländische Trafigura mit starker Präsenz in Genf – und Glencore, die grösste Firma der Schweiz. Im Fokus stünden die Aktivitäten der beiden Rohstoffriesen «zwischen 2004 und 2012».

Das Dokument des Justizministeriums aus Brasilien ist schon zwei Jahre alt. Ans Licht kommt es jetzt durch einen Bericht der beiden NGOs Public Eye und Global Witness, der am Freitag veröffentlicht wird. Das Dekret und ein ganzer Stapel weiterer Dokumente aus Brasilien legen gemäss den beiden Organisationen nahe, dass die Schweizer Rohstoffhändler in Korruptionsskandale in Brasilien verwickelt sind. Eine Schlussfolgerung, welche die betroffenen Unternehmen vehement abstreiten.

«Die Petrobras-Affäre zeigt, dass die Schweiz eine zentrale Rolle spielt in einem der grössten Korruptionsfälle der Geschichte.»Marc Guéniat, Public Eye.

Klar ist, dass einer der genannten Männer auf dem Dekret inzwischen verurteilt ist. Ob die Ermittler irgendwann auch eine der beiden Firmen vor Gericht ziehen, ist offen. Doch zwei Namen auf diesem Dokument sorgen in den Firmenzentralen in Amsterdam und Zug wohl für Unruhe:

Zum einen der Name Erika Marena, sie hat das Dokument von 2016 unterschrieben. Marena ist die wohl berühmteste Ermittlerin Brasiliens. Sie hat schon derart viele Täter wegen Korruption oder Geldwäsche hinter Gitter gebracht, dass sie bereits in der Netflix-Serie namens «O Mecanismo» verewigt wurde. In Brasilien ist sie eine Legende. Und Marena ist es, die beauftragt wurde, gegen die Rohstofffirmen zu ermitteln.

Der zweite Name auf dem Dokument ist die brasilianische Firma, deren Mitarbeiter angeblich geschmiert wurden: «Petrobras». Das staatliche Unternehmen steht für einen der grössten Korruptionsskandale der Welt. Petrobras-Angestellte haben von Brasilien aus ein gigantisches, weltweites Korruptionssystem aufgezogen, das Ermittlerin Marena seit 2014 systematisch aufdeckte. 1397 Gerichtsverfahren wurden bis heute geführt, 174 Personen sind im Gefängnis. Vor allem aber reichen die Tentakel der Korruption nachweislich bis in die Schweiz.

Schlechte Nachrichten für Glencore: Das Dokument der brasilianischen Ermittlungsbehörden.

Der Bundesanwalt hat in der Sache bereits 100 Strafverfahren eingeleitet und 1,1 Milliarden Dollar gesperrt, 43 Schweizer Banken sind betroffen. Bis jetzt blieb die Affäre bei uns auf den Finanzplatz beschränkt. Dank des Dokuments aus Brasilien ist jetzt klar, dass sich der Skandal auch auf den Schweizer Rohstoffsektor ausweiten könnte. «Die Petrobras-Affäre zeigt, dass die Schweiz eine zentrale Rolle spielt in einem der grössten Korruptionsfälle der Geschichte», sagt Marc Guéniat von Public Eye.

Trafigura äussert sich auf Anfrage nicht zu dem Verfahren. Glencore sagt, sie hätten keine Kenntnis von Ermittlungen gegen die Firma in Brasilien und seien noch nie von dort kontaktiert worden.

Glencore und seine problematischen Figuren

Deltan Dallagnol, der oberste Staatsanwalt im Fall Petrobras, sagte bezüglich der Trafigura-Glencore-Untersuchung zu Global Witness: «Das sind Ermittlungslinien, die wir immer noch entwickeln. Man kann sie mit der Reifung der Früchte eines Baumes vergleichen. Jede Frucht muss reif gepflückt werden.» Petrobras hat inzwischen bestätigt, dass die brasilianische Justiz ihre Verträge mit Trafigura und Glencore anforderte.

Unabhängig davon, ob es zu einer Anklage kommt oder nicht, machen die Unterlagen der NGOs aus Brasilien eines klar: Einmal mehr haben sich Trafigura und Glencore auf Geschäfte mit höchst problematischen Personen eingelassen.

Da ist zum Beispiel Mariano Ferraz, eine der drei Personen auf dem Dekret, gegen die Marena zusammen mit den Rohstofffirmen ermitteln soll. Das Verfahren gegen ihn ist inzwischen abgeschlossen: Ferraz wurde vergangenen März in erster Instanz zu einer Gefängnisstrafe von zehn Jahren und vier Monaten verurteilt, wegen Korruption und Geldwäsche.

Wie gelangt ein verurteilter Geldwäscher in den Verwaltungsrat einer der grössten Rohstofffirmen der Welt?

Seit 2015 ermittelt auch die Bundesanwaltschaft gegen ihn wegen Verdachts auf Bestechung fremder Amtsträger. Das Problem: Ferraz war Mitglied der Geschäftsleitung von Trafigura und galt dort als wichtiger Mittelsmann für Angola und Brasilien. Im Herbst 2016, kurze Zeit nach Eröffnung der Ermittlungen durch Marena, trat er von seiner Leitungsfunktion zurück.

Trafigura betont auf Anfrage, dass die Verurteilung von Ferraz nichts mit seiner Tätigkeit für Trafigura zu tun habe. Sie stehe in Zusammenhang mit seiner Arbeit für eine andere Firma, mit der Trafigura keine Geschäftstätigkeit habe. Doch die Frage ist: Wie gelangt jemand, der inzwischen zu langjähriger Gefängnisstrafe wegen Korruption und Geldwäsche verurteilt wurde, überhaupt bis in den Verwaltungsrat einer der grössten Rohstofffirmen der Welt? Was sagt das aus, über das Führungspersonal im Schweizer Rohstoffsektor? Auf die Frage, wie Trafigura damals Ferraz geprüft habe, bevor sie ihn in die Geschäftsleitung liessen, gab das Unternehmen keine Antwort.

Die Dokumente zeigen ferner, dass eine Tochterfirma von Glencore im Geschäft war mit der Firma von zwei Griechen, die ebenfalls tief in den Petrobras-Skandal verwickelt sind. Glencore hat die Verbindung bestätigt. Die Firma der Griechen sei ein Broker, der regelmässig von Petrobras genutzt wurde und mit zahlreichen Firmen Geschäfte machte. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.11.2018, 19:05 Uhr

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