Die Geschichte einer Geldrevolution

Ihre organisatorischen und finanziellen Wurzeln hat die Vollgeldinitiative in der Schweiz. Das gilt aber nicht für die ursprüngliche Idee. Das Konzept hat bereits eine längere Geschichte.

Stösst weltweit auf Interesse: Vollgeldbefürworter werben in Bern für ihre Initiative. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Stösst weltweit auf Interesse: Vollgeldbefürworter werben in Bern für ihre Initiative. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Nur auf den ersten Blick gibt es zwischen beiden Anliegen keine Parallelen: die vom Volk am 5. Juni 2015 verworfene Initiative zur Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens und die nun anstehende Vollgeldinitiative. Doch es gibt Gemeinsamkeiten: Beide Vorhaben stossen auf grosses Interesse aus dem Ausland. Und sie bedeuten für ihre Anhänger mehr, als die technischen Details und komplizierten Umsetzungspläne vermuten lassen.

Letztlich versprechen sich ihre Anhänger auch gesellschaftliche Umwälzungen in Bereichen, die mit den Vorlagen im Kern wenig gemein haben. Eine gerechtere Welt etwa, mehr ökonomische Stabilität oder eine nachhaltigere Entwicklung. Das zeigt sich an den Veranstaltungen auch zur Vollgeldinitiative immer wieder. Deshalb passen ihre Anhänger nicht ins klassische Links-rechts-Schema. Sie können grundsätzlich jeder Ideologie entspringen.

Weltweit Anhänger der Geldreform

Über die Einführung von Vollgeld stimmen die Schweizer am 10. Juni ab. Auf den kürzesten Nenner gebracht, will die Initiative, dass alles Geld – auch das Buchgeld – nur noch von der Nationalbank und nicht mehr wie jetzt durch die Banken über die Kreditvergabe geschöpft werden darf. Weltweit gibt es Anhänger der vorgeschlagenen Geldreform, sie verfolgen die hiesige Debatte mit grossem Interesse und hoffen auf einen Erfolg der Initiative. Hierzulande herrscht dagegen die Sorge, dass die Schweiz wegen ihrer direktdemokratischen Möglichkeiten für Experimente an den wirtschaftlichen Grundstrukturen missbraucht wird.

Dennoch gibt es keine Hinweise dafür, dass die Vollgeldinitiative aus dem Ausland gesteuert oder finanziert wird. Laut dem Informationsbeauftragten der Initiative, Raffael Wüthrich, flossen den Initianten seit 2015 nur 8000 Franken Spendengelder aus dem Ausland zu: «Das ist nichts angesichts der Kosten von ein paar Hunderttausend Franken für die Kampagne», sagt Wüthrich und erklärt, die Initiativgegner würden noch viel mehr Geld aufwenden.

Vater der Idee ist ein Deutscher

Auch die organisatorischen Ursprünge der Vorlage liegen in der Schweiz. Hinter der Initiative steht der Verein Momo – abgekürzt für Monetäre Modernisierung. Präsidiert wird er von Hansruedi Weber, einem pensionierten Volksschullehrer. Offiziell gegründet wurde der Verein 2011. Laut dem Ökonomen Gian Trepp, der an die Auseinandersetzungen zum Geldsystem nach der welt­weiten Finanzkrise von 2008 erinnert, versammelten sich im Verein Anhänger bereits früherer Reformvorschläge, wie etwa jene des 1930 verstorbenen Deutschen Silvio Gesell, der auch in der Schweiz gelebt hat und eine Reihe von Gesellschaftsreformen anstrebte. Gesell wollte ebenfalls den Einfluss der Banken bei der Geldschöpfung unterbinden – aber noch mehr. Weil er den Entzug des Geldes aus dem Geldkreislauf durch das Horten als grösste Gefahr für die Wirtschaftsentwicklung sah, sollte Geld so beschaffen sein, dass es andauernd an Wert verliert, dann würde es niemand mehr horten wollen. Geld im Sinne von Gesell wurde dann als «Schwundgeld» bezeichnet.

Doch es war nicht Silvio Gesell, sondern der deutsche Soziologieprofessor Joseph Huber, der den Momo-Präsidenten Hansruedi Weber und seine Mitstreiter auf die Idee zur Initiative gebracht hat, wie er in einem Interview mit der NZZ einst erklärt hat. Huber ist der Erfinder der Vollgeldidee, wie sie mit der Initiative umgesetzt werden soll. In einem von ihm zusammen mit dem Briten James Robertson erstmals im Jahr 2000 publizierten Buch («Geldschöpfung in öffentlicher Hand») bezeichnen beide unter anderem die Schweiz als geeignet dafür, das Konzept des Vollgeldes umzusetzen. Das hat Momo-Präsident Weber und seine Mitstreiter inspiriert.

Chicago-Plan als wichtigster Vorläufer

Ein wichtiger Vorläufer der Vollgeldidee ist der sogenannte Chicago-Plan. Dahinter steckt ein Vorstoss von Ökonomen der Universität Chicago aus der Zeit der grossen Wirtschaftskrise um 1930. Ihre Absicht: Die Banken müssen alle Sichteinlagen ihrer Kunden zu 100 Prozent mit Reserven bei der Notenbank hinterlegen. Wie beim Vollgeld wären sie dann in der Schaffung von Buchgeld durch Kredite deutlich eingeschränkt. Unterstützt wurde dieser Plan vom damals führenden Ökonomen der USA, Irving Fisher. Doch der Plan wurde nie umgesetzt. Immerhin verliehen ihm zwei Ökonomen des Internationalen Währungsfonds im Jahr 2012 eine höhere Weihe. In einer Studie zeigten sie auf, dass eine Umsetzung des Chicago-Plans zu einer besseren Kontrolle der Konjunkturentwicklung und der Kreditvergabe der Banken führen würde und dass weniger Bankenzusammenbrüche die erwartbaren Folgen wären.

Die Vollgeldidee geht aber deutlich weiter, weil sie die Geldschöpfung durch Banken über Kredite gleich ganz verunmöglicht. Wie Joseph Huber im Gespräch sagt, hätten ihn weder der Chicago-Plan noch die Ideen von Silvio Gesell inspiriert. Als er sein Vollgeldkonzept während der 90er-Jahre entwickelte, habe er von beiden noch relativ wenig gewusst. Gesell mit seiner «Schwundgeld»-Idee sei «definitiv kein Vorbild», erklärt er. Als Vorläufer seiner Ideen sieht er eher die sogenannte britische Currency School. Ihre Anhänger wollten im Grossbritannien des 19. Jahrhunderts auch schon die Geldschöpfungsmöglichkeit der Banken einschränken.

Ein internationales Netzwerk

Hubers Vollgeldidee hat seit der Finanzkrise weltweit grossen Zulauf. Wie bei den Unterstützern eines bedingungslosen Grundeinkommens gibt es in vielen Ländern Organisationen, die sich der Förderung der Idee verschreiben. 2013 wurde als Dachorganisation das International Movement for Monetary Reform gegründet, dessen Mitglied auch die Schweizer Momo ist. Die nationalen Länderorganisationen stützen sich auf einen Beirat ab, in dem sich meist auch Joseph Huber befindet. Wie Huber aber betont, sind diese Organisationen selbstständig und in keiner Weise hierarchisch zentral geführt. Über einen Austausch an Konferenzen gehe hier nichts.

«Innerhalb der einzelnen Mitgliedervereinigungen gibt es in den Details zur konkreten Umsetzung der Geldreformen auch Differenzen», sagt Mathias Binswanger, der sich mit der Vollgeldidee bereits vertieft auseinandergesetzt hat. Das ist eine weitere Parallele zu den Anhängern eines bedingungslosen Grundeinkommens.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2018, 22:22 Uhr

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Joseph Huber

Soziologieprofessor, Erfinder der Vollgeldidee

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