Diese App findet das billigste Bahnbillett

SBB, BLS und Post testen «Lezzgo Plus». Funktionierts? Oft – und man kann schwarzfahren.

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Mit der neuen Handyapplikation Lezzgo Plus ist der Kauf eines ÖV-Billetts ein Kinderspiel. Egal, ob man den Bus, das Tram oder den Zug besteigt: Meist innert weniger Sekunden erhält man die Fahrtberechtigung. Am Ende des Tages rechnet die App automatisch den günstigsten Tarif ab und belastet ihn der vom Nutzer hinterlegten Kreditkarte.

Die SBB, BLS und Postauto haben sie im Juli gemeinsam lanciert. Die Entwicklung obliegt der BLS. Bis November dürften erste Ergebnisse vorliegen, im Dezember soll entschieden werden, ob alle 248 Schweizer ÖV-Transportunternehmen die neue Art von Billettverkauf zulassen. Längerfristig, so die Idee, sollen Billettautomaten durch eine oder mehrere Billett-Apps ersetzt werden.

Jüngere Nutzer, denen Tagesanzeiger.ch/Newsnet die Testversion zeigte, reagierten positiv. «Es ist wirklich einfach zu verstehen», so der Tenor. Ältere Nutzer bemängelten, dass die vorzuweisende Fahrberechtigung bei einer Kontrolle nicht leicht zu finden sei.

Mit der App Lezzgo soll die Nutzung von Bahn, Bus und Tram schweizweit einfacher werden. Foto: Franziska Rothenbühler

Ein Billett löst man, indem man auf der Billett-App einen Knopf von links nach rechts zieht, und schon erscheint der Knopf für ein gültiges Ticket. Dabei spielt es keine Rolle, ob man in Chur, Zürich, Bern oder Genf steht: Die App findet den besten Tarif, so das Versprechen. Der ÖV-Nutzer ist die Sorge los, ob er ein Zonen- oder Fernbillett lösen muss.

Unausgereifte Elemente

Der Test von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt, dass verschiedene Funktionen noch nicht ausgereift sind.

Schwarzfahren: Mit der App kann man nach erfolgter Kontrolle vorzeitig auschecken. Damit simuliert man das Fahrtende. Beispiel: Auf der Fahrt von Genf nach Zürich erfolgte die Billettkontrolle bei Lausanne. Der Tester checkte danach aus und konnte bis Zürich gratis fahren. Die Entwicklerin sagt dazu: «Das Ausschalten der App nach erfolgter Kontrolle während der Fahrt ist eine neue Herausforderung mit dieser Billett-App. Wir sind daran, sie zu lösen. Eine Möglichkeit könnte sein, mit Ortungsdaten den Missbrauch festzustellen und den Kunden bei wiederholtem Verstoss von der App auszuschliessen.»

24-Stunden-Billett nicht erkannt: Im Zürcher Verkehrsverbund (ZVV), bei Engadin Mobil und bei der Thuner STI sind Tageskarten während 24 Stunden gültig. In Zürich wurde – mit mehreren Fahrtunterbrechungen – die Strecke Zürich–Wiesendangen getestet. Die App verrechnete 17.40 Franken. Korrekt wären 15 Franken für eine 7-Zonen-Tageskarte gewesen.

Im Bus 1. Klasse bezahlt: In Bus und Tram gibt es keine 1. Klasse. Wer ein 1.-Klasse-Billett hat, zahlt heute zu viel. Die App könnte erkennen, dass ein Passagier Bus oder Tram fährt, und ihm automatisch ein 2.-Klasse-Billett verrechnen. Das ist nicht der Fall. Die App verrechnete im konkreten Fall (Kurzstrecke Stadt Bern) 4.80 statt 2 Franken.

Schwierigkeiten beim Orten: Die App hatte öfters Schwierigkeiten, den Ein- oder Auscheckstandort richtig zu orten. Einmal erkannte sie eine Station, die einen Kilometer entfernt lag. In einem Fall wurde ein zu teures Billett verrechnet. Manchmal verstrichen 10 bis 20 Sekunden, bis der Ein- oder Auscheckvorgang beendet war.

Keine Verknüpfung mit Halbtax: Bei Kontrollen musste der Tester die App zusammen mit dem Halbtaxabo vorweisen. Elektronisch könnte das Abo verknüpft werden, ist es aber nicht.

Nicht erfolgte Abrechnung: Die App verspricht, dass die Fahrten am Folgetag der Kreditkarte belastet und per Mail abgerechnet werden. Die Abrechnung erfolgte zum Teil erst Tage danach, in einem Fall gar einen Monat später.

Unklare Detailabrechnung: Bei der Fahrt in Verkehrsverbunden zeigt die Abrechnung nicht, an welcher Haltestelle der Tester ein- und ausstieg. Damit konnte er nicht kontrollieren, ob das billigste Billett verrechnet wurde.

Die BLS hat auf diese Probleme rasch reagiert, so etwa beim Schwarzfahren. Ein zweiter Missbrauchsversuch wurde automatisch entdeckt. In der App-Anzeige erschien: «Diese Reise wurde vom Supportteam korrigiert», dem Tester wurde die volle Fahrt korrekt verrechnet.

Video: Das bietet der neue SBB-Fernzug den Passagieren

Im Dezember soll der Twindexx auf die Schienen gehen.

Zum nicht erkannten ZVV-24-Stunden-Billett sagt sie, die «Anpassungen werden umgesetzt». Das Gleiche gelte für das verrechnete 1.-Klasse-Billett in Bus und Tram. Die App sollte Fahrzeuge ohne 1. Klasse automatisch erkennen: «Dieses Kundenmehrwerts sind wir uns bewusst. Wir haben ihn in die Liste der weiteren Entwicklung aufgenommen.» Die Ortungsprobleme sind laut BLS erkannt. «Wir werden die App robuster auf Fehleranfälligkeiten machen.»

Anpassungen sind geplant

Zur verspäteten Abrechnung präzisierte die BLS, dies liege nicht an der App, sondern an der neuen Billettdatenbank Nova, die noch nicht richtig funktioniere. Bis Dezember sollte das bereinigt sein. Auch die Verknüpfung von Halbtaxabo und App solle erfolgen. Offen lässt sie, ob die Abrechnung auch Ein- und Aussteigeorte aufführt. «Sollte dies einem Kundenbedürfnis entsprechen, werden wir das ändern.»

Trotz dieser Mängel haben sich viele Funktionen bewährt. Wer im Verkehrsverbund Libero fleissig fährt, erhält immer nur den Tageszonentarif verrechnet. Dies gilt auch schweizweit. Maximal wird nur der Preis einer Tageskarte verrechnet. Die App erkennt, wenn man zu Fuss unterwegs ist und vergessen hat, die App auszuschalten. Die Laufstrecke wurde nicht verrechnet.

Die Tests zeigen auch, dass der Stromverbrauch der App im Vergleich zu früher nicht so dramatisch ist. Auf der zweistündigen Fahrt von Bern nach Genf wurden 20 Prozent des Handyakkus konsumiert. Die Fahrt Genf–Zürich–Bellinzona–Bern verbrauchte 80 Prozent des Akkus. Ein Experte, der vor drei Monaten auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet die App wegen eingeschalteter GPS-Ortung als «Akkumörder» bezeichnete, sagt jetzt: «Ein solcher Verbrauch ist angemessen.» Die BLS ergänzt, mit der technischen Entwicklung werde das Thema «in den Hintergrund treten».

Ungelöster Datenschutz

Offen bleibt, wie Kunden auf den Verlust der Privatsphäre reagieren. Die App zeichnet die Fahrten laufend auf. Die BLS kann auf diese Daten zugreifen, sie sieht, wer wo war. Die befragten Jungen zeigten sich geteilt in der Einschätzung: «Sich immer tracken lassen, finde ich doof. Aber die App zu nutzen, ist verlockend», so der Tenor. Einige ältere Testpersonen befanden, die ständige Ortung sei nicht akzeptabel.

Die Projektverantwortlichen von SBB, BLS und Post versichern, die Daten würden nur zu Beweiszwecken während einer «kurzen Frist» aufbewahrt, bis der Nutzer die Fahrt per Abrechnung akzeptiert habe. Der eidgenössische Datenschützer sagte, dass Kunden in Zukunft immer eine Billettalternative gewährt werden müsse, die keine Ortung zulässt.

Die Vereinigung Pro Bahn sieht der App mit Skepsis entgegen. Ein «Grossteil» der Kunden sei von dieser Innovation ausgeschlossen. Dazu gehörten ÖV-Kunden, «die über kein oder über ein veraltetes Handy» verfügten. Die App setze voraus, dass man immer über ein Handy der neuen Generation verfügen müsse. «Ziel müsste es sein, Lösungen bereitzustellen, die unabhängig davon funktionieren», sagt Präsidentin Karin Blättler. Die App stecke aus Sicht von Pro Bahn «noch in den Kinderschuhen» und sei weit entfernt von einer guten Lösung. So fehle die Abrechnungsmöglichkeit pro Woche. Und das heutige Tarifwirrwarr im ÖV sei nicht beseitigt. «Der Kunde weiss nicht im Voraus, mit welchem billigsten Tarif er rechnen muss.» Der eine oder andere Fahrgast werde am Schluss der Fahrt oder des Tages mit der App überrascht sein, wie viel seine Reise gekostet habe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2017, 06:49 Uhr

App-Konkurrenz

Fairtiq schneller und klüger

Die Konkurrenz zu Lezzgo Plus heisst Fairtiq und funktioniert nur in gewissen Verkehrsverbunden, darunter in Bern und Graubünden, aber nicht in Zürich. Sie wurde vom früheren SBB-Kadermitarbeiter Gian Schucan lanciert. Die Unterschiede zu Lezzgo:

Fairtiq arbeitet schneller und verlässlicher beim Ein- und Ausschecken.

Fairtiq erkennt automatisch, wenn man mit einem 1.-Klasse-Billett im Bus oder Tram sitzt, wo ein 2.-Klasse-Billett genügt. Es wird der 2.-Klasse-Tarif verrechnet.

Fairtiq warnt schneller, wenn man vergessen hat, die App nach beendeter Fahrt auszuschalten.

Fairtiq informiert den Nutzer genauer und übersichtlicher über vergangene Fahrten und den günstigsten Tarif.

Fairtiq hat keinen leichten Stand. Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) gab vor kurzem der BLS mit Lezzgo den Zuschlag. Dennoch gibt sich Schucan optimistisch. Unterstützung erhält er von der Rhätischen Bahn. Sie hilft Schucan, sich gesamtschweizerisch zu etablieren. Man sei daran, sich zu zertifizieren, um bald mit nationalen Tests und Verkäufen starten zu können. BLS und Fairtiq hoffen, dass sie 2018 von den SBB den Zuschlag erhalten werden, ihre Billett-App in der SBB-Mobile-App zu integrieren. (val)

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