Neuer Chef baut bei Novartis die Konzernführung um

Digitalchef und Ethikbeauftragte ziehen in Geschäftsleitung ein. Schweiz-Chef André Wyss geht.

Novartis-Chef Vasant Narasimhan will den Ruf der Branche verbessern: Sicht auf den Novartis-Campus in Basel. Foto: Urs Jaudas

Novartis-Chef Vasant Narasimhan will den Ruf der Branche verbessern: Sicht auf den Novartis-Campus in Basel. Foto: Urs Jaudas

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Eins muss man dem neuen Novartis-Chef Vasant Narasimhan lassen: Der Mann fackelt nicht lange. Seit 1. Februar ist der 41-Jährige im Amt. Jetzt präsentiert er bereits seine zweite wichtige Personalentscheidung.

Die Geschäftsleitung wird von elf auf dreizehn Mitglieder erweitert. Neu einziehen werden dort Bertrand Bodson, der Chief Digital Officer, Steffen Lang, der die Produktion bei Novartis leitet, sowie Ethikchefin Shannon Klinger.

Im Zuge dieses Umbaus kommunizierte Novartis auch einen prominenten Abgang: Schweiz-Chef und Novartis-Urgestein André Wyss verlässt das Unternehmen auf eigenen Wunsch, wie er betont. «Ich möchte noch einmal etwas ganz anderes machen», sagte der 50-Jährige gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Wyss hatte mit 16 als Lehrling angefangen und sich bis in die Geschäftsleitung emporgearbeitet.

Er begründet seinen Abgang auch damit, dass seine weiteren Karrierechancen bei Novartis begrenzt seien. «Daher habe ich vor zwei Jahren damit begonnen, über meine Optionen nachzudenken», so Wyss. Was er demnächst machen wolle, dazu könne er noch nichts sagen, aber ein CEO-Job würde ihn reizen, gibt er zu.

Der Fall Griechenland

Bei Finanzanalysten und Beobachtern ist zum Teil aber auch eine andere Lesart seines Abgangs zu hören. Denn im Laufe seiner Karriere war Wyss in verantwortlicher Position in Länderorganisationen, die später mit Rechtsfällen von sich reden machten. So war Wyss von September 2004 bis Dezember 2007 Präsident und Geschäftsführer von Novartis in Griechenland.

Laut Medienberichten soll Novartis 2006 in Griechenland dem damaligen Gesundheitsminister Dimitris Avramopoulos Bestechungsgelder im Gegenzug für Aufträge bezahlt haben. Bewiesen ist das nicht, die Affäre beschäftigt die Justiz, zudem hat das griechische Parlament einen Untersuchungsausschuss dazu eingesetzt. «Da gibt es absolut keinen Zusammenhang», sagt Wyss auf die Frage, ob sein Abgang etwas mit diesen Ermittlungen zu tun hat. Novartis hatte angekündigt, den Vorwürfen mit einer eigenen Untersuchung auf den Grund gehen zu wollen.

Wyss tritt am 1. April von seinen Ämtern als Länderchef Schweiz und globaler Operationschef zurück. Nach Konzernangaben bleibt er aber noch bis März nächsten Jahres Angestellter. 2017 verdiente er inklusive Boni laut Geschäftsbericht 4,3 Millionen Franken.

Wyss’ Verantwortungsbereich wird nach seinem Rücktritt aufgeteilt. Steffen Lang, der bisher an Wyss rapportierte, bleibt Leiter für alle 60 weltweiten Produktionsanlagen, wird aber künftig in dieser Funktion direkt Konzernchef ­Narasimhan unterstellt. Daher zieht der Deutsche neu in die Geschäftsleitung ein. Neuer Länderpräsident der Schweiz wird Matthias Leuenberger, der bisher als Delegierter Novartis Schweiz das Tagesgeschäft verantwortete.

Ein Nachfolger mit bemerkenswertem Lebenslauf

Mit der Neubesetzung der Geschäftsleitung setzt Konzernchef Narasimhan seine angekündigten Prioritäten um. So hat er sich zum Ziel gesetzt, den angeschlagenen Ruf der Pharmaindustrie zu verbessern. Vor diesem Hintergrund ist die Beförderung der Ethikchefin Shannon Klinger ein logischer Schritt. Noch aber scheint das Kapitel der Vergangenheitsbewältigung bei Novartis nicht abgeschlossen zu sein, wie die Vorgänge in Griechenland zeigen.

Für die Zukunft setzt Narasimhan auf den verstärkten Einsatz von Digitaltechnologien, um zum Beispiel die horrenden Kosten in der Pharmaforschung durch bessere Datenanalysen zu dämpfen. Vor diesem Hintergrund ist die Beförderung des frisch angeheuerten Digitalchefs Bertrand Bodson zu sehen. Der Belgier hat seinen Job erst zu Jahres­anfang angetreten und ist kaum drei ­Monate später in die Geschäftsführung von Novartis katapultiert worden.

So ungewöhnlich sein Aufstieg, so bemerkenswert ist auch sein Lebenlauf. Als Unternehmensberater gestartet, gründete er 2006 die Social-Media-Plattform Bragster.com mit, auf der sich Nutzer mit verrückten Stunts zu übertreffen versuchten. 2010 wurde Bragster von Guinness World Records gekauft.

Anschliessend heuerte Bodson beim Plattenlabel EMI Music an, um dort das Digitalgeschäft auf Vordermann zu bringen. Von 2013 an half er als Digitalchef des Detailhändlers Sainsbury’s mit, das Traditionshaus zu einem Onlinehändler umzubauen. Das im Digitalgeschäft gern gelebte Prinzip «try and error» wird der 42-Jährige im regulierten Pharmageschäft nicht anwenden können. Die Erwartungen an ihn sind dennoch hoch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2018, 20:18 Uhr

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