Dieser Genfer legt sich mit Facebook an

Mathematiker Paul-Olivier Dehaye löste den Cambridge-Analytica-Skandal aus – und bekam die Macht der Datenfirmen zu spüren.

In Jeans und Bequemschuhen gegen Unternehmen, die Milliardengewinne machen: Paul-Olivier Dehaye. Foto: Olivier Vogelsang

In Jeans und Bequemschuhen gegen Unternehmen, die Milliardengewinne machen: Paul-Olivier Dehaye. Foto: Olivier Vogelsang

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Im Impact-Hub in Genf riecht es nach Thai-Curry. «Das Mittagessen wäre jetzt serviert, wenn ihr essen wollt», sagt ein Mitarbeiter. Paul-Olivier Dehaye hebt kaum den Kopf. Er erklärt gerade, wie im digitalen Raum aus Bürgern Produkte gemacht, wie diese im grossen Stil gehandelt werden und wie sie dadurch angreifbar werden. Vergangene Woche hat er im englischen Parlament in der Sache Cambridge Analytica ausgesagt, in einer Stunde kommt ein Fernsehteam von France 2, mit dem «Economist» hat er bereits gesprochen.

Seit Facebook im Datenskandal um Cambridge Analytica Fehler eingeräumt hat, ist er ein gefragter Experte. «Sie lügen», sagt der 37-Jährige und lächelt. Alle lügen: Facebook, Tinder, Uber. Dehaye weiss es, denn er ist gegen alle angetreten. Für die Firmen geht es um sehr viel Geld. Für die Nutzer der Plattformen um ihr Recht. Und es geht um die Zukunft der Wirtschaft, Gesellschaft, Demokratie. Auch wenn bislang nur eine Elite von Nerds versteht, warum.

Niemand wollte hinschauen

Jeans, Bequemschuhe, sauber geschnittene Fingernägel und freundliche Knopfaugen – einen Guerillakämpfer gegen die organisierte Datenraubritterei stellt man sich anders vor. 2012 trat der Stanford-Student eine Assistenzprofessur für Mathematik an der Universität Zürich an. Es ist das Jahr, als Facebook die 1-Milliarde-Nutzer-Grenze knackt, die digitale Euphorie ist grenzenlos. An den Universitäten entdeckt man gerade die Möglichkeit weltweiter Onlinekurse. Damit sollen Professoren nicht nur Studenten vor Ort, sondern weltweit vor ihren Bildschirmen unterrichten. Für die Unis ist das eine exzellente Vermarktungsmöglichkeit. Bequemerweise gibt es bereits Anbieter für die Infrastruktur, um Kurse samt Videos, Chatrooms und Hausaufgaben online zu stellen.

Eine dieser Firmen heisst Coursera, beheimatet in Kalifornien, 2008 mit 22 Millionen Dollar Risikokapital gegründet. 2013 zählt sie 83 Partner-Universitäten mit insgesamt 4,1 Millionen Studierenden. Das Beste daran: Alles ist gratis. Aber natürlich nicht umsonst.

Der Handel mit Daten hat Dehaye immer schon fasziniert. Als Professor kann er nun hinter den Kulissen beobachten, wie Lehrende und Lernende über die Plattform zusammenarbeiten. Aber bald weicht die Faszination unbequemen Fragen: Was passiert mit den persönlichen Daten der Studenten und Professoren? Was bedeutet es für künftige Generationen, wenn alle Daten über die globale Intelligenzija in die USA fliessen? Was ist das Geschäftsmodell von Coursera? Er wendet sich an die Uni Zürich, redet mit Professoren und Juristen, aber man will sich die Euphorie über die globalisierte Lehre nicht verderben lassen. «Es war zwecklos», sagt Dehaye. «Niemand verstand, warum das wichtig sein soll.» Die Uni handelte nach dem Motto der meisten Facebook-Benutzer: Je weniger wir wissen, desto besser. Wer keine Fragen stellt, muss sich auch nicht mit den Antworten auseinandersetzen.

Aus Zürich vertrieben

Dehaye fragte bei Coursera nach dem Verbleib der Daten, Antwort bekam er keine. Also griff der so freundlich wirkende Mathematiker zu einer weniger freundlichen Taktik: Über Coursera bot er einen Kurs an zum Geschäftsmodell solcher Bildungsvermittler-Plattformen. Zuvor war er ignoriert worden, aber sein trojanisches Pferd erfüllte den Zweck. Doch er musste bald lernen, mit welch machtvoller Organisation er sich angelegt hatte. Coursera beschwerte sich bei der Uni Zürich, diese leitete eine Untersuchung gegen ihn ein. Zugleich manipulierte Coursera Dehayes Professoren-Account, sodass er nicht mehr mit den Studenten kommunizieren konnte – ohne dass man ihn darüber informiert hätte. Die Universität Zürich sagt auf Anfrage: «Wir empfehlen Lernenden, sich vor der Registrierung und Kursanmeldung über die Nutzungsbedingungen von Coursera zu informieren.»

Dehaye galt bald als Querulant und Störenfried. Gerade zum zweiten Mal Vater geworden, erlitt er ein Burn-out und verliess Zürich Richtung Genf. «Ich habe Fehler gemacht», sagt er heute, «der grösste war, alleine vorzugehen. Ohne Verbündete kann man einen solchen Konflikt nicht gewinnen.»

Dass der Kampf um die Daten tief greifende politische Dimensionen hat, begann er zu ahnen, als er im Dezember 2015 im «Guardian» über einen Artikel stolperte, in dem es um die Geschäftspraktiken einer auf psychometrisches Profiling spezialisierten Firma ging: Cambridge Analytica, damals noch im Dienste des US-Republikaners Ted Cruz.

An der Universität Zürich galt er bald als Querulant und Störenfried.

Durch sein Coursera-Abenteuer bewandert, erkannte Dehaye schnell die rechtliche Problematik: Eine britische Firma, die sensible Daten von Millionen Amerikanern auswertet, ohne deren Wissen und Einverständnis, bewegt sich in einem rechtlichen Graubereich; insbesondere, wenn es um Politik, Macht und Manipulation geht. Dehaye forschte nach, arbeitete sich tiefer in die Materie hinein, setzte sich mit Journalisten in Verbindung – unter anderem auch mit dem «Magazin» des «Tages-Anzeigers». Im Dezember 2016 erschien dort ein Artikel zu Cambridge Analytica. Er wurde zum meistgeteilten deutschsprachigen Artikel des Jahres.


Video – Facebook-Chef gerät ins Schlingern

Mark Zuckerberg musste sich vor dem US-Kongress unbequemen Fragen zum Cambridge-Analytica-Skandal stellen. (Video: Tamedia, AP)


Erstmals schien die Öffentlichkeit die Tragweite des Datenmissbrauchs im grossen Stil zu begreifen. Dass es um mehr geht als bloss um die Angst, unvorteilhafte Facebook-Fotos könnten in falsche Hände geraten.

Der Artikel sorgte für Ärger. Cambridge Analytica drohte mit Klagen; Kollegen verhöhnten die Autoren, sie hätten die Eigenwerbung von Cambridge Analytica geschluckt, wonach ihre Methode der Psychografie, also personalisierte Wahlwerbung, Donald Trump zum Präsidenten gemacht habe. Bis heute spottet man über die Vorstellung, Wähler liessen sich über Facebook-Anzeigen in hirnlose Zombies verwandeln. Dabei ist das gar nicht der Punkt.

Die Facebook-Algorithmen erledigen den Rest

«Die Frage ist nicht, wie der Einzelne beeinflusst werden kann. Die Frage ist, welchen Einfluss solche Manipulationen auf das ganze Netzwerk und auf den Informationsfluss im Netzwerk haben», sagt Dehaye. Eine Person dazu zu bringen, den bevorzugten Kandidaten zu wechseln, ist sehr schwierig. Aber will man Leute finden, die bereit sind, (Falsch-)Informationen im Netzwerk zu teilen, sind psychometrische Daten sehr nützlich. Und erreicht die Menge solcher geteilter (Falsch-)Informationen ein kritisches Level, erledigen die Facebook-Algorithmen den Rest.

Noch sind das Spekulationen. Aber inzwischen legen einige datenanalytische Studien nahe, dass solche Dynamiken den Ausgang der US-Präsidentschaftswahl tatsächlich beeinflusst haben. Und wenn die letzten Jahre etwas gezeigt haben, dann dies: Mit gezielten Desinformationen lassen sich auch Demokratien schnell destabilisieren. Das hofft zumindest Präsident Putin.

Er berät Aktivisten aus aller Welt

Dehaye sitzt gut gelaunt in einem der luftigen Büros des Impact-Hub Genf. «Where Ideas have Sex» ist auf einem Sticker in der Toilette des Altbaus gleich hinter dem Bahnhof zu lesen. Den Journalisten des Fernsehsenders France 2 demonstriert er gerade, welche Daten Uber über ihn gesammelt hat, Orte, Zeiten und Geschwindigkeit seiner Fahrten; sogar der Akkuladezustand seines Telefons wurde erfasst.

Am Beispiel Uber erklärt Dehaye, warum der Zugriff auf die eigenen Daten entscheidend sein kann. Uber behauptet, immer den räumlich nächsten Fahrer zum Kunden zu leiten und sonst keine Entscheidungen darüber zu treffen, welcher Uber-Fahrer welchen Auftrag bekommt. Die englischen Uber-Fahrer sind vom Gegenteil überzeugt: dass Ratings der Fahrer oder Ähnliches ebenfalls eine Rolle spielen. Würde dies zutreffen, wären die Fahrer abhängiger von Uber, also eher Angestellte als selbstständige Unternehmer. Das bedeutete, dass Uber seinen Fahrern gegenüber mehr Leistungen erbringen müsste. Daher weigert sich Uber, die Daten herauszurücken, mit denen die Fahrer ihre Position vor Gericht belegen könnten.

Der Gegner schläft nie

Die Familie ernährt Dehaye heute über den Job an einer Business-Schule und als Consultant. Aber sein eigentliches Thema ist nach wie vor der Kampf gegen die übermächtigen Datensammler. Heute unterstützt er ein ganzes Netzwerk von Aktivisten, zeigt diesen, wie sie vorgehen müssen, um ihre persönlichen Daten von Firmen wie Tinder oder Whatsapp zurückzubekommen. «Für den Ersten, der das versucht, ist der Prozess langwierig und mühselig. Aber dann kann man es automatisieren, und die Firmen müssen reagieren.»

Es ist Abend geworden. Die Arbeitsplätze im Impact-Hub Genf sind verlassen, nur Dehaye starrt immer noch ins blaue Licht des Bildschirms. Der Gegner schläft nie, aber Dehaye weiss: Guerillakriege lassen sich gewinnen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2018, 08:39 Uhr

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Datenschutz: Strengere Regeln in der EU

Am 25. Mai tritt die neue Datenschutz-Grundverordnung der EU in Kraft. Sie löst das alte Datenschutzgesetz von 1995 ab und wurde entworfen, um die Personendaten von EU-Bürgern besser zu schützen. Die Verordnung soll den gesetzlichen Rahmen schaffen, um das Gebaren von US-Datenfirmen wie Facebook, Amazon oder Google zu regulieren.

Die Verordnung betrifft alle Unternehmen, die Personendaten von EU-Bürgern bearbeiten, auch wenn sie ihren Sitz nicht in der EU haben, also etwa in der Schweiz. Die Erhebung und Bearbeitung solcher Daten muss eine gesetzliche Grundlage haben oder die Einwilligung der Betroffenen. Die Firmen müssen die Kunden über Zweck, Umfang und Dauer der Datenbearbeitung informieren sowie auf das Recht auf Löschung, Berichtigung, Widerspruch, Auskunft und Beschwerde hinweisen – das in verständlicher und leicht zugänglicher Form sowie in einer klaren und einfachen Sprache.

Bei einem Verstoss drohen drakonische Bussen; sie können bis zu 4 Prozent des Jahresumsatzes einer Firma oder bis zu 20 Millionen Euro betragen. (mcb)

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