Traut euch!

Facebook legt erstaunlich gute Zahlen vor. Und will nun auch eine Partner­vermittlung werden. Europa muss dem Giganten geeint gegenübertreten.

Flirten auf Facebook? Je nachdem, wie intensiv man Facebook nutzt, weiss das Unternehmen ohnehin sehr viel über seine Nutzer.

Flirten auf Facebook? Je nachdem, wie intensiv man Facebook nutzt, weiss das Unternehmen ohnehin sehr viel über seine Nutzer. Bild: Armin Weigel/Keystone

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War da was? Das soziale Netzwerk durchlebt die grösste Krise seiner Geschichte, und was passiert? Umsatz und Gewinn schnellen im Jahresvergleich regelrecht nach oben, der Umsatz um 49 Prozent, der Gewinn sogar um 64 Prozent. Und nicht nur das, auch die Zahl der Nutzer wächst trotz massenhaft verbreiteter Aufrufe, das Netzwerk zu verlassen, auf nunmehr 2,2 Milliarden. Ein paar Wochen Demut zeigen, an ein paar Datenschutz-Schrauben drehen, das reicht also wieder einmal für Facebook? Es hat ganz den Anschein, dass man in Menlo Park, dem Hauptsitz von Facebook, zu dieser Einschätzung gelangt ist.

Letzte Woche streute Chef Mark Zuckerberg zwar noch ein wenig Asche auf sein Haupt und kündigte eine neue, relativ weitreichende Option zum Datenschutz an. Doch er liess auch erkennen, dass er grosso modo so weitermachen will wie bisher. Also: mehr und mehr Menschen vernetzen und die gewonnenen Daten für möglichst individualisierte Werbung nutzen. Bestes Beispiel für diese Einstellung ist eine weitere Ankündigung. Der geplante neue Geschäftszweig berührt auch einen sehr privaten Bereich des Lebens: Es geht um Dating, Online-Partnervermittlung also.

Das muss nicht, kann aber eine grosse Sache werden und der Konkurrenz, zum Beispiel Tinder, gefährlich werden. Die Börse jedenfalls scheint Zuckerberg und Facebook einiges zuzutrauen. Die Facebook-Aktien legten nach dieser Ankündigung deutlich zu, während die der Konkurrenten abschmierten.

So machtlos, wie sie sich oft gibt, ist die Politik nicht.

Laut den bisher bekannt gewordenen Plänen sollen sich die Nutzer der Dating-Funktion ein eigenes Profil dafür anlegen, und Menschen, die bisher schon zu den «Freunden» im Sinne von Facebook zählen, sollen von der Software nicht als möglicher Partner vorgeschlagen werden. Man wird aber davon ausgehen dürfen, dass das Unternehmen selbst die beiden Konten und die anfallenden Daten sehr wohl verknüpft. Je nachdem, wie intensiv man Facebook nutzt, weiss das Unternehmen ohnehin sehr viel über seine Nutzer. Diesen fällt meist nur auf, dass sie von Werbung regelrecht verfolgt werden, weil sie irgendwo im Netz etwa nach einem bestimmten Produkt gesucht haben. Zuckerberg kündigt auch eine Funktion an, mit der Nutzer dies künftig verhindern können – wenn sie denn die Einstellung verwenden.

Erheblich subtiler, weil nicht unmittelbar sichtbar, sind die Informationen, die das Unternehmen gewinnt, indem es die Informationen aus den Milliarden an Profilen auswertet und nach Mustern durchsuchen lässt. Auf diese Weise kann man nicht bloss Entwicklungen der Vergangenheit nachvollziehen, sondern auch künftige Tendenzen mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagen. Darin steckt ein sehr grosses Macht- und ein ebenso grosses Missbrauchspotenzial.

Wie sich gezeigt hat, ist es nicht so einfach, dagegen vorzugehen. Da sind zum einen die Nutzer, von denen vielen zwar irgendwie mulmig wird, wenn sie daran denken, was Unternehmen wie Facebook alles über sie wissen. Dazu, wenigstens einmal die Datenschutzeinstellungen konsequent durchzugehen und so streng wie möglich zu justieren, reicht es bei vielen dann aber doch nicht. Hinzu kommt der soziale und immer öfter auch der wirtschaftliche Druck, dabei zu sein.

Nicht nachlassen

Auf der anderen Seite ist die Politik. Ihre Vertreter sparen nicht mit harschen Worten und weitreichenden Forderungen, wenn gerade ein Skandal zu beklagen ist. Klingt er wieder ab, hört man davon nur noch wenig. Natürlich, die Konzerne, um die es geht, sitzen vor allem in den USA, haben gewaltige Budgets für ihre Lobbyarbeit, und – ja, auch das – ihre Dienstleistungen funktionieren einfach verdammt gut.

Doch so machtlos, wie sie sich oft gibt, ist die Politik nicht. Es wird sehr spannend sein, zu beobachten, wie die Konzerne mit der europäischen Datenschutz-Grundverordnung umgehen werden, die am 25. Mai in Kraft tritt. Und, noch wichtiger: Wie immer, wenn es um das Verhältnis zu den USA geht, sollte Europa mit einer Stimme sprechen. Dann liesse sich mehr ausrichten, als mancher glaubt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2018, 18:36 Uhr

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