Der Spielplatz-Apostel

Marco Hüttenmoser kämpft dafür, dass sich Kinder draussen nach Herzenslust austoben können. Dazu fehle ihnen aber kindgerechter und sicherer Raum.

Kinder sollten täglich mindestens zwei Stunden frei spielen können. Foto: Getty Images/iStockphoto

Kinder sollten täglich mindestens zwei Stunden frei spielen können. Foto: Getty Images/iStockphoto

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Altersmilde kann man ihm wahrlich nicht nachsagen, dem Forscher und Kinderlobbyisten Marco Hüttenmoser. «Vor zehn Jahren wurde ich an Gemeindeversammlungen laut ausgegrölt, wenn ich Tempo 30 in Quartierstrassen forderte», erzählt der 76-Jährige mit rebellischem Schalk. Heute verfolgt er mit Genugtuung die Entwicklung zu immer mehr Tempoeinschränkungen. Doch sein Kampf geht weiter – in den Quartieren, in den Städten, auf dem Lande: Überall brauche es noch mehr sichere Verkehrswege und Spielplätze. Denn frei spielen und selber in die Schule gehen sind laut Hüttenmoser bei Kindern unverzichtbare Voraussetzungen für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung.

Ich treffe Marco Hüttenmoser in ­seinem Haus mitten in Muri im Kanton Aargau, unweit des mächtigen Klosterbezirkes. Hier betreibt er die Forschungs- und Dokumentationsstelle Kind und Umwelt. Sein wertvollster Schatz sind – neben unzähliger Literatur und Forschungsarbeiten – an­nähernd 10 000 Kinderzeichnungen, in denen Schweizer Kinder ihre Lebenswelt gezeichnet haben. Behände kramt Marco Hüttenmoser ein paar Blatt Papier hervor.

«Die Unterschiede in den Zeichnungen von Kindern, die zu Fuss zur Schule gehen, und solchen, die mit dem Auto gebracht werden, sind frappant», kommentiert Hüttenmoser zwei Beispiele. Auf der ersten Zeichnung sieht man ­Hecken, Blumenwiesen, bunte Häuser und spielende Kinder. Auf der zweiten einen langweiligen grauschwarzen Streifen, die Strasse, die von einer rechteckigen Grünfläche, dem Zuhause, zur anderen rechteckigen Grünfläche, der Schule, führt, dazwischen ein Kreisel, ausgemalt mit demselben Limettengrün wie die beiden Rasenflächen, die dem Kind zum Spielen reichen müssen.

Alle Aspekte des Kindseins sind erforscht, ausser der Loslösung

«Diese Zeichnungen haben mich tief ­beeindruckt und inspiriert», sagt ­Marco Hüttenmoser, der in Basel Kunst­geschichte, Psychologie und Soziologie studiert hatte. In ihnen kommt zum Ausdruck, woran es den Kindern seiner Meinung nach fehlt: Platz, Raum, ein Umfeld zur freien Entfaltung. In den letzten 100 Jahren, so Hüttenmoser, ­seien alle Aspekte des Kindseins erforscht worden, ihre körperliche Entwicklung, das psychische Wohlbefinden, auch die Mutter-Kind- und Vater-Kind-Beziehungen. Aber bei der wichtigsten Aufgabe in der Kindheitsentwicklung, nämlich der Loslösung von den Eltern und der Entwicklung zur Selbstständigkeit, bestehe eine grosse Lücke.

Seine Botschaft ist klar: Mindestens zwei Stunden pro Tag frei und unbegleitet spielen zu können, ist eine Grundvoraussetzung für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. Dazu braucht es einerseits Eltern, die ihre Kinder loslassen können. Was aber meistens unbeachtet bleibt, ist die Frage der kindgerechten Umwelt. «90 Prozent der Schweizer Kinder im Alter von 5 bis 7 Jahren kommen nur selten dazu, so frei zu spielen», weiss Hüttenmoser.

Er hat im Laufe seiner Forschungstätigkeit viele Spielplätze gesehen, hat Eltern dorthin begleitet und beobachtet, wie die Kinder spielen. «Dauernd wird interveniert. Die Kinder werden von Müttern zurechtgewiesen, von Grosseltern geleitet, von Nachbarn zur Ruhe angehalten.» Auch in den Kindergärten oder in den Horten klappt es nicht. Überall arbeiten Pädagoginnen und Pädagogen, Hortleiterinnen und Hortleiter, die alle den Ehrgeiz haben, dem Kind etwas beizubringen.

Marco Hüttenmoser kämpft seit 30 Jahren für sichere Spielplätze. Foto: Doris Fanconi

Hüttenmoser erinnert sich an seine eigene Kindheit. Er wuchs in der Nähe von Basel in einem kleinen Haus mit kleinem Garten auf. Seine Geschwister waren viel älter, Nachbarskinder hatte er keine, mit denen er spielen konnte. Daran habe er schon gelitten, noch heute falle es ihm nicht einfach, sich spontan mit anderen zu unterhalten. Aber was er extrem genoss, waren die vielen Nachmittage, an denen er stundenlang durch den Wald streifte, meist allein, manchmal mit Kollegen. Sie stauten Bäche, sie bauten Hütten, sie kletterten auf Bäume und gaben diesen sogar Namen.

Kinderzeichnungen zeigen die unverfälschte Wahrheit

Später studierte er in Basel und schrieb eine kunstgeschichtliche Doktorarbeit. Sein Idol war jedoch sein Psychologieprofessor Hans Kunz, für den die sinnliche Wahrnehmung die zentrale Leitplanke war. «Über diesen Punkt war er im ständigen Forscherstreit mit Kollegen», erklärt Hüttenmoser. «Vor allem die moderne Hirnforschung behauptete, dass unser Bild von der Welt sowieso eine Konstruktion des Gehirns sei. Daran glaubte ich nie.»

Kindermund tut Wahrheit kund, sagt der Volksmund. Das gelte ähnlich auch für Kinderzeichnungen – sie tun die Wahrnehmung kund. Sie zeugen unverfälscht von der Welt, wie sie die Kinder erleben – und die ist meistens alles andere als kindgerecht. In diesen Zeichnungen etwa hat Marco Hüttenmoser festgestellt, dass Kinder, die nicht draussen spielen können, viel «ärmere» Bilder malen. Zudem bewegen sich diese Kinder auch weniger, sind eher kurzsichtig, und es zeigt sich sogar an ihren Wünschen. Die Kinder, die nicht draussen spielen konnten, wünschen sich vor allem Spielsachen für zu Hause: noch mehr Legos, noch mehr Barbie-Puppen. Kinder aber, die allein draussen spielen, hatten eigentlich gar keine speziellen Wünsche – sie wollten einfach spielen.

«Während viele Eltern sich anderem zuwandten, als ihre Kinder gross wurden, bin ich immer drangeblieben.» 

Deshalb ist Marco Hüttenmoser zum Kinderlobbyist geworden, auch wenn seine Frau und er ohne Kinder geblieben sind. «Für meine Arbeit war das sogar ein Vorteil. Während viele Eltern sich anderem zuwandten, als ihre Kinder gross wurden, bin ich immer drangeblieben.» Seine Forschungsstelle hatte er aufgebaut, als er 1977 beim Marie-Meierhofer-Institut für das Kind in Zürich anheuerte. Dort bearbeitete er Themen wie Kind und Umwelt, Kind und Verkehr oder Geschichte der Kindheit. Parallel arbeitete er an grossen Nationalfondsprojekten mit, deren Ergebnisse international Beachtung fanden. So konnte er zeigen, dass der Autoverkehr nicht nur Leben und Gesundheit von Kindern gefährdet, sondern auch deren Entwicklung.

Mit seinem Netzwerk namens Kind und Verkehr, das er im Jahr 2006 gründete, um politisch Einfluss nehmen zu können, stellt er seine Forderungen an Bundesämter, sucht die Auseinandersetzung mit Kantons- und Gemeindebehörden. Bei der Projektierung von Wohnsiedlungen versucht er, schon in der Planungsphase auf eine kinder­gerechte Gestaltung der Spielplätze Einfluss zu nehmen. Sorgen bereitet ihm die Situation auf dem Lande, die gemäss seinen Erhebungen viel schlechter ist. Viele Kinder hätten zwar einen eigenen Garten, aber sie seien isoliert. Das nächste Kind wohnt weiter weg – oft nur über Quartierstrassen erreichbar, über welche kleine Kinder nicht alleine gehen können. «Und ein Kind, das allein im Garten spielen muss, ist nach fünf Minuten wieder drin.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.07.2018, 20:30 Uhr

Kindersoziologe Marco Hüttenmoser (76). Foto: Doris Fanconi

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