Die Welt ist besser als ihr Ruf

Fliegen ist gefährlich und der Planet geht vor lauter Zerstörung vor die Hunde: Wir malen uns die Gegenwart düsterer, als sie ist.

Das kommt gut: Berichte über Flugzeugunglücke verzerren die Wahrnehmung der Gefahren der Luftfahrt. Foto: Urs Jaudas

Das kommt gut: Berichte über Flugzeugunglücke verzerren die Wahrnehmung der Gefahren der Luftfahrt. Foto: Urs Jaudas

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Das entwürdigende Prozedere während des Security-Checks am Flughafen lässt Zweifel aufkeimen. Die Tasche fährt durch den Scanner, das Sicherheitspersonal tastet Passagiere ab und schnauzt Reisende an, die immer noch Flüssigkeiten im Handgepäck transportieren wollen. Das Flugzeug sei das sicherste Verkehrsmittel überhaupt, heisst es regelmässig, doch allein das Getue beim Check-in löst gegenteilige Assoziationen aus. Da kreisen die Gedanken automatisch um Attentate, um Sprengstoff, um Unglücke. Unwillkürlich melden sich Erinnerungen an Flugzeugabstürze, über die in den Medien berichtet wurde: Maschinen, die über dem Ozean verschwinden, von Raketen vom Himmel geholt werden oder durch Pilotenfehler zerschellen. Meine Güte, ist es wirklich eine gute Idee, in den Flieger zu steigen?

Es stimmt ja trotzdem: Ein Flug ist die sicherste Art zu reisen. Es fühlt sich nur nicht so an. Dass dies auch an der Aufmerksamkeit liegt, die jedem einzelnen Luftfahrtunglück gewidmet wird, legt eine Studie von Sozialwissenschaftlern um Toni van der Meer von der Universität Amsterdam nahe. Die Forscher werteten für ihre Studie im Fachjournal «Journalism Studies» die Berichterstattung über Flugzeugkatastrophen in niederländischen Tageszeitungen in den Jahren von 1991 bis 2015 aus.

Dabei stellten sie zwei Dinge fest: Zum einen stürzten während des Untersuchungszeitraums weltweit immer seltener Flugzeuge ab. Zum anderen wurde über die einzelnen Unglücke zunehmend ausführlich und auch emotionaler berichtet. Auf diese Weise, so die Forscher, entstehe ein verzerrtes Bild von den Gefahren der Luftfahrt. Dies lasse sich auch auf andere Bereiche des Lebens übertragen: Weil Medien vor allem über negative Vorgänge berichten, zeichne dies ein übertrieben düsteres Bild der Gegenwart.

In den Köpfen der Menschen steht daher stets die Apokalypse unmittelbar bevor. Das spiegelt auch eine Studie wider, die das Meinungsforschungsinstitut Yougov im Jahr 2015 veröffentlichte. Bei einer Befragung von über 18'000 Teilnehmern in neun Ländern ergab sich eine überaus pessimistische Vorstellung vom Zustand der Welt. Am optimistisch­s­ten waren die Schweden, doch selbst von ihnen sagten nur 10 Prozent, dass es in der Welt im Allgemeinen bergauf gehe. In Deutschland vertraten nur 4 Prozent der Befragten diese Auffassung, in Frankreich sogar nur 3 Prozent.

Die Kraft des Negativen

Ja und, mag man sich achselzuckend fragen, stimmt doch, wo geht es schon voran? Fast überall, müsste die Antwort lauten. Wer sich zum Beispiel durch die Website Ourworldindata.org klickt, die der Ökonom Max Roser von der University of Oxford betreibt, reibt sich bald die Augen: Immer weniger Menschen fristen ihr Dasein in extremer Armut, die Lebenserwartung weltweit steigt, die Kindersterblichkeit geht zurück, immer weniger Menschen müssen ihren Alltag als Analphabeten bestreiten – und das sind nur wenige von den vielen freudigen Botschaften, die es zu verkünden gäbe. Doch diese guten Nachrichten verhallen angesichts des Schreckens in den täglichen Nachrichten: Nordkorea, Syrien, Donald Trump, Klimawandel und gelegentlich auch Flugzeugabstürze.

Doch nur auf die Medien zu zeigen, greift hier zu kurz. Es ist schlicht so, dass die menschliche Psyche sehr viel stärker auf negative Informationen reagiert als auf positive. Medien geben ihrem Publikum das, was dieses erwartet. Mit anderen Worten und überspitzt formuliert: Gute Nachrichten interessieren weniger, auch wenn die meisten Menschen das Gegenteil behaupten.

Die Studien der Psychologie bestätigen das. So haben Forscher um Roy Baumeister und Kathleen Vohs bereits vor einigen Jahren in einer Übersichtsarbeit im Fachjournal «Review of General Psychology» die Kraft des Negativen dargestellt. «Abgesehen von wenigen Ausnahmen werden negative Informationen von Menschen intensiver verarbeitet und beeinflussen ein abschliessendes Urteil stärker als positive Nachrichten», schreiben die Psychologen.

Andere Wissenschaftler haben das in zahlreichen Einzelbefunden demonstriert. So grübeln Menschen in der Regel ausdauernder und intensiver über mögliche schlechte Auswirkungen künftiger Ereignisse. Statt darüber ­nachzudenken, was alles gut laufen könnte, durchdenken sie lieber potenzielle Katastrophen – etwa, wenn sie demnächst einen Vortrag vor Publikum halten sollen. Wenn auf Fotos negative Vorgänge dargestellt werden, betrachten Menschen diese ausdauernder als Bilder angenehmer Szenen. Und Thomas Gilovich hat einmal gezeigt, was alle Sportfans wissen müssten: Über verlorene Spiele diskutieren Fans länger und leidenschaftlicher als über Siege ihres Teams. Die Liste solcher Befunde liesse sich schier endlos fortsetzen. Zusammenfassen lassen sich diese Studien alle in einer schlichten Aussage: Menschen reagieren stärker auf schlech­te als auf gute Nachrichten.

Das ergibt aus evolutionärer Sicht auch Sinn. Wer vor allem auf Gefahren und Widrigkeiten achtet, überlebt sicherlich länger als jemand, der sich nur über die Blumen auf der Wiese freut, statt nach Risiken Ausschau zu halten. Hinter schlechten Ereignissen vermuten Menschen schneller Absichten, und zugleich verlangen sie dafür eher nach einer Erklärung.

Das hat Carey Morewedge in einer Studie im Fachblatt «Journal of Experimental Psychology: General» demonstriert. Wenn wichtige Dateien auf dem Computer verschwunden sind, die Lieblingsmannschaft knapp verloren hat oder ein Unglück geschieht, dann vermuten Menschen rasch das Werk konspirativer Kräfte, so der Psychologe. Dahinter muss doch jemand stecken, das kann nicht anders sein! Gewinnt das Lieblingsteam, sind die Dateien auf dem Rechner, wo sie hingehören, dann wird dies hingenommen und löst allenfalls einen kurzen Moment der Freude aus, der rasch verpufft. Stürzt jedoch ein Flugzeug ab, dann verlangt die menschliche Psyche nach einer Erklärung. Wie kann das sein, wer ist dafür verantwortlich, wann wird endlich die Blackbox gefunden? All das sind Fragen, die dann in den Medien diskutiert und im Idealfall beantwortet werden.

Es reicht ein einziger Unfall

Absurderweise steigt die Aufmerksamkeit für negative Ereignisse enorm an, je seltener und aussergewöhnlicher diese sind. Die Sozialwissenschaftler um Toni van der Meer sehen darin einen ­weiteren Grund dafür, dass die Medien einzelnen Unglücken mehr Aufmerksamkeit gewähren als einst. Weil sich so viele Dinge zum Besseren wenden, erregen Un­glücke erst recht Aufmerksamkeit und Empörung. Stürzt nur noch sehr selten ein Flugzeug ab, sprechen erst recht alle darüber, wenn es doch geschieht.

Auch das passt zur menschlichen Psyche: Wir nehmen in Kontrasten wahr, wir bemerken, wenn sich etwas plötzlich verändert, nicht aber, wenn etwas schleichend geschieht. Während die Wirkung positiver Überraschungen schnell wieder verpufft, beschäftigt ein plötzliches Unglück die Menschen viel länger. Das Gleiche gilt etwa für Gewaltverbrechen. Je sicherer und friedlicher eine Gesellschaft wird, desto grösser ist die Empörung, die eine einzelne Tat erzeugt. Die daraus resultierende öffentliche Aufregung wiederum lässt den Eindruck entstehen, dass Leib und Leben ständig akut bedroht sind, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Es muss still sein, um den Kühlschrank surren zu hören.

So können Statistiken noch so oft belegen, dass sich Dinge zum Besseren wenden und zum Beispiel die Luftfahrt immer sicherer wird, es reicht ein einziger Unfall, um das Bild wieder tiefschwarz zu tünchen. Die Medien werden entsprechend berichten, und die Menschen werden sich hungrig darauf stürzen, weil sie genau das hören wollen. Dabei ist die Welt eindeutig besser als ihr Ruf.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 12.03.2018, 22:58 Uhr

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Positive Trends

Lebenserwartung und Tod

22,5% aller Kinder weltweit starben im Jahr 1950 vor ihrem 5. Geburtstag (Afrika: 32,3%, Europa: 10,9%). Bis 2015 sank die Kindersterblichkeit global auf 4,5% (Afrika: 8%, Europa: 0,6%).

30 Jahre: So hoch war die Lebenserwartung weltweit im Jahr 1800. 1950 lag sie bei 48, heute bei 71,4 Jahren. Am höchsten ist sie in Europa (80,7), am niedrigsten in Afrika (60).

540'000 Menschen starben in den 1920er-Jahren weltweit jedes Jahr aufgrund von Naturkatastrophen – bis in die 1960er-Jahre vor allem wegen Dürren und Überschwemmungen. Seit 2010 sorgten Naturkatastrophen im Schnitt noch für rund 70'000 Opfer weltweit. Seit den 1990er-­Jahren sind vor allem Erdbeben und Stürme dafür verantwortlich.

Alle Daten stammen von der Website Ourworldindata.org des Ökonomen Max Roser vom Nuffield College der Universität Oxford.

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