«Das Internet vertieft die Gräben»

Medienforscherin Eszter Hargittai fordert, dass in der Schule die Förderung der Medienkompetenz verstärkt wird. Vielen Jungen fehle grundsätzliches Wissen über die Onlinewelt.

«In gewissen Punkten sind ältere Menschen bessere Internetuser», sagt die Forscherin Eszter Hargittai. Foto: Brian Finke (Gallery Stock)

«In gewissen Punkten sind ältere Menschen bessere Internetuser», sagt die Forscherin Eszter Hargittai. Foto: Brian Finke (Gallery Stock)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eszter Hargittai ist seit 2016 Professorin für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Zürich. Sie erforscht die Internetnutzung von Jung und Alt und kommt zu erstaunlichen Resultaten.

Ältere Menschen werden sich über Ihre Forschungen freuen.
Gut möglich. Wir haben herausgefunden, dass Junge nicht automatisch besser sind im Umgang mit dem Internet. Auch wenn sie damit aufwachsen und wir sie als Digital Natives betiteln.

Sondern?
Es gibt sowohl bei den Jungen wie auch bei den Älteren geübtere und weniger geübte User. Alter ist kein so wichtiges Kriterium, erst ab ungefähr 50 Jahren nehmen die Fähigkeiten ab. In gewissen Punkten sind ältere Menschen sogar die besseren User.

Woran denken Sie?
Zum Beispiel wenn es darum geht, die Verlässlichkeit einer Information einzuschätzen. Die Jüngeren vertrauen oftmals einfach den Topresultaten der Suchanfrage, ohne sie gross zu hinterfragen. Überrascht waren wir auch, dass die Jungen häufig nicht einmal genau wussten, wie sich eine Webadresse zusammensetzt oder was der Begriff URL bedeutet.

Warum ist das so?
Wenn man mit dem Internet als Selbstverständlichkeit aufwächst, kann man es gut bedienen, stellt aber weniger Fragen. Die Älteren mussten alles lernen, haben dadurch aber auch mehr Hintergrundwissen. Ausserdem haben sie Erfahrungen mit dem Netz gesammelt, als es noch längst nicht so benutzerfreundlich war wie heute. Das schafft andere Einsichten.

Das Internet steht für Chancengleichheit. Auch diesen Mythos haben Ihre Studien widerlegt.
Ja. Die Hoffnungen haben sich nie erfüllt. Im Gegenteil. Unsere Forschungen zeigen, dass das Internet die sozialen Gräben weiter vertieft. Wer eine gute Bildung hat, der ist auch viel besser darin, sich online die wichtigen Informationen zu holen. Menschen mit schlechter Bildung bleiben aussen vor. Das sehen wir auch daran, wer was teilt.

Zum Beispiel?
Wir haben uns angeschaut, wer Wikipedia-Einträge verfasst oder verändert. Rund ein Drittel der Menschen wissen nicht einmal, dass das jeder tun kann. Und es gibt einen grossen Geschlechterunterschied.

Inwiefern?
Frauen wissen es noch seltener. Und der Männeranteil liegt bei den Wikipedia-Autoren fast bei 80 Prozent. Dabei geht es nicht nur um ein besseres technisches Verständnis.

Allzu schwierig ist das ja nicht.
Nein. Sogar meine Studenten waren überrascht, als ich ihnen den «Bearbeiten»-Knopf vorgeführt habe.

Warum sind es viel mehr Männer?
Da kann man bisher nur spekulieren.

Haben Frauen mehr Respekt davor, dass man vielleicht programmieren müsste?
Wir haben Männer und Frauen mit den genau gleichen Voraussetzungen verglichen, also kann es daran nicht liegen.

Haben Sie Vermutungen?
Es scheint so, dass Frauen online eher in privaten Zusammenhängen kommunizieren. Sie teilen viele Inhalte mit Freunden, aber je öffentlicher eine Plattform ist, desto weniger Frauen sind aktiv. Warum das so ist, wissen wir nicht.

Die Männer erklären gerne die Welt.
Ja, vielleicht.

Sie gehen dem weiter nach?
Ja, mich interessiert grundsätzlich sehr, wer was warum online tut und wer keinen Zugang hat. Allgemein ist es so, dass sich die Bessergebildeten mehr zu Wort melden. Das Internet bildet die Gesellschaft also unvollständig ab. Auch die Teilnahme an Social Media ist davon beeinflusst, zum Beispiel auf Twitter.

Warum ist das wichtig?
Weil es immer mehr Forschungen mit Twitter-Daten gibt, um die Stimmung in der Bevölkerung herauszufinden. Doch diese Daten bilden die Bevölkerung nicht repräsentativ ab. Es ist eine privilegierte Gruppe, die Twitter vor allem nutzt.

Gilt das auch für Facebook?
Nein, bei Facebook sehen wir diese sozialen Unterschiede nicht so deutlich. Bei Facebook ist es aber wichtig, zu wissen, dass das Verständnis, was mit den Daten geschieht, stark von der sozialen Schicht abhängt. Menschen mit tiefer Bildung wissen weniger, wie viele Informationen man aus den geteilten Daten über sie herauslesen kann.

Manchmal bekommt man den Eindruck, den Menschen bedeute ihre Privatsphäre heute allgemein nicht viel oder sie stellen sich auf den Standpunkt, dass sie nichts zu verbergen hätten.
Ganz so einfach ist es nicht. Jene, die wissen, dass sie viel über sich preisgeben, haben teilweise auch das Gefühl, dass ihnen gar nichts anderes übrig bleibt. Ein totaler Verzicht auf Social Media würde sie sowohl privat wie auch beruflich von zu vielem ausschliessen. Sie haben das Gefühl, keine Wahl zu haben. Es ist zu einfach, zu sagen, dass es den Leuten egal ist. Wir hören oft, dass die User frustriert sind, sich machtlos fühlen.

Facebook nützen heute ja vor allem ältere Leute, die Jugendlichen sind auf Snapchat oder Instagram. In dem Alter ist es fast unmöglich, nicht teilzunehmen.
Ja, ein grosser Teil des sozialen Lebens spielt sich da online ab. Umso wichtiger ist ein kritisches Bewusstsein.

«Die Sicht von Facebook auf seine Nutzer ist stark verzerrt.»

Wie könnte man die Privatsphäre der User besser schützen?
Das ist eine schwierige Frage. Es gibt unterschiedliche Ansatzpunkte. Eine Strategie wären strengere Regeln, welche Daten die Unternehmen überhaupt sammeln dürfen. Im Gesundheitsbereich funktioniert das bereits.

Nicht aber bei den Fitnessgadgets?
Nein, ich meine in Krankenhäusern oder Arztpraxen. Diese relativ strikten Regeln könnten als Vorbild dienen. Fraglich ist allerdings, wie man das umsetzen könn­­te. Aber es gibt noch andere Ansatzpunkte.

Welche?
Wir brauchen informiertere User, und wir sollten vor allem die Medienkompetenz der jungen Menschen stärken.

An den Schulen?
Ja, das wäre wichtig. Wir können uns nicht auf die Eltern verlassen, weil so wieder das Bildungsniveau mitspielt. Es bleibt das Problem, wie man jene erreicht, die nicht mehr in die Schule gehen. Hier brauchten wir mehr öffentliche Kampagnen, ähnlich wie man es beispielsweise beim Rauchen oder dem Safer Sex macht.

Sie glauben, dass Twitter insgesamt keine so wichtige Rolle spielt?
Ja. Vor allem Journalisten und Politiker sind auf Twitter. Die Forschung hat gezeigt, dass viele der Follower von Politikern sowieso Bots sind.

Bei der Wahl von Trump hat Twitter aber eine wichtige Rolle gespielt?
Auch das wird überschätzt. Die sozial Benachteiligten, die in grosser Zahl für Trump gestimmt haben, sind auf Twitter viel schwächer vertreten. Insgesamt sind nur rund 25 Prozent der Internetuser auf Twitter. Und das Wahlergebnis war in vielen Staaten unglaublich knapp. Ich glaube, dass entscheidend war, was der damalige FBI-Chef James Comey zehn Tage vor den Wahlen sagte. Er teilte damals mit, es gebe Ermittlungen gegen Hillary Clinton. Daran denkt heute niemand mehr, aber das hat das Wahlergebnis bestimmt beeinflusst. Als Forscherin möchte ich erst mal mehr Daten sehen, dass Social Media tatsächlich so bedeutend waren.

Hat Sie die aktuelle Diskussion um Facebook überrascht?
Nein, aber ich weiss, dass es für viele Leute ein richtiger Schock ist. Man muss sich einfach bewusst sein, dass alles, was man online teilt, in falsche Hände geraten kann.

Werden die Social-Media-Nutzer nun vorsichtiger?
Ich habe da meine Zweifel. Wiederum glaube ich, dass dieses Thema vor allem Journalisten interessiert. Aber die Forschung wird es in Zukunft zeigen.

Betroffen sind ja nicht nur Leute, die selbst auf Facebook sind.
Genau, meine Privatsphäre hängt heute nicht mehr nur von mir selbst ab, sondern auch von meinem Netzwerk. Ich habe es nur bedingt in der Hand, was andere über mich teilen.

Das gibt ganz neue Konflikte in sozialen Beziehungen.
Allerdings weiss man häufig nicht, wer das Leck ist. Was vermutlich auch besser ist.

Sind wir Teil eines grossen sozialen Experiments, wenn Social Media auch in politischen Entscheidungen wie der Brexit-Abstimmung oder den US-Wahlen eine Rolle gespielt haben?
Ich glaube, dass der Einfluss von Social Media überschätzt wird. Obwohl sehr viele Menschen zum Beispiel auf Facebook sind, nützen sie es nur für einen kleinen Teil ihres täglichen Lebens. Sie kommunizieren auch noch per E-Mail, am Telefon oder im persönlichen Gespräch. Deshalb ist die Sicht von Facebook auf die User in vielen Aspekten, gerade was das Politische angeht, stark verzerrt. Denn Facebook sieht nicht alles, was sich abspielt.

Wenn Facebook auch dem Surfverhalten der Menschen folgt, was Mark Zuckerberg in den Befragungen nicht verneint hat, kommt einiges an Informationen über eine Person zusammen.
Das stimmt schon, trotzdem gibt es noch viele weitere Puzzleteile. Wir kommunizieren auf vielen Kanälen. Es ist aber wichtig, dass wir die Rolle von Facebook in politischen Entscheidungsprozessen genau erforschen. Da laufen erste Projekte in den USA.

Ist es nicht aussergewöhnlich, dass private Unternehmen wie Facebook oder Google heute so viel Macht haben? Das hat es in dieser Art noch nicht gegeben.
Ich staune, wie wenig Google im Moment im Fokus ist. Alle reden von Facebook, dabei hat Google vermutlich noch viel mehr Informationen über uns.

Finden Sie es unheimlich, dass sich so viel Macht in der Hand privater Unternehmen ballt?
Es hat das Potenzial, unheimlich zu sein. Die Frage ist, wie die Unternehmen diese Macht nutzen.

Es ist kein beruhigendes Gefühl, wenn man nur darauf hoffen kann, dass die CEOs vernünftige Menschen sind.
Nein, das ist keine besonders gesunde Strategie.

Und auch nicht sehr demokratisch.
Auf keinen Fall. Es bietet ein grosses Potenzial für Missbrauch. Aber das Schwierige an der ganzen Diskussion, ob wir mehr Regeln brauchen, ist die Frage, was für Regeln Sinn machen würden. Regeln sind aber nicht so mein Thema, ich konzentriere mich mehr auf die Frage, wie wir den Menschen einen aufgeklärteren, kritischeren Nutzen beibringen können. Wenn wir kritischere Nutzer haben, wird das übermässige Datensammeln schwieriger. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2018, 17:35 Uhr

Artikel zum Thema

Medienkompetenz fördern

Analyse Eine freie Gesellschaft braucht Menschen, die frei über ihre Mediennutzung bestimmen – und über das dafür notwendige Grundwissen verfügen. Mehr...

«Zeitungen gibt es noch maximal 40 Jahre»

#younews2018: Was kommt heraus, wenn nicht Profis, sondern Jugendliche Medien machen? Der Erlebnisbericht einer Zürcher Sekundarklasse, die zwei Tage auf der Redaktion des «Tages-Anzeigers» verbrachte. Mehr...

Eszter Hargittai

Medienforscherin und Soziologin

Die 44-jährige Medienforscherin wuchs in Budapest auf und lebte bis 2016 während 25 Jahren in den USA. Dort lehrte sie an der Harvard-Universität und an der Northwestern-Universität bei Chicago. Hargittai studierte Soziologie und promovierte an der Princeton-Universität. Sie interessiert sich vor allem für die Frage, wie unterschiedlich Menschen von den digitalen Medien profitieren können und wer warum ausgeschlossen ist. Seit April 2018 ist die ungarisch-amerikanische Doppelbürgerin auch Mitglied des Nationalen Forschungsrates des Schweizerischen Nationalfonds. (abr)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Künstliche Intelligenz: Der deutsche Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharov wird an der «Hannover Messe» vom Tischtennisroboter «Forpheus» gefordert. (22. April 2018)
(Bild: Fabian Bimmer) Mehr...