Frauen passen nicht ins Beuteschema

Dass bei der Bundesratswahl doch wieder ein Mann im Vordergrund steht, irritiert und ist nüchterner Machtpolitik geschuldet. Dabei hätten es die Frauen in der Hand.

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Stellen wir uns mal vor: FDP-Frauen-Präsidentin Doris Fiala hätte nach dem Rücktritt des Aussenministers sofort und entschieden eine Frau als Nachfolgerin von Didier Burkhalter gefordert. Die Freisinnigen hätten gezielt ihre erfahrenen Frauen angefragt und rasch zwei Zusagen erhalten. Neo-Alt-Regierungsrätin Laura Sadis hätte die Tessiner Karte gespielt und Isabelle Moret die Fahne des Waadtländer Freisinns hochgehalten. Ein Frauen-Doppelticket mit Klasse.

Doch Fiala stellte die Forderung nach einer Frau nicht, und so wird aller Voraussicht nach erneut ein freisinniger Mann gewählt. Die bürgerlichen Frauen müssen das einmal mehr zur Kenntnis nehmen. Nicht überall, wo Frau draufsteht, ist Gleichstellung drin.

Sadis schlägt Cassis

Das ist umso irritierender, als vor allem Laura Sadis den heutigen Kronfavoriten Ignazio Cassis in Sachen Kompetenzen um Längen schlägt: Sie kennt Bundesbern als ehemalige Nationalrätin und hat anschliessend über acht Jahre in der Tessiner Regierung einen tadellosen Job gemacht.

Cassis ist nicht Favorit, weil er Tessiner ist, sondern weil die Tessinerin Laura Sadis übergangen wurde. Denn auch bei diesen Wahlen geht es um nüchterne Machtpolitik. Und da verspricht Cassis den Rechten im Parlament mehr. Zumindest mehr als eine freisinnige Frau.

Frauen sind vielen Männern im Parlament generell suspekt: zu unabhängig, zu sachorientiert. Kurz: nicht für die eigenen Zwecke einzuspannen und nicht zu kontrollieren. Für die meisten bürgerlichen Frauen kommt noch dazu, dass sie als offener und konzilianter als ihre jeweiligen Stahlhelmfraktionen gelten. Rasch hören sie den Vorwurf, «am linken Rand der Partei» zu politisieren. Fähige Frauen gibt es in allen Parteien, nur passen die Frauen vielerorts nicht ins politische Beuteschema der Parteikader.

Müssen wir also damit rechnen, dass die Frauen in wenigen Monaten nur noch mit Simonetta Sommaruga im Bundesrat vertreten sind? Oder schafft es wenigstens die CVP, Doris Leuthard mit einer Frau zu ersetzen?

Vielleicht. Aber nur, wenn sie zwei Grund­regeln beachtet. Erstens: Wenn am Schluss eine Frau gewählt werden soll, braucht es ein reines Frauenticket. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Bei gemischten Tickets wurde – ausser im einsamen Ausnahmefall von Elisabeth Kopp – immer der Mann gewählt. Schmerzlich mussten das auch die Sozialdemokratinnen erfahren, als 1993 Francis Matthey Christiane Brunner vorgezogen wurde. Die SP hat daraus gelernt: Will sie eine Frau, präsentiert sie ausschliesslich Frauen.

Aktiv Frauen suchen!

Die zweite Regel betrifft die aktive Suche: Nicht nur Frauen aus dem Bundesparlament, sondern vor allem auch aus den kantonalen Regierungen müssen angefragt werden. Und da verfügt die CVP über zahlreiche fähige Frauen.

Zum Beispiel die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner: führungsstark und als EDK-Präsidentin rasch durch das gute Gespür für nationale Fragen aufgefallen, indem sie klar für Französisch an der Primarschule eingestanden ist. Oder Karin Kayser-Frutschi, Regierungsrätin aus Nidwalden, die im Verbund der kantonalen Exekutivmitglieder und als Sicherheitspolitikerin eine starke Position hat. Oder die Thurgauerin Carmen Haag, die mittlerweile als versierte Verkehrspolitikerin gilt.

Bald 50 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts mag ich das Argument, man finde im entscheidenden Moment keine Frauen, nicht mehr hören. Denn wie sagen die Chinesen: Wer nicht will, findet Gründe. Wer will, findet Wege.

Oder in diesem Fall: Frauen.


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2017, 18:05 Uhr

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