«Ich lasse mir doch keine Probleme einreden»

Vor dem Achtelfinal gegen Manchester City erklärt Marco Streller, warum die Champions League für die neue Führung des FC Basel so wichtig war.

Marco Streller: «Zu Beginn meiner Arbeit war ich zu Hause nie ganz anwesend. Das hat mich gestresst.» Foto: Andy Müller (Freshfocus)

Marco Streller: «Zu Beginn meiner Arbeit war ich zu Hause nie ganz anwesend. Das hat mich gestresst.» Foto: Andy Müller (Freshfocus)

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Marco Streller hat anstrengende Wochen hinter sich. Der Sportchef des FC Basel erwirtschaftete mit dem Wechsel von ­Manuel Akanji nach Dortmund die zweithöchste Transfersumme der Clubgeschichte und holte die alten Weggefährten Valentin Stocker und Fabian Frei zurück. Die Spiele gegen Manchester City sind für den 36-Jährigen fast Verschnaufpausen. Schliesslich haben die Basler ihre internationalen Ziele längst erreicht.

Sie haben als Spieler selbst einen Achtelfinal in der Champions League gegen ein Team mit weltweiter Ausstrahlung erlebt. Welchen Einfluss haben solche Spiele auf eine Mannschaft?
Es stimmt, wir treffen auf ein Team, das zu den drei besten der Welt gehört, wenn es nicht das beste ist. Ich habe mal gegen die beste Mannschaft der Welt gespielt, als das gar keinen Spass gemacht hat (der FCB verlor 2008 gegen Barcelona 0:5, Red.). Einerseits hat sich unsere Mannschaft, hat sich unser Trainerteam dieses Highlight gegen Manchester City erarbeitet. Andererseits haben wir immer klar kommuniziert, wie unser Ziel lautet: Wir wollen nächste Saison wieder Champions League spielen. Dazu müssen wir Schweizer Meister werden. Ich spüre, dass unsere Spieler das wissen.

Sie behaupten doch nicht, dass so grosse Matches in der Kabine kein Thema sind? Das dürfte bei Ihnen 2012 vor den Partien gegen die Bayern kaum anders gewesen sein.
Selbstverständlich fiebert die Mannschaft, fiebert ganz Basel auf dieses Hinspiel hin. Das war bei uns damals nicht anders, und die Euphorie wuchs ja nach unserem 1:0-Heimsieg ins Unermessliche. Dann kam die 0:7-Klatsche im Rückspiel. Aber sogar die hat dem einen oder anderen gutgetan, weil er mal wieder etwas Boden unter den Füssen hatte. Das heisst nicht, dass es jetzt wieder so kommen muss (lacht). Wobei ich zehnmal lieber ein 1:0 und ein 0:7 nehme als zweimal ein 0:3.

Wie wichtig war die Achtelfinal-Qualifikation für Ihr Projekt eines «neuen FCB»?
Sehr wichtig. Ich nenne das Beispiel des Stürmers Marc Janko, der sich um den Club verdient gemacht hat und ein guter Typ ist. Wir haben ihn gehen lassen, weil wir mehr Geschwindigkeit im Team wollten. Das hat uns einigen Gegenwind eingebracht, weil viele Leute den Entscheid nicht verstanden haben. Aber unser Ziel war es, so aufzutreten, wie wir dann in der Champions League tatsächlich auch gespielt haben. Mit einem modernen Umschaltfussball. Gewinnen konnten wir von der neuen Führung ­sowieso nur international. Mehr als das Double kannst du national nicht holen.

Sie haben von Anfang an offensiv vom Achtelfinal geredet. Haben Sie wirklich daran geglaubt?
Ich bin ein Optimist. Aber dass wir vier Spiele gewinnen – und das zu null, das hätte nicht einmal ich vorauszusagen gewagt. Trotzdem: Wenn ich sage, dass wir in der Gruppe Zweiter werden können, dann tue ich das aus Überzeugung. Nicht, um mich wichtig zu machen. Sondern, damit die Mannschaft sieht, dass ihre Führung an sie glaubt.

Auf dieses Starensemble trifft der FCB

Hat sich der FCB in der Champions League sogar so viel Goodwill erarbeitet, dass ihm für einmal Rang zwei in der Liga verziehen würde?
Puh. So denke ich gar nicht. Für uns zählt nur der Titel. Der zweite Platz wäre eine Niederlage für uns. Es gibt keinen zweiten Platz für den FCB. Kommt es anders, müssen wir uns wieder unterhalten.

Welche Situation ist schwieriger: Wenn man selbst eine riesige Torchance vergibt? Oder wenn man auf der Tribüne sieht, wie ein Spieler, den man eben für viel Geld verpflichtet hat, eine Chance vergibt?
Gute Frage (lacht). Ich habe als Stürmer jeweils lange mit mir gehadert, wenn ich eine klare Chance vergeben habe, da gab es schlaflose Nächte. Aber immerhin konnte ich es im folgenden Spiel selber wiedergutmachen. Was dagegen meine Verpflichtungen unten auf dem Feld machen, kann ich nicht mehr aktiv beeinflussen. Ich hätte das im Vorfeld nie geglaubt, aber meine Arbeit als Stürmer war weniger emotional als die, die ich nun als Sportchef habe.

Weil Sie sich ausgeliefert fühlen?
Weil so viele Faktoren eine Rolle spielen, die ich nicht mehr beeinflussen kann. Es ist wahnsinnig schwierig, sich an diesen Zustand zu gewöhnen. Als Spieler rennst du, du kannst deine Emotionen auf dem Feld rauslassen. Aber als Sportchef auf der Tribüne musst du ja irgendwie die Contenance wahren (lacht). Natürlich wirst du ruhiger, wenn der Erfolg da ist. Aber zum Saisonstart habe ich manchmal schon gelitten.

Sie hätten im Winter mit ein paar unmoralischen Angeboten an YB-Spieler die Berner Nerven strapazieren können, um das Meisterrennen zu beeinflussen.
Das ist nicht meine Art. Ausserdem hatte YB ein tolles Argument, um Spieler zu halten: dass sie Basel in dieser Saison vielleicht packen könnten. Natürlich hat Bern tolle Spieler, aber niemand würde den Wuschu (YB-Sportchef Christoph ­Spycher, Red.) doch ansatzweise verstehen, wenn er einen nach Basel ziehen lassen würde. Und nicht zuletzt bin ich überzeugt, dass YB für ihre drei, vier Besten Anfragen auf dem Tisch hatte, die so hoch waren, dass meine Angebote dagegen schon fast wieder moralisch ­gewirkt hätten (lacht).

Wie hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie Sportchef sind?
Als ich als Spieler zurückgetreten bin, dachte ich: Super, dieser Druck ist endlich weg. Ein Jahr später habe ich bemerkt, dass ich den Druck vermisse. Aber ich musste lernen, dass man als Sportchef des FCB wirklich vom ersten Tag an bewertet wird. Jede Entscheidung löst eine Reaktion aus, damit muss man umgehen können. Ich habe bemerkt, dass ich zu Beginn meiner Arbeit zu Hause nie ganz anwesend war. Ich war physisch präsent – aber im Kopf ­immer bei der Arbeit. Das hat mich gestresst. Inzwischen kann ich aber zum Glück wieder abschalten.

«Wir müssen Spieler transferieren, um schwarze Zahlen zu schreiben.»

Mussten Sie härter werden?
Ich habe schon als Captain mein Team mit Vertrauen und Freude geführt. Dem bleibe ich treu, weil alles andere nicht authentisch wäre. Und trotzdem kann ich sehr, sehr harte Entscheidungen treffen. Härter, als den Double-Trainer nicht mehr weiter zu beschäftigen, geht es wohl fast nicht.

Sie haben das Kader im Winter kräftig verändert. Ist dieser Umbruch nicht gefährlich?
Für mich ist das nicht wirklich ein Umbruch. Den Abgang von Renato Steffen haben wir mit dem verlorenen Sohn ­Valentin Stocker eins zu eins ersetzt. Bei Fabian Frei hat einfach alles gepasst. Ich muss doch immer in die Zukunft schauen. Möglich, dass Michael Lang im Sommer ins Ausland will, möglich, dass das andere Leistungsträger auch wollen. Da brauche ich einfach Führungsspieler, von denen ich weiss, dass ich mich in den nächsten drei, vier Jahren auf sie verlassen kann.

Aber mit dem Abgang von Manuel Akanji ging der FCB ein Risiko ein.
Mein Wunsch wäre gewesen, dass er erst im Sommer geht. Aber wenn ein Spieler diesen Transfer unbedingt will – und gleichzeitig sitzt bei dir mit Eder Balanta ein Innenverteidiger meist auf der Bank, der meiner Meinung nach Weltklasseniveau hat, dann musst du irgendwann sagen: Das ist der Preis, für den lassen wir ihn ziehen. Wir erhalten nur rund zwei Millionen Franken an TV-Geldern, wir müssen Spieler transferieren, um schwarze Zahlen zu schreiben.

Das Geld hätten Sie im Sommer wohl auch bekommen.
Man muss immer schauen, was man bei einem Spieler auslöst. Nicht, dass Manu sich so aufgeführt hätte, wie es gewisse Profis auf dem internationalen Markt getan haben. Aber ich habe selbst als junger Spieler einen Wintertransfer gemacht. Wenn du dich mal innerlich entschieden hast, musst du gehen. Ich bin überzeugt, dass Manu irgendwann in einem der fünf besten Clubs der Welt spielen wird. Weil er Anlagen hat, die ich noch bei keinem anderen Verteidiger gesehen habe.

Warum dann nicht warten, bis einer der ganz Grossen anklopft?
Manu hatte vor einem Jahr einen Kreuzbandriss, er hat sechs Spiele in der Champions League gespielt und 42 in der Super League. Die grossen fünf haben ihn alle auf dem Zettel. Aber sie wollen erst den Zwischenschritt bei einem Club in einer anderen Liga sehen.

«Die ­Verhandlungen mit Dortmund waren sehr fair, aber auch hart.»

Wie gross ist der finanzielle Druck, den Club­besitzer Bernhard ­Burgener ausübt? Hat er Ihnen den Betrag vorgegeben, ab welchem Sie Akanji abgeben mussten?
Den Betrag haben wir gemeinsam fest­gelegt. Aber Bernhard Burgener hat mir nie gesagt, dass ich Akanji verkaufen müsse. Wir haben auch gemeinsam beschlossen, dass wir im Winter höchstens einen Leistungsträger ziehen lassen. Wir setzen den Meistertitel nicht aufs Spiel, um einen fetten Gewinn einzustreichen.

Wie läuft so ein grosser Deal ab? Gibt es täglich Anrufe mit neuen Angeboten?
Es ist ein wenig ein Pokerspiel. Die ­Verhandlungen mit Dortmund waren sehr fair, aber auch hart. Es zog sich über Wochen.

Macht dieses Pokern auch Spass?
Natürlich. Vor allem, wenn du am Ende die Summe erreicht hast, die du dir vorgestellt hast (lacht). Ich meine, da sitzen dir ja nicht irgendwelche unerfahrenen Leute gegenüber, das ist ein sehr grosser Club mit sehr guten Leuten. Es ist nervenaufreibend, aber es macht schon auch Spass.

Sie haben mit Valentin Stocker und Fabian Frei zwei Spieler verpflichtet, mit denen Sie befreundet sind. Ist das nicht ein Problem?
Nein. Ich bin ja mit Bernhard Heusler und Georg Heitz (Ex-Präsident und Ex-Sportchef des FCB, Red.) auch befreundet, trotzdem hat es immer funktioniert. Der harzige Saisonstart hat gezeigt, dass wir Spieler brauchen, die wissen, wie Basel funktioniert und die Verantwortung übernehmen wollen.

Die zwei haben mit ihrer ­Popularität und dem direkten Draht zum Sportchef aber auch eine Machtposition inne, die gefährlich werden kann.
Wir haben diese Transfers aus tiefster Überzeugung gemacht. Mit Freundschaft hat das rein gar nichts zu tun. Die zwei sind ein Gewinn für uns. Ich lasse mir doch keine Probleme einreden, wo es keine gibt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2018, 21:41 Uhr

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