Gymischüler fordern Jokertage für alle

Zweimal im Jahr dürfen Volksschüler unentschuldigt dem Unterricht fernbleiben – Gymischüler haben dieses Recht nicht. Das will eine Gruppe aus der Kantonsschule Bülach ändern.

Linda Eisenegger, Nadine Nussbaumer und Dominic Fierz (v. l.) haben eine Gesetzesänderung angestossen. Foto: Urs Jaudas

Linda Eisenegger, Nadine Nussbaumer und Dominic Fierz (v. l.) haben eine Gesetzesänderung angestossen. Foto: Urs Jaudas

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Über diesen Umstand dürften sich schon Hunderte Gymischülerinnen und -schüler sowie deren Eltern geärgert haben: An den Zürcher Kantonsschulen gibt es, anders als an der Volksschule, keine Jokertage. Wer ausnahmsweise einen Tag frei machen will, etwa für einen Ausflug mit der Familie oder ein verlängertes Wochenende, dem bleibt nur ein Mittel: schwänzen.

Möglich, dass sich das bald ändert. Das jedenfalls haben sich 14 Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Bülach vorgenommen. Die Viertklässler besuchen einen klassenübergreifenden Semesterkurs, in dem es darum geht, eine Kampagne zu einem Thema zu entwickeln. Die Jugendlichen einigten sich rasch: Sie wollten sich für Jokertage einsetzen.

«Wir wollten etwas erreichen, das allen Gymischülern etwas bringt», erklärt der 16-jährige Dominic Fierz. Er hat sich zusammen mit seinen gleichaltrigen Mitschülerinnen Nadine Nussbaumer und Linda Eisenegger Zeit für den TA genommen. «Jokertage sind ein grosses Bedürfnis», sagt Linda. «Es gab auch schon mehrere Anläufe, aber irgendwie sind sie alle versandet.» Die Schülerinnen und Schüler im Kampagnenkurs begannen zu recherchieren und erfuhren schnell, warum: Die Kantonsschulen können nicht einfach selbst Jokertage einführen, es braucht dafür eine Gesetzesänderung. Und das zu erreichen, ist für Teen­ager, die noch nicht stimmberechtigt sind, ein ambitioniertes Ziel. Linda und ihre Kollegen sind sich dessen durchaus bewusst: «Das wird eine Sache von mehreren Jahren. Aber wir sind motiviert.»

Politiker sind auch Menschen

Anfangs überlegten sich die Schüler, eine Volksinitiative zu lancieren, aber 6000 Unterschriften zu sammeln, das wäre ein etwas gar grosser Aufwand gewesen. Die Lösung fand sich in einem zürcherischen Unikum, der Einzelinitiative. Jeder Stimmberechtigte im Kanton Zürich kann eine solche einreichen. Der Kantonsrat muss dann über das Begehren entscheiden.

Die Jugendlichen fackelten nicht lange. Zusammen mit ihrem Kursleiter, dem Geschichtslehrer Beat Brunner, entwarfen sie einen ausformulierten Vorschlag für eine Gesetzesänderung. Brunner unterschrieb die Einzelinitiative, am 6. Mai reichte er sie ein, und vor anderthalb Wochen besuchten die Jugendlichen den Kantonsrat, um für ihr Anliegen zu werben.

Der Besuch im Kantonsrat war für Nadine, Linda und Dominic ein spezielles Erlebnis. «Wir hatten zwar Staatskunde in der Schule, aber live zu erleben, wie der Kantonsrat funktioniert, das war schon etwas ganz anderes», sagt Nadine. Dominic ergänzt: «Wir hatten erwartet, dass die Entscheide in der Debatte fallen. Aber das ist nicht so – entschieden wird faktisch schon vorher, in den Kommissionen und den Fraktionen.»

Und noch etwas hat die Jugendlichen überrascht, wie Linda sagt: «Die Kantonsräte sind viel offener, als wir erwartet haben.» Ihr Glück war, dass Markus Späth, ein weiterer Bülacher Geschichtslehrer, für die SP im Kantonsrat sitzt. Späth war gern bereit, den Jugendlichen Gesprächspartner zu vermitteln. Und die nutzten ihre Chance: Sie dürfen nun in den Fraktionen der SVP und der SP ihr Anliegen vorstellen; bei der GLP ­waren sie bereits.

Gleichzeitig sammelt die Gruppe Unterschriften für ihr Anliegen. Ein Mitschüler hat eigens eine Website programmiert, bald haben 2000 Personen die Petition online oder auf Papier unterschrieben.

Und was nehmen die Teenager aus ihrem Einsatz mit? «Mehr Verständnis für die Politik», sagen sie unisono. «Und das Wissen, dass man etwas bewirken kann, auch wenn man erst 16 ist.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2015, 22:06 Uhr

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Sympathie für die Jugendlichen

Üblicherweise macht der ­Kantonsrat mit Einzelinitiativen kurzen Prozess: Meist sind diese Begehren ­unausgegoren und nicht umsetzbar, wenn überhaupt, kommt höchstens eine Handvoll Stimmen dafür zusammen. ­Anders der Vorstoss der Bülacher Kantischüler, er könnte als eine der wenigen Einzelinitiativen in die Geschichte eingehen, die eine Chance auf eine Umsetzung haben.

Jürg Trachsel beispielsweise, der Fraktionschef der SVP, sagt: «Dass sich Junge so einsetzen, begrüsse ich sehr.» Für ihr Anliegen habe er persönlich durchaus Sympathien, es könne ja nicht sein, dass Volksschüler andere Rechte als Mittelschüler hätten. Auch GLP-Fraktionschef Benno Scherrer zeigt sich ­beeindruckt vom Auftritt der Mittelschüler; auch er räumt der Initiative mindestens für eine vorläufige Unterstützung gute Chancen ein. Die SP dürfte ebenfalls eher Ja sagen, glaubt Moritz Spillmann, Präsident der kantonsrätlichen Kommission für Bildung und Kultur.

Die Jokertage an der Volksschule sind 2007 im Zuge der Totalrevision des Volksschulgesetzes eingeführt worden. Grund war die grosse Zahl von Gesuchen für verlängerte Ferien. Warum man den Gymnasiastinnen und Gymnasiasten an den Zürcher Mittelschulen damals nicht dasselbe Recht einräumte, ist unklar; selbst das Mittelschul- und Berufsbildungsamt konnte die Frage gestern nicht beantworten. Andere Kantone, etwa Aargau, kennen Jokertage am Gymnasium längst. Moritz Spillmann sagt, möglicherweise habe man die Mittelschüler nicht besserstellen wollen als die Berufsfachschüler. Vielleicht haben in Zürich aber die Bildungspolitiker auch einfach nicht daran gedacht, den Mittelschulen Jokertage zu gewähren. (leu)

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