Der Problemvogel der Berner erobert Winterthur

In Winterthur nistet sich eine Krähenart aus Osteuropa ein. Weil sie das Zeug zum Ärgernis hat, beobachten die Behörden ihre Entwicklung aufmerksam.

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Im kantonalen Brutvogelatlas von 2008 war sie noch so gut wie inexistent: Nur ein einziger Nachweis der Saatkrähe war darin verzeichnet. Ein Brutpaar, dass sich in Thalwil niedergelassen hatte – das war die Erstansiedlung im Kanton Zürich. Inzwischen hat sich die neue Vogelart auch in Winterthur niedergelassen. Rund 30 Paare brüten momentan beim Bezirksgericht, eine weitere Kolonie von rund 20 Paaren lebt in Wülflingen, eine dritte im Talgut mit drei oder vier Paaren.

In Bern, wo die Saatkrähen früher auftauchten, hat es heute über tausend Brutpaare. Diese rauben mit ihrem Gekrächze und den Bettelrufen den Anwohnern den Schlaf und hinterlassen auf Parkbänken und Autos ihren weissen Kot. Um sie zu vergrämen, hat die Stadt sogar Uhu-Attrappen auf die Bäume montiert. Der Uhu ist ein natürlicher Feind der Krähe. Die stetige Zunahme in Bern hat zwei Ursachen: Neben den aufgezogenen Jungen bleiben auch immer Wintergäste aus dem Norden in Bern, weil hier das Nahrungsangebot stimmt.

Toleriert, aber nur auf Bewährung

In Winterthur beobachtet man deshalb die Entwicklung des Saatkrähen-Bestandes aufmerksam, wie Beat Kunz, Bereichsleiter von Stadtgrün Winterthur sagt. Die Ausbreitung sei ein natürlicher Vorgang, die Saatkrähe ein heimischer Vogel. Bis jetzt sei die Situation nicht dramatisch, die Kolonie beim Bezirksgericht liege nicht in einem Wohnquartier. Man lasse die Vögel in Ruhe, solange sie wenig Schaden anrichten.

Sollte es notwendig sein, werde man Lenkungsmassnahmen vornehmen; beispielsweise wenn sich die Saatkrähen im Bereich eines Spitals oder bei einer Gartenwirtschaft niederlassen. Bis jetzt habe man erst einmal eingegriffen, sagt Kunz. So wurde in diesem Frühjahr ein im Bau befindliches Nest in einem Wohnquartier in der Nähe der Kolonie am Bezirksgericht entfernt. Mit Erfolg, die Saatkrähen verliessen den Standort.

Sobald die Vögel mit Brüten fertig sind, werden sie der Stadt ohnehin wieder den Rücken zuwenden. Sie leben dann auf den Feldern, wo sie nach Nahrung suchen – anders als die verwandten Rabenkrähen, welche typische Stadtbewohner geworden sind. Noch befinden sie sich aber mitten im Brutgeschäft. Laut krähend fliegen sie um die Brutbäume, beschützen und verteidigen ihre Nester. Da diese in den Baumkronen noch nicht vollständig von Blättern verdeckt, sind die Vögel gut zu beobachten.

Grosse Kolonie auch in Männedorf

Im Gegensatz zu den Rabenkrähen, im Volksmund einfach Krähe genannt, haben die Saatkrähen einen markanten, meisselförmigen Schnabel, der am Ansatz auffallend hell-gräulich ist. Auch die spitze Kopfform der Saatkrähe ist ein gutes Bestimmungsmerkmal. Ihr Ruf ist im Gegensatz zur Rabenkrähe heiser und nasal.

Die Saatkrähe ist vor allem in Osteuropa verbreitet und hat ihr Brutgebiet von dort her über ganz Europa ausgedehnt. Die Schweiz ist jedoch aus der Gegenrichtung besiedelt worden, von Frankreich her. Der erste Brutnachweis stammt aus dem Jahr 1963 in Orbe VD. Seitdem hat der Vogel seinen Bestand immer mehr in den Osten der Schweiz ausgeweitet.

Im Kanton Zürich gibt es nur zwei Orte mit ähnlich grossen Brutkolonien wie Winterthur: Laut dem Umweltbüro Orniplan, das auf Beratung im Naturbereich spezialisiert ist, sind im letzten Jahr in Männedorf zwei Kolonien mit insgesamt 60 Brutpaaren gezählt worden. In der Stadt Zürich wurden 15 Brutpaare gezählt; vereinzelte Paare liessen sich auch in Schwerzenbach und Thalwil nieder. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2018, 14:28 Uhr

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