Auf der Vespa sitzt Zürich hinten

Basel-Stadt kommt am Sechseläuten nach Zürich-Stadt. Wer ist das, der dann bei uns zu Gast ist? Eine Stadtrundfahrt.

Unser Reiseführer, seine Stadt, seine Vespa: Benedikt Wyss auf der Plattform beim Margarethenkirchlein. Von hier oben reicht der Blick über ganz Basel und über die Landesgrenze nach Deutschland. Foto: Christian Flierl

Unser Reiseführer, seine Stadt, seine Vespa: Benedikt Wyss auf der Plattform beim Margarethenkirchlein. Von hier oben reicht der Blick über ganz Basel und über die Landesgrenze nach Deutschland. Foto: Christian Flierl

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Die Helvetia und der Zürcher treffen sich auf Reisen. Am Mittwoch wars, einem strahlenden Frühlingstag, in Basel. Beide schauten nachdenklich flussabwärts. Links ein hoher Schornstein mit ausgebleichten roten Streifen, rechts ein Bürobau der Novartis, im Rücken der Roche-Turm, genannt Bau 1.

Die massive Brüstung, an die sich der Zürcher lehnt, vibriert, wenn wieder ein Tram über die schwere Steinbrücke fährt. Die Brücke ist beflaggt, Baselstab, Schweizer Kreuz, Muba-Schriftzug, die Flagge mit dem Böögg, die fehlt. Wie heisst eigentlich, fragt sich der Zürcher, als er auf den Fluss unter sich schaut, die Limmat in Basel?

«Häsch Luscht, Schatzi?», fragen die Baslerinnen den Zürcher gleich reihenweise. Nett.

Und was fragt sich Helvetia? Sie sitzt dort schon bald 40 Jahre. Sie ist ein Kunstwerk von Bettina Eichin, auf einer Platte nebenan steht: «Eines Tages verlässt Helvetia ein Zweifrankenstück (...) Unterwegs kommt sie auch nach Basel. Sie (...) ruht sich aus und blickt nachdenklich rheinabwärts.» Rhein also heisst die Limmat in Basel, diesem Stadt-Kanton, der unser diesjähriger Gast am Sechseläuten ist.

Es gebe Tendenzen, schrieb mein Kollege Philipp Loser, ein halber Basler, vor kurzem im «Tages-Anzeiger», dass Basel der Schweiz abhandenkommt. Ein Stadt-Staat am Rhein? Umgekehrt ist die Swiss, «unsere Fluggesellschaft», hervorgegangen aus der Basler Crossair, Basel schon lange abhandengekommen. Am Himmel über dem Rhein drehen vor allem Easyjets ab.

Weshalb wollen alle weg?

Es gab offensichtlich eine Zeit – man reiste damals vor allem im Zuge –, in der man in Basel einfach wegwollte. Das zeigen die historischen Werbungen in der grossen Bahnhofshalle. Der Vierwaldstättersee! Jungfraubahn! Berner Oberland! Silsersee! Basel?

Nehmen wir das Sechseläuten zum Anlass für eine Tour durch Basel. Sie führt uns weder zum Münster noch zum Barfüsserplatz oder zum Läckerli-Huus. Also reist der Zürcher nach Basel und beschäftigt sich mit einer anderen Stadt. Aussergewöhnlich, nicht nur für einen Zürcher. «Eine Stadt beschäftigt sich gerne mit sich selber und mit seiner eigenen Geschichte», wird Benedikt Wyss später sagen. Der freischaffende Kurator ist heute unser Reiseleiter, er empfängt um 12 Uhr in seiner aktuellen Ausstellung «68-88-18», die sich mit Freiraum in Basel beschäftigt.

Freiräume sind so etwas wie das Leitmotiv unserer heutigen Tour de Bâle, die Wyss zusammengestellt hat. Sie führt uns an den Rhein, nach Deutschland, nach Frankreich und auf Areale, die einmal frei waren, die frei sind oder frei werden. Was passiert mit diesen Freiräumen? Das ist die Frage, die Wyss’ Ausstellung und seine Tour beantworten sollen.

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Vor der Ausstellung in einer kleinen Seitenstrasse parkiert Kurator Wyss seine schöne alte grüne Vespa – ein Olivgrün ist es, allenfalls Eukalyptusgrün, jedenfalls deutlich heller als die krokodilgrünen Trams, die hier Brücken zum Erzittern und Basler zum Shoppen nach ennet der Grenze bringen. Hier ist «Toleranzzone», gekennzeichnet durch eine gestrichelte, ebenfalls krokodilgrüne Linie mit einem fantastischen Symbol: An einer Strassenlaterne steht aufreizend eine Piktogrammfrau. «Häsch Luscht, Schatzi?», fragen die Baslerinnen den Zürcher gleich reihenweise. Nett. Am selben Abend werden andere Zürcher im Joggeli mit Schmährufen eingedeckt – sie wissen sich auch diesmal auf dem Heimweg nicht mehr anders zu helfen und ziehen die Notbremse.

Ganz Basel eine Toleranzzone

Toleranz also. Benedikt Wyss sieht darin eine Basler Tradition. Die ganze Stadt eine grosse Toleranzzone. Er spricht nicht explizit von Toleranz, er benützt das Wort «dialogisch», vom Verständnis und dem Respekt füreinander. Wir sitzen im Klara, einem neueren Restaurant zwischen dem Claraplatz und dem ­Messezentrum. Am Ende der Strasse blitzt weiss die neue Halle der Messe Basel von Herzog & de Meuron, kurz HdM. Das Restaurant, eine Markthalle mit Foodständen, ist in den Räumen eines ehemaligen Textildiscounters untergebracht. In den ausgehöhlten Räumen hat Wyss während der letztjährigen Art Basel eine Baustellen-Ausstellung gezeigt. Hip ist ein Stichwort, das einem sofort in den Sinn kommt – aber nur, bevor man die Gäste gemustert hat. Hier verkehrt ein grösserer Querschnitt der Bevölkerung, als es an einem solchen Ort in Zürich der Fall wäre.

In der Ausstellung «68-88-18» geht es um Freiraum – wie auf unserer Tour de Bâle. Foto: Christian Flierl

Versuchen wir, ein Gefühl für Basel zu entwickeln. Wyss beginnt mit der ­Geschichte eines oft aufgeschlossenen Bürgertums, das Basel prägt. Das Bild der einflussreichen Basler, die sich als Ermöglicher erkennen und Verantwortung wahrnehmen. Villenbesitzer, die ihre Villen vor dem Abbruch eine Weile Künstlern überlassen. Da war Oberst ­Albert Wellauer, der 1964 einer brasilianischen Bildhauerin einen Raum in der Kaserne organisierte und von dem die Legende geht, mit jeder halben Flasche Roten hätte er ein weiteres Zimmer an einen Künstler, eine Künstlerin vergeben.

Jetzt aber auf die Vespa und los!

Wir fahren an den Rhein, in den Holzpark Klybeck. Das Thema hier: Bretterbuden. An ihnen lassen sich drei verschiedene Konzepte von Freiraum ablesen. Das Areal ist gegen die Stadt durch eine Reihe nackter Platanen gesäumt. Hoch oben in den Kronen sind grosse Vogelnester sichtbar. So baut die Natur, Konzept 1. Da ist in einer kleinen Ecke eine kleine Wagenstadt, Konzept 2. Sie ist wild entstanden und wurde durch die «verordnete Besetzung» an den Rand gedrängt. Hier unten konnte man sich um einen Platz bewerben, es gibt nun – Konzept 3 – auch Bars und Restaurants, Skaterparks oder einen Musikpavillon.

Im Holzpark Klybeck sind verschiedene Konzepte von Zwischennutzung sichtbar. Foto: Christian Flierl

Entlang der Flussböschung reihen sich weitere Baracken, Favelas – sie erzählen stellvertretend von den Problemen, die eine verordnete Besetzung mit sich bringt. An der Art Basel 2013 gab es eine Kunst-Favela, erbaut vom japanischen Künstler Tadashi Kawamata. Das rief «richtige Besetzer» auf den Platz, die gegen die Cüpli-Favela antanzten. Die Sache endete mit einem Grosseinsatz der Polizei, «Die Situation war verfahren», sagt Wyss. Noch lange nach dem Umzug in den Hafen ging eine Baracke in Flammen auf. In der Ausstellung ist das Video von Tanz und Räumung zu sehen. Es geht ruppig zu und her.

«Die Fronten verwischen»

Glaubt man Wyss, ist das eher untypisch für Basel. In der Stadt gebe es ein Bewusstsein für die anderen Interessen, man gehe die Sache heute eher strategisch als kämpferisch an. Das führe dazu, dass sich die Fronten verwischen. «Man weiss gar nicht mehr, wer eigentlich der Gegner ist.» Und da schwinge die Gefahr mit, dass still und leise gentrifiziert werde, dass «die Gentrifizierung einfach so passiert».

Am gegenüberliegenden Ufer stehen riesige Zelte, die gurgelnde und rumpelnde Geräusche von sich geben. Dort werden Böden dekontaminiert. Chemie, Belastung, Verseuchung. Das sind Stichworte, die Benedikt Wyss auf der Fahrt Richtung Padel-Halle nach hinten ruft. Klybeck – korrekt heisst es Klybeck plus – ist ein riesiges Areal der Novartis, das in den kommenden Jahren frei wird. Hier übrigens steht der erste Bau 1 von Basel, so ziemlich das Gegenteil vom Bau 1 von HdM: ein unscheinbares Gebäude der Verkehrsbetriebe.

Das ehemalige Verteilzentrum des Grossisten Coop gehört inzwischen auch der Stadt. Sie verwaltet die Halle, in der ein Padel-Feld steht. Rosaroter Court, gefasst von Panzerglas und Gitter, properes Licht in russgeschwärzten Hallen. Alles abgefuckt – ausser Padel. Paragraf 6 an der Regelwand: «Pflege dein Outfit. Spiel mit Stil». Das Spiel ist eine Mischung aus Tennis und Squash. Wir schlagen einige Bälle, Wyss gewinnt das Duell mit 7:4.

Auf vielen dieser neuen Brachen – das Wort Entwicklungsgebiete hat sich in Wyss’ Wortschatz geschlichen – passiere das Gegenteil von Besetzung. Top-down werden Zwischennutzungen konzipiert. «Deren Vorteile hat die Volksbank schon Anfang 90er beim Schlotterbeck erkannt: eine neue Energie, die auch zu Imagezwecken genutzt werden kann, zur Inspiration der Banker – und die Künstler aus den Ateliers bespassten Aktionäre an der GV.» Was kritisch tönt, will Wyss aber nicht als Kritik verstanden wissen. Denn: «Die Kritiker vergessen, dass es auch für Künstler oder Padel-Idealisten angenehm ist, ein verlässliches Gegenüber zu haben. Mein Raum ist doch nicht frei, wenn ich ständig Angst vor seiner Räumung habe.»

«Basel hört eben nicht an seiner Grenze auf», sagt Benedikt Wyss. Er sagt es drüben in St-Louis, Frankreich.

Wyss startet die Vespa, und wir fahren über die Grenze nach St-Louis. Dort steht ein roter Porsche mit Aargauer Nummernschild am Strassenrand. Sonst ist hier alles sehr französisch. Wir stipvisitieren die ehemalige Distillerie von Fernet-Branca. Ein weiss gestrichener Industriebau, in dem früher ein Digestiv hergestellt wurde und der heute Kunst beherbergt. Die repräsentative Fassade steht gegenüber einem schmucklosen Bahndamm. Auf dem Dach eine grüne Kugel in den Fängen eines Adlers, das Markenzeichen. «Basel hört eben nicht an seiner Grenze auf», sagt Wyss.

Eine Grenzstadt, «umzingelt» von Basellandschaft, Frankreich, Deutschland, brauche eine gewisse Offenheit. Wyss spricht von einem «Unabhängigkeitsdrang» gegenüber der Schweiz. Wir wollen nun in die Petite Camargue Alsacienne, dieses Naturidyll, verfahren uns aber heillos, sodass die Zeit irgendwann knapp wird. Dort gäbe es zwar keine Flamingos, wie behauptet wird, aber Hunderte anderer Vögel und eine wunderbare Natur zu bestaunen. Dafür waren wir jetzt noch schnell in Deutschland.

Das hat Tinguely schon erledigt

Wir fahren zurück nach Kleinbasel, setzen uns in den Innenhof der Kaserne. Hier spielte die Geschichte von Oberst Wellauer und Mary Vieira. Die Fasnacht müssen wir noch verhandeln. Immerhin ist sie unlängst zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt worden. Weltkulturerbe! Der Begriff ist rückwärtsgewandter als der Anlass selber. Er würde wohl viel besser zu unserem Sechseläuten passen.

Wyss zuckt mit den Schultern. Die Fasnacht gehöre ganz selbstverständlich zur Stadt, ist einfach da. Er habe sie vor zwei Monaten mit künstlerischen Interventionen «ergänzt» respektive sie mit dem Künstler Johannes Willi in die Kunsthalle gebracht. «Die Fasnacht», sagt er dann, «kann gar nicht verharren. Ihr Zweck ist es, die Gegenwart zu verhandeln.» Sicher gebe es Traditionalisten, aber zu sprengen gebe es «grad relativ wenig». Das hat schon Tinguely übernommen. Er sprengte 1974 einen Wagen vor dem Comité, das die Umzüge der Cliquen auf ihre Konformität prüfte. Es gab dichten Rauch, Todesanzeigen auf das Comité wurden verteilt.

Ein Tinguely auf der Gästeliste täte dem Sechseläuten gut . . . Bis am Montag in Zürich, liebe Baslerinnen und Basler!

PS. Benedikt Wyss schlägt noch eine Kurzvariante für einen Basel-Besuch vor. Man braucht dazu weder Vespa noch viel Zeit: für den Überblick hoch zum Margarethenkirchlein, für den Einblick in die Ausstellung «68-88-18».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2018, 21:05 Uhr

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