Vor ihm zittern die Zürcher Bauherren

Den Mächtigen der Stadt fügte Anwalt Peter Heer schon einmal eine unerwartete Niederlage zu. Nun hilft er den Kritikern des Grossumbaus im Hochschulquartier.

Peter Heer: Der Rechtsanwalt aus Baden zieht für die Gegner des neuen Zürcher Hochschulquartiers vor Gericht. Foto: Doris Fanconi

Peter Heer: Der Rechtsanwalt aus Baden zieht für die Gegner des neuen Zürcher Hochschulquartiers vor Gericht. Foto: Doris Fanconi

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Diese Zürcher Geschichte handelt von Macht und Widerstand. Sie handelt von der Suche nach der Wunderwaffe, mit der man Riesen bodigt. Und von einem Mann in einem Glasturm, der wissen könnte, wo man sie findet. Fast wie im Märchen, aber mit offenem Ausgang.

Ein Journalistenteam der «NZZ am Sonntag» hat kürzlich folgende These über Macht in der Stadt Zürich aufgestellt: Wenn man wissen will, wer hier wirklich das Sagen hat, muss man nur den Baukränen folgen. Man muss sich fragen, wer es schafft, seinen Willen zu Stahl und Beton gerinnen zu lassen, trotz engster Platzverhältnisse und gegen allen organisierten Widerstand.

So betrachtet, sind in Zürich selten mächtigere Akteure am Werk als derzeit im Hochschulgebiet. Dort wird ein ganzes Quartier umgepflügt, in Dimensionen, die alles Bestehende sprengen. Ohne Mitsprache der Stimmberechtigten. Möglich ist das, weil dort gleich drei Riesen zusammenspannen: Uni, ETH und Unispital. Alles Institutionen mit höchstem Ansehen, bestens vernetzt bei der Wirtschaftselite, protegiert von der Kantonsregierung, sekundiert vom Stadtrat. Hinzu kommt mit Martin Waser ein Cheflobbyist, der als früherer SP-Stadtrat einen direkten Draht zur stärksten Partei der Stadt hat.

Coup bei der Siedlung Ringling

Wer gegen eine solche Übermacht antritt, braucht – mangels magischer Wunderwaffen – einen überzeugenden Anwalt. Am besten einen jener Sorte, die ihr Büro gerne ganz oben im höchsten Gebäude der Stadt haben. Und tatsächlich: Dort trifft man auf diesen Mann. Allerdings sitzt er nicht im Zürcher Prime Tower, sondern überraschenderweise ein gutes Stück flussabwärts in einem Turm mit Blick über das Städtchen Baden. Und dafür gibt es gute Gründe.

Bilder: Das neue Hochschulquartier

Um sie zu verstehen, muss man zurückblenden zum grossen Coup vom Sommer 2016. Damals krachten in Zürich-Höngg die Pläne für eine grosse Genossenschaftssiedlung in sich zusammen. Das Bundesgericht hatte die Einwände von Nachbarn gegen das Projekt namens Ringling gutgeheissen, für viele vollkommen überraschend. Weder Stadt- noch Gemeinderat hatten Bedenken gehabt, genauso wenig die Zürcher Gerichte und Baurechtsexperten.

Der Mann, der diesen Coup möglich gemacht hat, war Peter Heer, Rechtsanwalt bei der 100-jährigen Badener Traditionskanzlei Voser. Keiner, der durch äusserliche Extravaganzen im Kopf hängen bleibt. Akkurat frisiert, tadellos gekleidet, Grau in Grau. Dennoch fällt er aus dem Rahmen: Er überragt seine Klienten um mindestens einen halben Kopf und würde auch als Langstreckenläufer durchgehen. Der 57-Jährige wirkt wie ein sorgsam gestaltetes Werbeversprechen: seriös und ausdauernd. In Baden hat er für die FDP politisiert, als Baurechtler die Behörden immer wieder vor Bundesgericht gezogen – in jedem dritten Fall mit Erfolg.

Beim Ringling sei er von Anfang an überzeugt gewesen, dass sich der lange Weg durch die Instanzen lohne, sagt Heer. Seine Aussenseiterrolle sei ihm zugutegekommen, glaubt er. «Am Ringling hatten in Zürich so viele Leute ein Interesse, dass man leicht unter Druck geraten konnte.» Die Gegenseite habe damals auch seine Kanzlei zu beeinflussen versucht. Es gab einen Anruf: ob man sich eigentlich im Klaren sei, was man da für ein Mandat habe? «Ein Zürcher Anwalt ist dem stärker ausgesetzt: Er muss befürchten, von dieser Seite in Zukunft keine Aufträge mehr zu bekommen.»

Hinterfrage, was andere hinnehmen

Der zweite Vorteil des Aargauers war der des unbefangenen Blicks. Keine Schere im Kopf. Wer dagegen seit vielen Jahren in Zürich als Anwalt tätig sei, könne im eigenen Urteil gehemmt werden: Er kennt die Gerichtspraxis so gut, dass er im Geist immer schon den Richter hört. «Wenn ich ins Zürcher Planungs- und Baugesetz einsteige, fallen mir Dinge auf, die ein Zürcher Kollege kaum mehr wahrnimmt», sagt Heer.

Im Fall Ringling hatte er genau deshalb Erfolg. Weil er hinterfragte, was andere hinnahmen. Dinge, die man «immer schon so machte». Konkret warf er der Stadt vor, gar sorglos ein Grossprojekt zu erlauben, das die Grenzen der Bauordnung sprengt. Streitpunkt war die sogenannte Arealüberbauung, eine Sonderbewilligung, um grösser zu bauen, die aber im Gegenzug nach «besonders guter Gestaltung» verlangt. Diese liess sich beim Ringling nicht nachweisen. Der Riese war gebodigt.

Das hat sich herumgesprochen: Zwei von drei Rekurrenten gegen den Umbau des Hochschulquartiers wollten sich Heers Dienste sichern. Dieser hat schliesslich das Mandat der «Arbeitsgruppe Besorgte Bürger» übernommen, der es nach eigener Darstellung nicht ums eigene Gärtchen geht, sondern ums Stadtbild. Ihr Ziel ist es, die Höhe der Neubauten zu reduzieren – aber die Taktik, die sie jetzt unter der Regie von Heer und seiner Kollegin Lea Sturm verfolgt, erinnert an den Ringling.

Im Kern lautet der Vorwurf erneut: Die Behörden hebeln die geltende Bauordnung aus, ohne es mit dem Gesetz allzu genau zu nehmen. Diesmal geht es nicht um das Instrument der Arealüberbauung, sondern um jenes des kantonalen Gestaltungsplans – eine andere Sonderbewilligung für Grossbauten. Die kantonale Baudirektion hat das Hochschulquartier in sechs solche Pläne unterteilt. Drei davon sind bereits festgesetzt und werden nun angefochten.

Heer und Sturm argumentieren, dass dieses Instrument laut Gesetz nur für einzelne Bauten und Anlagen vorgesehen ist – ursprünglich vor allem für Deponien. Man könne nicht einfach sechs solche Gestaltungspläne zusammenpappen und so ein ganzes Quartier am Volk vorbeibauen. «Die Stadt kann uns kein anderes Beispiel nennen, wo der Kanton mittels Gestaltungsplänen derart stark in ihre Bauordnung eingreifen durfte», sagt Heer. Jener fürs Polizei- und Justizzentrum, auf den sie verweise, sei nicht vergleichbar, sondern zeige vielmehr die korrekte Anwendung: Dort gehe es um ein einzelnes Gebäude, wenn auch ein grosses. Jene zwei Zürcher Kanzleien, die für betroffene Nachbarn Rekurs erhoben haben, sähen das gleich. Die Stadt äussert sich wegen des laufenden Verfahrens nicht dazu.

In erster Instanz beschäftigt sich derzeit das Baurekursgericht mit dieser Frage. Aber Heer ist bereit, ein weiteres Mal bis vor Bundesgericht zu gehen – sofern sich nichts Entscheidendes ändert. Bis jetzt gibt es aber keine Anzeichen, dass die Behörden bereit wären, Konzessionen bei der Höhe der Bauten zu machen. Diese Haltung kommt Heer vertraut vor: «Der Dampfer ist zu gross und schnell, um ihn noch zu bremsen.» So war das beim Ringling damals auch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2018, 22:59 Uhr

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