Die teuerste Besetzung Zürichs

Derzeit läuft die Ausschreibung für die gemeinnützigen Wohnungen auf dem Koch-Areal. Die Umnutzung des Geländes könnte einen Wertverlust von mehr als 35 Millionen Franken bedeuten.

Von der Erfolgsgeschichte zum Millionenverlust: Der besetzte Teil des Koch-Areals. Foto: Thomas Egli

Von der Erfolgsgeschichte zum Millionenverlust: Der besetzte Teil des Koch-Areals. Foto: Thomas Egli

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Als 2013 das damalige Industriegelände besetzt wurde, dachte wohl noch niemand daran, wie teuer dieser Häuserkampf für Zürich noch werden wird. Im ersten Moment schien es gar, als würde sich das Gelände gut eignen, um das Besetzerproblem der Stadt zu lösen. Vor allem, als sich die Bewohner der Binz und des Labitzke mehr oder weniger friedlich dazu überreden liessen, ihr besetztes Haus zu räumen und nach Altstetten zu ziehen.

Ende 2013 kaufte die Stadt Zürich dann das Areal der UBS ab – für 70,25 Millionen Franken. Seither gehört ihr die knapp 30'000 Quadratmeter grosse Liegenschaft zwischen Flur-, Rauti- und Flüelastrasse, zu der ein mehrstöckiger Bürokomplex, ein grosser, zum Teil überdeckter Platz sowie mehrere kleine Nebengebäude gehören. Bewohnt wird das Areal von 100 bis 150 meist jungen Leuten. Es entstanden Restaurationsberiebe und Ateliers.

Miete zahlen müssen sie alle nicht, aber die laufenden Kosten übernehmen. Auch müssen sie die feuerpolizeilichen Auflagen erfüllen. Zudem mussten sie ein Depot von 25'000 Franken hinterlegen, das nach Abschluss der Besetzung die zu erwartenden Entsorgungskosten decken soll. Als es letzten Sommer zu Lärmklagen kam, ging die Stadt erst so weit, dass sie den genervten Anwohnern neue Wohnungen anbot. Als das zu einem Skandal führte, musste der Polizeivorsteher Richard Wolff das Dossier abgeben, und Finanzvorstand Daniel Leupi handelte harte Bedingungen aus, welche die Akzeptanz im Quartier merklich steigerten.

«Im Moment läuft eine Bauträgerausschreibung»

Da aber die FDP der Stadt Zürich auf den politischen Zug aufgesprungen ist und eine Initiative lanciert hat, welche die Stadt dazu zwingen soll, das Areal zu verkaufen, musste sich die links-grüne Mehrheit beeilen, einen Plan für die künftige Nutzung des Areals vorzulegen. Der sieht unter anderem 340 gemeinnützige Wohnungen vor sowie eine gewerbliche Nutzung und einen Park. «Im Moment läuft eine Bauträgerausschreibung», sagt Norbert Müller, Leiter des Projektstabs des Stadtrats. Dabei geht es darum, welche Genossenschaft das Areal überbauen darf. «Bis Ende September ist die Auswahl abgeschlossen», sagt Müller. Dann soll informiert werden.

Wovon bisher nicht die Rede war, sind die finanziellen Konsequenzen des Vorgehens. Gemäss internen Schätzungen der Stadt führt die künftige Nutzung des Areals zu einem massiven Wertverlust. Konkret geht es laut Informationen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet um einen Abschreiber von mehr als der Hälfte des Kaufwerts, also um über 35 Millionen Franken. Das heisst, pro Hausbesetzer wurden 250'000 Franken Verlust produziert. So viel wie noch nie.

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Dazu Müller: «Wenn auf dem Koch-Areal wie geplant gemeinnützige Wohnungen und ein Park entstehen, geht die Liegenschaft vom Finanzvermögen ins Verwaltungsvermögen über. Das ist voraussichtlich mit einer Abwertung verbunden.» Zur konkreten Zahl von 35 Millionen sagt er: «Es liegen erste Schätzungen zum Wert des Areals vor. Im Moment werden die überprüft.»

100 bis 150 Leute wohnen dort bis heute gratis

Im Übrigen habe die Bevölkerung ja gewollt, dass die Stadt billigen Wohnraum bereitstellt. Müller: «Wenn das Volk sagt, die Stadt müsse 33 Prozent gemeinnützige Wohnungen bauen, dann führt das dazu, dass die Stadt auch teures Land kaufen muss.» Und es entstehe halt meistens eine Abwertung, wenn Land, das vorher in der freien Wohn- oder der Dienstleistungszone war, für gemeinnützige Wohnungen verwendet wird.

Gleichwohl stellt sich die Frage der politischen Verantwortlichkeit. Denn zu reden gab schon 2013, wie die Stadt das Gelände kaufte – nämlich durch einen Stadtratsbeschluss am Parlament vorbei, weil der Kauf angeblich dringlich war. Und es ging um die Befriedung der Hausbesetzerszene, also der 100 bis 150 Leute, die dort bis heute gratis wohnen.

Video: Stadtrat Leupi informiert 2016 über die weiteren Entwicklungen

Severin Pflüger, Präsident der FDP Zürich, sieht die Stadt in der Verantwortung: «Das Areal war überzahlt.» Verantwortlich für den riesigen Abschreiber ist laut Pflüger der linke Stadtrat, insbesondere Finanzvorsteher Leupi. Pflüger: «Auch wenn man vom Anliegen des gemeinnützigen Wohnungsbaus ausgeht, war das eine völlig ineffiziente Aktion.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2017, 19:58 Uhr

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