«Geiler Sound!»

Basswellen, Flamingos, Sixpacks – und einfach jede Menge Spass. Die Street Parade ist irgendwie ansteckend.

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Es reisst einen mit. Jedes Mal. «Die Street Parade ist eröffnet», verkündet Parade-Präsident Joel Meier vom vordersten Love-Mobile, und dann beginnt der DJ mit seinem Set. Erst erklingen ein paar Töne, dann kommt der erste Beat und dann der Bass. Ein Bass, der wie eine Welle über das Partyvolk hinwegbrandet und die Magengrube durchknetet. Die Hände schnellen in die Höhe, alles schreit und johlt. Niemand bleibt stehen, jeder tanzt.

Diese ersten Töne kurz nach 14 Uhr, der Start der grössten Party der Schweiz, sind immer etwas Besonderes. Alles wartet gespannt auf diesen Augenblick. Und als hätte jemand auf einem Regiepult einen geheimen Knopf gedrückt, schieben sich just in diesem Augenblick die Wolken auseinander und die Sonne scheint auf die Szenerie. Ein Moment, dem sich niemand entziehen kann. Die Parade beginnt zu rollen und zieht alle mit sich.

«Smettila, Gianni!»

Während sich die 25 Love-Mobiles an der Bellerivestrasse langsam in Bewegung setzen, warten die Raver in den Quaianlagen beim Utoquai unter den Bäumen, plaudern, trinken Bier, rauchen, einige gehen schwimmen. «Smettila, Gianni, fa schifo!», sagt ein Mädchen in Strapsen genervt zu ihrem Kollegen, der breit grinsend wie ein Derwisch um sie herumscharwenzelt. Viele sprechen Italienisch. Oder Französisch. Deutsch hört man weniger als in früheren Jahren.

Alleine ist kaum jemand unterwegs. An die Parade geht man offenbar am liebsten im Rudel und dann möglichst im gleichen Outfit, damit man als Gruppe gut erkennbar ist. Vielleicht auch, damit jeder seine Leute anhand des Tenues auch dann wiedererkennt, wenn der Alkohol- oder Drogenpegel stärker angestiegen ist. Die Mädchen verkleiden sich als Krankenschwestern, Dominas, Polizistinnen oder Blumenmädchen. Die Jungs tragen Superheldenkostüme oder kommen einfach oben ohne – schliesslich haben sie viel Energie in ihre Sixpacks investiert, und es gibt in diesen Breiten nicht so viele Gelegenheiten, um das Werk so zur Schau stellen zu können.

Best of Street Parade 2017: Die Bilder der grössten Tanzparty der Schweiz (Video: TA)

Soundmatsch und Flamingos

Inzwischen ist es kurz nach 15 Uhr, und die Wagen nähern sich dem Bellevue. Die Beats der Opera-Stage vermengen sich mit jenen des «Friends of Street Parade»-Mobiles am Anfang des Zuges. Der Takt stimmt nicht überein. Das kann passieren, wenn man sich zu weit von einem DJ-Pult entfernt. Die Klänge prasseln konfus und untanzbar von allen Seiten auf einen nieder. Man muss sich schon für die eine oder andere Musikquelle entscheiden, sonst geht man gnadenlos im Soundmatsch unter.

Besonders fies ist dieser Effekt am Bürkliplatz. Dort fahren die Love-Mobiles direkt an der Mainstage vorbei. Ein Clash der Tempi. Die Raver scheint das nicht zu kümmern. «Geiler Sound», schreit einer dem anderen ins Ohr. Der nickt nur verstrahlt zum Beat – allerdings nicht zu jenem, den sein Freund meint. Egal. Hauptsache, Musik. Hauptsache, Party.

Es ist 17 Uhr, und der Tross zieht unermüdlich weiter in Richtung Enge. Die Körper ruckeln und zucken hinter und neben den Lastwagen, dazwischen wackeln ein paar aufblasbare Flamingos durch die Luft, das Maskottchen der Parade 2017. «Ein bunter Partyvogel», sagen die Veranstalter – einer von vielen auf dem diesjährigen Logo des Events. Die Raver tragen die Tierchen auf dem Kopf, auf den Schultern, zwischen den Beinen. Die pinken Punkte sind überall auszumachen.

Die hässlichen Auswirkungen des Konsums

An den Rändern der Umzugsroute machen sich langsam die hässlichen Auswirkungen des übermässigen Konsums bemerkbar. Auf den Trottoirs kauern Mädchen, die sich nicht mehr auf den Beinen halten können. Männer pinkeln an Hauswände oder liegen in einer Bierlache am Strassenrand. Einige laufen ziellos mit weit aufgerissenen Augen durch die Seitengassen, die Pupillen zu schwarzen Tellern geweitet.

«Wir sind beim Bahnhof Enge! Beim Bahn! Hof! Enge!», schreit einer in sein Handy hinein. Viele haben sich im Getümmel verloren. Die meisten stört das allerdings nicht. Partymachen geht ab einem gewissen Punkt auch alleine, und irgendwann findet man sich dann schon wieder. Irgendwie.

Die Party aus der Luft: Bilder vom Helikopterflug über der Street Parade (Video: TA/SDA)

Friedlicher Massentanz

Vorne am Seebecken ziehen die Love-Mobiles bereits an der Rentenanstalt vorbei in Richtung Hafendamm Enge, dem Endpunkt der Parade. Es ist 19 Uhr. Die Organisatoren geben bekannt, dass 900'000 Menschen in diesem Jahr die Street Parade besucht haben. Kaum weniger als im vergangenen Jahr, als die Temperaturen wesentlich wärmer und das Wetter freundlicher war.

Die Ersten machen sich langsam auf den Heimweg, aber die Party geht noch weiter. Und sie ist bis zu diesem Zeitpunkt friedlich verlaufen. Mag sein, dass man sich mit dem übermässigen Konsum, dem Müll und der Musik nicht anfreunden kann. Aber schlussendlich ist die Street Parade einfach ein grosses Fest, an dem ganz viele Menschen Freude haben und diese miteinander teilen. So schlecht ist das nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2017, 21:15 Uhr

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