Jetzt sammelt die SP für eine vierte Hardturm-Abstimmung

Auf der Strasse punktet die SP besonders mit einem Schlagwort. Nun hat sie bereits die Hälfte der notwendigen Unterschriften für ihre Stadion-Initiative beisammen.

Emotionale Diskussionen: SP-Nationalrätin Jacqueline Badran beim Start der Unterschriftensammlung zur Stadion-Initiative.

Emotionale Diskussionen: SP-Nationalrätin Jacqueline Badran beim Start der Unterschriftensammlung zur Stadion-Initiative. Bild: Urs Jaudas

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Das lässt SP-Nationalrätin Jacqueline Badran nicht auf sich sitzen. Samstagnachmittag, Lochergut. Die Zürcher Sozialdemokraten haben mit der Unterschriftensammlung für ihre Stadion-Initiative begonnen. Jacqueline Badran ist soeben eingetroffen. Sie wirft die Hände in die Höhe: «Wer ist Fussballfan? Hier unterschreiben.» Da ruft ein Mann aus dem Hintergrund: «Heuchlerpartei-SP. FCZ-Fans wählt nie mehr Sozis.» Badran zögert kurz. Dann schreitet sie los. Der Mann geht an Krücken, er hat sich bereits abgewandt. Sie stellt ihn zur Rede. «Eine Heuchlerin? Nein, das bin ich auf keinen Fall.» Er solle stehen bleiben und gefälligst argumentieren.

Die Stadtzürcher Genossen werden derzeit viel für ihre Stadion-Politik kritisiert – selbst von der eigenen Stadtpräsidentin. Die SP hat für das aktuelle Projekt «Ensemble» die Nein-Parole beschlossen. Gleichzeitig wollen sie mit ihrer Volksinitiative eine weitere Abstimmung über ein neues Hardturmstadion. Die Initiative fordert einen Rahmenkredit von 130 Millionen Franken von der Stadt für ein öffentlich finanziertes Fussballstadion auf dem Hardturmareal. Damit will die SP die zwei 137 Meter hohen Wohntürme verhindern.

Türme sind umstritten

Der 63-jährigen FCZ-Fan scheut Badran nicht. «FCZ-Fans sind eigentlich mehrheitlich Sozis und wollen das Stadion, abgesehen von einigen radikalen, die nicht auf den Hardturm wollen», sagt er. Ohne Stadion seien beide Clubs dem Niedergang geweiht. «Am Schluss gibt es keinen FCZ, kein GC mehr. Sondern es spielt Züri United.» Badran sagt: «Mit diesem Projekt haben sie keinen Spatenstich vor 12 Jahren.» Rekurse des «Höngger-Freisinns» würden es verzögern. Und am Schluss gebe das Bundesgericht den Rekurrenten vielleicht noch recht.

«Die Höngger haben sich den besten Bauanwalt geholt.» Badran meint damit Peter Heer. Ihm gelang, was Baurechtsexperten, Stadt- und Gemeinderat kaum für möglich hielten: Er bodigte vor Bundesgericht die Pläne für die grosse Genossenschaftssiedlung Ringling in Höngg. Und dieses Mal nehme er die Hochhäuser ins Visier, die höher als der Prime Tower und ein «städtebauliches Unding» seien, sagt Badran und fügt an: «mit Luxuswohnungen auf städtischem Land».


Bildstrecke: Der neue Hardturm


Das Schlagwort Luxuswohnung verfängt am Samstagnachmittag. «Wollen Sie hier gegen mehr Luxuswohnungen im Kreis 5 unterschreiben», lautet die Einstiegsfrage von Oliver Heimgartner, Geschäftsleitungsmitglied der SP Stadt Zürich, wenn er rund ums Lochergut die Leute anspricht. Und mehr Luxuswohnungen, das wollen viele Zürcherinnen und Zürcher nicht. «Viele meiner Freunde fanden keine Wohnung mehr in der Stadt, als sie ihre verlassen mussten», sagt eine 70-Jährige. Diese Wohntürme verstünde sie nicht. Sie unterschreibt.

Eine andere Zürcherin will eigentlich gar kein neues Stadion. «Wir brauchen nicht noch mehr Hooligans», aber man habe 2004 einem neuen Stadion zugestimmt, deshalb akzeptiere sie diesen Willen – im Gegensatz zu teuren Wohnungen. Sie unterschreibt.

Ein Mann signiert in der Hoffnung, die SP-Initiative beerdige ein Stadion endgültig. Ein anderer hält wenig von SP-Manns Heimgartner Einstiegsfrage: «Habakuk. So kann man das nicht formulieren. Es gehe bei den Wohnungen um die Querfinanzierung des Stadions.» Er unterschreibt nicht, seine Tochter schon.

Eine «schräge» Situation

Damit wären wir bei den Berechnungen der Finanzen. «Unredlich, irreführend und wohl auch gesetzwidrig». All dies sei die SP-Initiative, schreibt Alt-Gemeinderat Niklaus Scherr (AL) in einem kürzlich veröffentlichten Blog. Seine Kritik in Kürze: Die SP fordere lediglich einen Rahmenkredit von 130 Millionen Franken, von gemeinnützigen Wohnungen stehe nichts.

Es sei deshalb völlig offen, wie viele Wohnungen erstellt würden. Insgesamt würden es weniger Wohnungen werden, als mit den Hochhäusern. Zudem: Die 130 Millionen Franken klammerten die Landkosten von bis zu 44 Millionen Franken und die Kosten für die Altlastensanierung einfach aus. Die Bewilligung dieser beiden Ausgabenpositionen werde schlicht an den Stadtrat delegiert.

Für die SP war Jacqueline Badran wesentlich an der Berechnung beteiligt. Sie gibt ausnahmsweise Scherr nicht recht. «Schräg», sei die Situation, hätten sie doch seit Jahren zusammen für gemeinnützige Wohnungen gekämpft. Sie werde eine Replik schreiben.

«Das alles hat null, nada, nichts mit dem Wahlsieg zu tun.»Jacqueline Badran, SP-Nationalrätin

Ihre Sichtweise versucht sie nun dem Fan vor dem Lochergut zu erklären. Zürich käme das «Ensemble» teurer als ein eigener Bau. Land, das die Stadt im Baurecht abgibt, wie in diesem Fall für das Stadionprojekt, erhält sie irgendwann zurück. Das ist der sogenannte Heimfall. Dafür muss die Stadt aber eine Entschädigung zahlen. Laut Badran müsste die Stadt in 92 Jahren den Credit Suisse Anlagefonds 1,3 Milliarden Franken bezahlen. «Das ist die offizielle Schätzung der Stadt aus den Kommissionsunterlagen», sagt sie. Bei einem gemeinnützigen Projekt seien diese Kosten viel tiefer. Denn: Bei einem kommerziellen Projekt zahle die Stadt 80 Prozent des künftigen Wertes, bei einem gemeinnützigen 50 Prozent des dannzumaligen. «Egal welche Zahlen Sie nehmen, das ergibt immer eine gigantische Diskrepanz.»

Badran ist davon überzeugt, auch mit einem kleineren Volumen, also weniger Wohnungen, könnte ein gemeinnütziges Projekt die Kapitalkosten für ein städtisches Stadion finanzieren – wegen der Heimfallregelung und mit den Baurechtzinsen. «Das wäre ein Gratisstadion, nicht das ‹Ensemble›.»

Selbst wenn das so sei, entgegnet der Fan, er sei enttäuscht von der SP: «Wieso kommt ihr erst jetzt mit dieser Initiative?», fragt er Jacqueline Badran. Eine Frage, die den Sozialdemokraten oft gestellt wird und gleichzeitig ein Vorwurf ist. Sie hätten eine Kehrtwende nach dem Wahlsieg gemacht. Es sei ein Machtspiel. Und das erzürnt Badran.

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«Das alles hat null, nada, nichts mit dem Wahlsieg zu tun.» Seit das Geschäft in der Kommission ist, also seit vergangenem Oktober, stünde die SP dem Projekt kritisch gegenüber. Sie stellten einen qualifizierten Rückweisungsantrag, der eine Abkoppelung «des Projektrisikos Hochhäuser» aus dem Projekt verlangte. Sie fanden aber keine Mehrheit. «Und jetzt stehen wir da wie der Spielverderber. Aber das macht man nicht ohne Not», sagt Badran. Die demokratischen Prozesse liessen weder einen Gegenvorschlag, noch eine Mitsprache zu den Ausschreibungskriterien zu einem früheren Zeitpunkt zu. Der Gemeinderat konnte nur entweder Ja oder Nein sagen.

Weil man nicht den Spielverderber sein wollte, habe die SP schon oft Projekten zugestimmt und die Faust im Sack gemacht. «Aber wenn die ganze Fraktion überzeugt ist, dass ein schlechtes Projekt vorliegt, das frühestens in zwölf Jahren zu einem Stadion führe – wenn überhaupt – und obendrein den Steuerzahler noch mehr koste, dann muss man einfach mal Stopp sagen und eine Alternative bieten», sagt Badran.

Bereits die Hälfte der Unterschriften gesammelt

Eine Unterschrift vom FCZ-Fan erhält die Nationalrätin trotz ihrem emotionalen Votum nicht, dafür eine Einladung zu einem Cappuccino und er nimmt den Heuchler-Vorwurf zurück.

Heute Sonntag teilt die städtische SP mit, dass am ersten Sammelwochenende bereits über die Hälfte der benötigten 3000 Unterschriften zusammengekommen sei. Sie will die Initiative noch vor der Abstimmung am 25. November einreichen. Aber was, wenn die Stimmbevölkerung dem neuen Hardturmstadion zustimmt? «Dann», sagt Jacqueline Badran, «ziehen wir die Initiative zurück.»


Video: Canepa zum neuen Stadion

«Eine optimale Lösung»: FCZ-Präsident Ancillo Canepa. Video: Nicolas Fäs (September 2017)


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2018, 15:45 Uhr

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