Pauli sieht sich als Opfer

Er habe sich nie gross um Politik gekümmert, sagt der freigestellte Direktor des Zürcher Entsorgungsamts. Falsch habe er aber nichts gemacht.

Urs Pauli verteidigt sich.

Urs Pauli verteidigt sich. Bild: Keystone

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Der freigestellte Direktor von Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ) sieht sich als Opfer einer beispiellosen Vorverurteilung. Nachdem sein Anwalt am Freitag gegenüber Tagesanzeiger/newsnet ausrichten liess, Urs Pauli wolle keine Interviews mehr geben, nimmt dieser gegenüber der NZZ Stellung: «Wenn Sie zwanzig Jahre in der Stadt unterwegs sind, haben Sie halt nicht nur Freunde», sagt Pauli. «Wenn dann etwas passiert, wird alles hochgekocht, da wird es schnell emotional und politisch.» Er selber habe sich nie gross um Politik gekümmert, «ich hatte ja ein Unternehmen zu führen».

Das Aufspielen Paulis als CEO stösst einigen sauer auf, handelt es sich doch nicht um ein privates Unternehmen, sondern um ein durch öffentliche Gelder finanziertes Amt. Der ehemalige Präsident des Zürcher Gewerbeverbands, Richard Späh, stört sich schon lange an Paulis Gebaren. Für ihn ist der 58-Jährige ein «Unternehmer in Zwangsjacke»: «Er wollte ausbrechen, dabei hat er aber eine gewisse Selbstherrlichkeit entwickelt.»

«Hemmungsloser Amtsschimmel»

Pauli hingegen spricht von «hemmungslosem Amtsschimmel» und «bürokratischen Blüten», die er und sein Vorgänger Gottfried Neuhold Ende 90er beim Entsorgungsamt gefunden hätten. Die beiden hätten sich von der damaligen Stadträtin Kathrin Martelli (FDP) eine «Carte blanche» ausbedungen, weil eine Verselbstständigung von ERZ mittels einer staatlich kontrollierten AG politisch damals wie heute nicht mehrheitsfähig war. Sprich, Neuhold und Pauli sorgten für unternehmerischen Erfolg, dafür brauchten sie lästige bürokratische Regeln nicht allzu ernst zu nehmen. Martelli selber bestreitet, einen derartigen Freipass erteilt zu haben, attestiert den beiden aber, sie hätten «einen sehr guten Job gemacht».

Kasse für spontane Belohnungen

Den Finanzen nach zu urteilen, haben Pauli und Neuhold das zweifelsohne – von Millionen-Verschuldung kam es zu Millionen-Gewinn. Persönliche Bereicherungsabsicht konnte Pauli bis auf den 130'000 Franken teuren BMW, weswegen er angezeigt wurde, nicht nachgewiesen werden. Die sichergestellte Schwarze Kasse existiert gemäss Pauli seit 2001, als «Füllhorn für die Belegschaft». Für besondere Leistungen habe es für die Angestellten «ein Couvertli mit zweihundert Stutz» aus dieser Kasse gegeben.

Die Badelandschaft in den alten Klärbecken erklärt Pauli folgendermassen: «Ein Rückbau wäre schweineteuer gewesen», sagt er, «für den Umbau haben wir 2,5 Millionen Franken budgetiert, den Rest haben die Mitarbeiter in Fronarbeit erledigt. Und Sie glauben ja nicht, was das für die Firmenkultur bewirkt hat.»

Auch für die in einer Administrativ-Untersuchung kritisierten freihändigen Vergaben ohne öffentliche Ausschreibungen an immer wieder dieselben Firmen hat er eine Erklärung: Es sei aus Kostengründen gemacht worden. Es sei besser, wenn die Auftragsempfänger den Betrieb schon kennten. Dass der Sohn von Ex-Direktor Neuhold bei der einen Firma arbeitet, sei Zufall.

«Der coolste Manager, ever»

Zu den Kostenüberschreitungen in der Höhe von 15 Millionen beim Neubau des Logistikzentrums Hagenholz, die von ERZ-Kadern durch Buchungen auf das Unterhaltskonto vertuscht wurden, sagt er nichts. Um bürokratische Vorschriften der Stadt zu umgehen, gründete er sechs Aktiengesellschaften. «Wenn Sie heute auf dem Markt bestehen wollen, brauchen Sie Partner», erklärt er. Die Gründung der AG habe im Gemeinderat zwar immer einen «riesigen Lärm» verursacht, aber nur so habe er auf dem Privatmarkt andocken können. «Das ging wunderbar, das konnte man immer so ein bisschen an den Gemeinderäten vorbei ...», sagt er.

SP-Nationalrätin Jacqueline Badran stellt sich hinter Pauli: «Er war einer der besten Amtschefs, welche die Zürcher Verwaltung je gesehen hat», schwärmt sie: «der coolste Manager, ever.» Er sei eigenmächtig gewesen, aber ohne «Funken böser Absicht». «Auch ich hätte eine schwarze Kasse angelegt und jedem, der sich abmüht, einen Tausender ausgegeben», sagt sie weiter. Der BMW sei billiger gewesen als Fahrten auf Spesen.

Paulis berufliche Zukunft ist ungewiss. Ursprünglich gelernter Elektriker, hat er auf dem zweiten Bildungsweg Betriebswirtschaft studiert. Er selber sagt nur so viel: Er werde sicher kein Berater wie andere «abgehalfterte CEOs». Dass er seine fristlose Kündigung akzeptieren wird, ist kaum zu erwarten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2017, 11:56 Uhr

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