Plötzlich eineinhalb Millionen weniger Mieterträge beim Stadion

Aktuelle Zahlen zeigen, wie viele Wohnungen tatsächlich in den Wohntürmen entstehen und wie viel sie einbringen sollen.

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Der Abstimmungskampf zum neuen Fussballstadion in Zürich dreht sich ums Drumherum – und um unterschiedliche Zahlen. Dafür sorgte die SP mit ihrem Angriff auf die beiden Wohntürme. Die Sozialdemokraten sprechen von 595 neuen Luxuswohnungen. Im Durchschnitt soll eine Vierzimmerwohnung mit 110 Quadratmetern dereinst 4000 Franken kosten. Mit diesen Zahlen wehrt sich die SP gegen das Stadionprojekt der Stadt und sammelte erfolgreich Stimmen für ihre eigene Stadion-Initiative.

Auch im Abstimmungsbulletin zückt die SP als Stadiongegnerin diese Zahlen als Argument. Doch in derselben Abstimmungsbroschüre stehen auch ganz andere Zahlen, jene nämlich, mit der die Stadt für die Vorlage weibelt. Sie schreibt: «In den beiden je 137 Meter hohen Hochhäusern sind 570 Zweieinhalb- bis Viereinhalb-Zimmer-Wohnungen und Gemeinschaftswohnungen im mittleren Preissegment (durchschnittlich 3200 Franken für eine Viereinhalb-Zimmer-Wohnung).»

Neue Zahlen nach der SP-Berechnung

800 Franken und 25 Wohnungen trennen die Gegner und die Befürworter in ihren Aussagen. Wie kommt es dazu? Die SP stützte sich bei ihren Berechnungen auf Informationen zum durchschnittlichen Mietpreis und der Gesamtfläche von 49'600 Quadratmetern, welche die Projektleitung der Kommission im November 2017 und im Frühjahr 2018 mitteilte. Nimmt man diese Zahlen, addiert 200 Franken Nebenkosten hinzu und rechnet diese dann auf 110 Quadratmeter hoch, erhält man die rund 4000 Franken, und die Zahl für den SP-Abstimmungskampf.

Video – Die Zürcher Stadion-Abstimmung in Kürze

Darum gehts: Zum dritten Mal stimmen die Stadtzürcher über ein Fussballstadion auf dem Hardturm ab. Video: Patrice Siegrist

Seit aber die SP gerechnet und ihr Resultat kommuniziert hat, haben sich zwei Angaben seitens Projektleitung geändert. Die Werte stimmen nicht mehr mit den Kommissionsunterlagen vom Frühjahr überein. Damals ging die «Ensemble»-Projektleitung tatsächlich noch von 49'600 Quadratmeter Wohnfläche aus, die einen jährlichen Mietertrag von 19,15 Millionen Franken erzielen sollten. Mittlerweile liegt die Gesamtzahl der geplanten Wohnungen und des geplanten jährlichen Mietertrags indes tiefer. Das zeigen Unterlagen, die dem «Tages-Anzeiger» vorliegen.

Neu sollen auf nur noch 45'900 Quadratmetern 240 Zweieinhalb-, 200 Dreieinhalb- und 130 Viereinhalb-Zimmer-Wohnungen – also insgesamt 570 Wohnungen – jährlich 17,62 Millionen Franken einbringen: Das sind 1,53 Millionen Franken weniger als noch im Frühling kalkuliert. Auf diesen tieferen Zahlen basieren nun auch die von der Stadt in der Abstimmungszeitung festgeschriebenen 3200 Franken Durchschnittsmiete (ohne Nebenkosten).

Patrick Pons, Sprecher des federführenden Finanzdepartements von Stadtrat Daniel Leupi (Grüne), bestätigt, dass die kommunizierten Mieten auf Berechnungen der Bauherrschaft basierten. Diese erachtet die Stadt als fundiert und nachvollziehbar. Zur SP-Rechnung sagt er: «Eine Kalkulation der Mietkosten per Dreisatz ist unüblich.» Zudem: Seit Kommissionsbeginn sind die durchschnittlichen Mietpreise pro Quadratmeter und die tiefsten Mietzinse pro Wohnungsgrösse nahezu gleich geblieben.

«Es ist eine Schweinerei, der Bevölkerung zu suggerieren, es handle sich um verbindliche Mietpreise.»SP-Nationalrätin Jacqueline Badran

Aber wieso verzichtet die Projektleitung bei der Kalkulation der Durchschnittsmieten plötzlich auf 1,53 Millionen jährlichen Mietertrag? Eine Sprecherin der Firma KMES, welche die Kommunikation für das Projekt «Ensemble» übernimmt, erklärt, dass man den Gestaltungsplan abgeändert hatte und rund 3700 Quadratmeter Wohnfläche durch zusätzliche Gewerbenutzung ersetzen musste. Dadurch würden vergleichsweise grossflächige Wohnungen weg- und die Gesamtmieteinnahmen aus den Wohnungen nun tiefer ausfallen. Zudem seien mit der nun verbleibenden Wohnfläche kleiner geschnittene Wohnungen geplant, um die Stückzahl annähernd beizubehalten. Die Investorin trage bis zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme und darüber hinaus sämtliche Risiken für Projekt-, Finanz- und Marktveränderungen.

Die SP kritisiert die Durchschnittsmieten, die die Stadt in der Abstimmungszeitung festhält. «Solche Preise anzugeben, ist ein Witz», sagt SP-Nationalrätin Jacqueline Badran. Es sei eine «Schweinerei, der Bevölkerung zu suggerieren, es handle sich um verbindliche Mietpreise». Badran macht den Vergleich zum Toni-Areal: «Bei der ZHDK wurden uns Studentenwohnungen versprochen, bekommen haben wir kleine Vierzimmerwohnungen ohne Balkon an einer vierspurigen Strasse für 6000 Franken im Monat.» Tatsächlich, im Baurechtsvertrag gibt es keine Auflagen zur Mietzinsentwicklung. Dem Anlagefonds der Credit Suisse ist es frei überlassen, die Mietzinse zu gestalten, und ob er Leerstände in Kauf nehmen möchte.

Der Markt im Kreis 5 sieht gemäss den Immobilienkennern von Wüest Partner derzeit so aus: Die Leerwohnungsziffer liegt bei 0,09 Prozent unterhalb des Stadtzürcher Durchschnitts. 10 Prozent der Vierzimmerwohnungen, die derzeit auf dem Markt angeboten werden, kosten mehr als 5150 Franken Miete pro Monat, ab dann spreche man vom Luxussegment. Die mittleren Mieten für Neubauprojekte im Kreis 5 betragen für eine Vierzimmerwohnung 3540 Franken, ohne Nebenkosten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.11.2018, 11:07 Uhr

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